Michael William Balfe (1808-1870):

The Bohemian Girl

deutsch Die Zigeunerin / Das Zigeunermädchen / französisch La Bohémienne

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1843
Uraufführung: 27. November 1843 in London, Royal Drury Lane Theatre
Verlag: New York: G. Schirmer, 1902

Zur Oper

Art: Oper in drei Akten
Libretto: Alfred Bunn nach der Ballettpantomime "La Gipsy" von J. Vermoy de Saint-Georges und dem Roman "La Gitanella" (Die Zigeunerin) von Miguel Cervantes
Sprache: englisch

Personen der Handlung

Thaddeus: polnischer Graf (Tenor)
Gouverneur von Pressburg: (Bariton)
Arlina: Zigeunermädchen, in Wirklichkeit die geraubte Tochter des Gouverneurs (Sopran)

Handlung

Es ist die Welt der Zigeuner, in der Alina aufwächst. Als kleines Mädchen wurde sie geraubt, und es fehlt das Bewusstsein ihrer edlen Herkunft. Alina wird verdächtigt, einem Edelmann Schmuck gestohlen zu haben und vor Gericht gestellt. Den Vorsitz hat der Gouverneur von Pressburg, der in Arlina seine verloren geglaubte Tochter wiederkennt. Der Freispruch bleibt nicht aus. Dem polnischen Grafen Thaddeus werden seine politischen Händel verziehen und er bekommt Arlina, die er schon immer liebte, zur Frau. Alle Anwesenden sind unsäglich gerührt.

Beschreibung

Man weiß heute nicht mehr, was die Ursachen waren, warum gerade diese Oper eine solche Resonanz auslöste. Das Libretto ist nicht besonderes originell, und Balfes Komposition dürfte in einer Zeit, in welcher das Dreigestirn (Giocchino Rossini, Gaetano Donizetti und Vincenzo Bellini) seine animalischen Instinkte auf der Opernbühne austobte, eher unscheinbar und angepasst gewesen sein. Man vergesse nicht: Der oppositionelle junge Giuseppe Verdi, heißblütig und vital, heizte mit einfallsreicher Melodik und hämmernden Rhythmen die Gemüter ein. Richard Wagner hatte seinen Tannhäuser-Skandal in Paris. Giacomo Meyerbeer versorgte die Bühnen der Welt mit historischen Schinken. Gegen diese erdrückende Übermacht mit nur einem oder zwei Werken zu bestehen, gelang nur wenigen zeitgenössischen Komponisten.

Balfe hatte keine Probleme, die prominentesten Opernstars für seine Schöpfungen zu begeistern. Guglielmo, wie die Italiener ihn liebevoll nannten, - charmant und talentiert - war mit der Pasta, mit der Grisi und mit der Malibran eng befreundet. Hilfsweise konnte seine Gemahlin, die Sängerin Lina Roser-Balfe, ebenfalls berühmt und gefragt, neue Partien einstudieren. Er war fähig, ob "Barbier" oder Bösewicht, die Bariton-Partien selbst zu übernehmen.

Gewiss, es war die erste englischsprachige romantische Oper von Bedeutung, aber mit einem Überschwappen auf den Kontinent und mit ständig wachsenden weltweiten Aufführungen hat selbst der Komponist nicht gerechnet.

Was war es also, was die Menschen faszinierte am böhmischen Mädchen? Zigeunerinnen hatten auf der Musikbühne immer einen hohen Stellenwert. Nicht alle waren rassig. Azucena fiel die Mutterrolle zu, Ulrica war eine Wahrsagerin, Mignon tritt eher bescheiden auf, Saffi weiß um die Kunst der Verführung. Die Inkarnation aller Zigeunerinnen ist die rassige Carmen, in ihrer Leidenschaft, in ihrer Lebensfreude und in ihrer Furchtlosigkeit, in allem bedingungslos. Doch Carmen hatte ihre Premiere erst 1875. Mignon, die dem böhmischen Mädchen wohl am nächsten kommt – beide sind in Wirklichkeit höhere Töchter und nur umständehalber verkleidete Zigeunerinnen - feierte ihren Geburtstag erst im Jahre 1866.

Es ist die tief im Unbewussten schlummernde Sehnsucht des Menschen, frei zu sein, von Zwängen der Etikette, der Gesellschaft, der Kleidung und der Sesshaftigkeit. Zigeuner sind frei, ziehen mit einem Wohnwagen umher und tanzen den ganzern Tag Tarantella oder Flamenco. War es diese Klischeevorstellung des Menschen nach Freiheit? Hatte der Kosmopolit Balfe diesen Nerv getroffen?

Balfe schuf die Oper auf einer Reise nach England, als er in Paris lebte. Napoeon III. war derart begeistert, dass Balfe das Kreuz der Legion d'honeure verliehen bekam.


Letzte Änderung am 12.8.2006
Beitrag von Engelbert Hellen