Vincenzo Bellini (1801-1835):

Beatrice di Tenda

deutsch Beatrice von Tenda

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1833
Uraufführung: 16. März 1833 in Venedig (Teatro La Fenice)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 150 Minuten
Erstdruck: Mailand: Ricordi, 1833 ?
Verlag: New York: Garland Publishing, 1980
Bemerkung: Der anfängliche Misserfolg der Oper zerbrach die Freundschaft mit dem wohl besten Librettisten Felice Romani, so dass die beiden nie wieder zusammen arbeiteten.

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[Details]
Beatrice di Tenda (Berlin, DDD, 91)
Vincenzo Bellini (1801-1835)

H. Schönegger in FonoForum 3 / 93: "Paolo Ga- vanelli präsentiert seinen markant timbrier- ten, an Bruson gemahnenden Bariton in aus- gezeichneter Form. Lucia Aliberti stellt die Fertigkeiten einer Belcanto-Primadonna, die sie alle besitzt - Diminuendi, schwebende Piani, lockere Fiorituren, gleitende Läufe, gesto- chene Koloraturen, raffinierte Dynamik - in den Dienst einer ausdrucksstarken Rollenge- staltung. Die ebenso sorgfältige wie lebendige Aufführung wird von Fabio Luisi gesteuert, der in vernünftigem Maß Kontraste der Dynamik und des Tempos einsetzt und gleichzeitig Aus- gewogenheit sichert. Da bleibt kein Wunsch offen."

Zur Oper

Art: Lyrische Tragödie in zwei Akten
Libretto: Felice Romani
Sprache: italienisch
Ort: Italien
Zeit: zu Beginn des 15. Jahrhunderts

Personen der Handlung

Filippo Maria Visconti: Herzog von Mailand (Bariton)
Beatrice di Tenda: seine Gemahlin (Sopran)
Agnese di Majno: seine Geliebte (Mezzosopran)
Orombello: Herzog von Ventimiglia (Tenor)
Rizzardo del Maino: Bruder von Agnese (Tenor)
Anichino: Vetter Beatrices (Tenor)
Weitere: Richter, Volk

Handlung

1. Akt:

Der Festsaal des Schlosses von Binasco ist hell erleuchtet. Man feiert wie allabendlich, doch Filippo, der Herzog von Mailand, ist verdrießlich und möchte die fröhliche Gesellschaft verlassen. Er macht keinen Hehl daraus, dass seine eheliche Verbindung mit Beatrice ihm emotional erheblich zu schaffen macht. Was sind die Ursachen? Ganz ungeniert spricht er mit der Hofgesellschaft über seine persönliche Krise. Diese reagiert angepasst, lässt es aber auch an deutlichen Ermahnungen nicht fehlen. Den Duce stört, dass die Mitgift seiner Frau an Vermögen und Immobilien seiner Macht Glanz verleiht, er aber lieber aus eigener Kraft leuchten möchte. Zusätzlich verfolgt ihn Beatrice mit Liebe und Vorhaltungen, was ihm den Tagesablauf vergällt. Gefühle vorzutäuschen, die er nicht empfindet, und das ewige Lamentieren seiner Angetrauten sind ihm eine Pein. Der Länder, die sie ihm gegeben hat, soll sie sich nicht ständig rühmen! Immer rechnet sie ihm ihre Wohltaten vor. Die Höflinge raten dem Herzog, seine Macht zu nutzen, um Zustände, welche ihm nicht passen, zu beenden. Andauerndes missmutiges Gebaren von seiner Seite könnten ihr loyales Verhalten beeinträchtigen. Kühne Worte für eine Clique, die es gewohnt ist, zu schmeicheln. Oder wollen die Heuchler mit ihren Ermunterungen dem Herzog ein Alibi geben, zu bewerkstelligen, was er ohnehin im Sinne führt?

Die schöne Agnese macht sich bemerkbar und singt eine Romanze. Die Leute sollen doch nicht glauben, dass die Macht die einzige Freude auf der Welt sei. Ohne zarte Liebe leidet das Herz auch auf dem Thron. Wo die Liebe nicht lacht, gibt es keinen heiteren Tag. Das Leben trägt keine Blüten, wenn die Liebe sie nicht nährt. Die göttliche Agnese, wie wahr sie spricht! Seit dem Beatrice im Hause ist und nervt, wird Philipp durch keine einzige Blüte mehr erheitert. „Beatrice untersagt es“ informiert der Chor das Publikum. Die schönsten Frauen, die Italien besitzt, könnte Philipp genießen. Alle wollen ihm gefallen, und eine Menge Blumen würden sich zu seinen Füßen ausbreiten, wenn er endlich frei wäre. Doch Philipp verzichtet auf die Auswahl. Ihn reizt nur eine: die göttliche Agnese. Oh, wie er sie anbetet! Sie ist der Friede in seinem Zorn, die Freude inmitten seiner Tränen. Wie viel sein Mund der Geliebten sagen könnte. Sein Thron könnte ihr goldenes Herz nicht aufwiegen. Der Chor unterstützt seine Gelüste und wiegelt ihn auf. Er soll sich von der List leiten lassen und die verhassten Bande brechen. Vielleicht hat das Schicksal schon Vorkehrungen getroffen und er braucht nach der Gunst bloß noch zu haschen.

SZENENWECHSEL

Orombello hat sich zu nächtlicher Stunde im Palast des Herzogs verlaufen. Er geht dem Klang einer Laute nach, landet im Schlafzimmer von Agnese und fragt: „Wo bin ich?“. Sofort entschuldigt er sich und verweist auf seine angeborene Neugier. Im Vorübergehen hat er süße Töne gehört und wollte nur einmal nachsehen, von welcher entzückenden Hand sie zum Erklingen gebracht werden. Ach, er soll doch nicht gleich wieder gehen. Vielleicht ein kleiner Becher mit süßem Rebensaft gefällig? Und ansonsten hatte der Herr keine weiteren Wünsche als nur der lieblichen Musik zu lauschen? - Aber Agnese, welche Wünsche sollte der fremde Herr wohl haben? - Hat sie ihn im herzoglichen Gefolge nicht leise stöhnen gehört? - Ausgeschlossen! - Jetzt redet Agnese unverblümt. Hat er ihr Briefchen nun bekommen oder nicht? Er soll sich nicht dümmer anstellen, als er aussieht. Glücklich soll er sich nennen. Wie sieht es mit Liebe aus? - Weiß Agnese wirklich alles? Oh ja, Göttliche Beatrice. - Agnese schreit auf! Welchen Namen hat sie da vernommen? O grausames Geheimnis! Die Blamage ist perfekt und die Verstörung auch. Orombello versucht zu beschwichtigen. Er hat die Unglückliche weder beschimpft noch verhöhnt. - Gehen soll er, der Grausame, bevor ihr Zorn sich entflammt. Keinen Frieden wird sie mehr finden auf dieser Erde. - „Ah perdona, perdona...“.

SZENENWECHSEL

Im Schatten der Bäume des weitläufigen herzoglichen Parks kann Beatrice durchatmen. Beim Duft der herrlichen Blumen scheinen die Strahlen der Sonne erheblich sanfter. Der Chor der Damigelle stellt fest, dass ihr Lächeln auch diejenigen erheitert, die kläglich und schwach sind. Die treuen Freundinnen ahnen nicht, dass eine Blume dahinwelkt, wenn man ihren Stängel knickt. Die heitere Sonne kann nicht mehr helfen. Sie ist so eine Blume, die dahinsiecht und langsam sterben muss. Ist das der Dank von Philipp, den sie verteidigt und auf den Thron gehoben hat? Wem hat sie ihren Boden, ihr heimatliches Volk zur Beute gegeben, und sich selbst noch dazu? O welche Schande! Ihr armes Volk muss nun büßen, was sie verkorkst hat. Die Damigelle wissen Trost. Die Tugend wird nicht immer unterdrückt sein. Aus den Qualen wird sie friedlicher und schöner hervorgehen.

Der intrigante Richard und Philipp sind Beatrice gefolgt und beobachten sie aus der Ferne. Der wachsame Blick des Herzogs folgt ihr überall nach. Wohin sollte sie auch entfliehen können? Er stellt sich vor, dass sie ihn verrät, weil er darauf wartet und bebt vor Wut. Noch fehlen die Beweise, dann ist er sie los. Die Geheimnisvolle irrt an verborgenen Orten ständig umher. Sie will keine Zeugen für ihre Seufzer, weil sie dem Gemahl eine Last sind. Wenn er wüsste, weshalb sie seufzt, wären ihre Betrübnisse ihm auch keine Last. Die schuldigen Gedanken liest er ihr von der Stirn ab: Hass und Groll trägt sie in ihrem Herzen. - Was glaubt der Undankbare eigentlich? Es ist der Schmerz eines verletzten Herzens, Tränen der Liebe, enttäuschte Hoffnungen und der Irrsinn einer grausamen Eifersucht. - Ja, eifersüchtig sei sie auf die Flammen einer anderen Liebe. Wut und Schande, das Resultat einer treulosen Seele, haben Besitz von der Boshaften ergriffen. Sie soll sich nicht so verstellen. Sichere Beweise für ihr Vergehen hat er in Händen und hält ihr ein Briefchen vor die Augen. In ihre Geheimnisse ist er eingedrungen und hat heimlich ihr Handtäschchen durchwühlt. Wie schamlos! Die Klagen ihres lieben Volkes hat ein Unbekannter zu Papier gebracht. Philipp soll nicht nach gemeinen Vorwänden suchen und ihre Ehre achten. Philip bebt vor Wut und glüht vor Eifer. Beatrice möchte die Briefe unbedingt zurück. Tatsächlich hat sie ein schlechtes Gewissen und der grausame Felice Romani lässt den Opernbesucher im unklaren, von wem die Briefe sind und was genau drin steht. Deshalb kann das Publikum dem unwürdigen Verhalten Beatrices im Moment auch nicht mehr folgen. Sie schimpft ihn einen Feigling, der den Schrei eines makellosen Herzens fürchten soll.

SZENENWECHSEL

Orombello sucht die Nähe von Beatrice und weiß nicht, in welche Falle er sich begibt und Beatrice mit hineinzieht. Gut gemeint, ihr helfen zu wollen, aber schlecht durchdacht. Von den Gefolgsleuten Rizzardos, Agneses Bruder, wird er verfolgt, die darauf warten, die beiden bei einem Stelldichein erwischen zu können, um es dem Herzog zu melden. Tatsächlich plant Orombello einen Umsturz und kündet Beatrice in seiner Einfalt von tausend treuen Armen, welche ihre verletzten Rechte schützen und ihre Schmach rächen werden. Der Herzog aus Ligurien kennt Beatrice noch von früher. Sobald es Nacht wird, will er mit ihr aus den Mauern von Binasco fliehen. Er sieht keine Hindernisse. Seit seiner Jugend sei er in übergroßer Leidenschaft zu ihr entflammt. Beatrice schickt den Wahnsinnigen fort. Ihr tadelloser Ruf soll unversehrt bleiben. Zu spät, o Himmel! Die Nichtswürdige! Nun wird ihre Schande offenbar. Agnese mischt kräftig mit. Unglückseliger Tag. Man wälzt sich im Kompott der Gefühle - jeder liebt den Falschen. Das Quartett beschuldigt und bezichtigt sich gegenseitig moralischen Fehlverhaltens, bis der Vorhang fällt, um damit den ersten Akt zu beschließen.

2. Akt:

Die Folterung Orombellos ist so schrecklich, dass sie dem Opernpublikum nicht gezeigt werden kann. Dafür wird sie aber von den Höflingen und Ehrendamen im Detail durchgesprochen. Dreimal in die Höhe gezogen und dreimal zu Boden gekracht, hat der Gefangene zunächst widerstanden. Nachdem aber ein Ende der Prozedur nicht abzusehen war, gab er unter dem Druck der Qualen nach und hat Beatrice als Komplizin bestätigt. Ach die Unglückliche, die Arme, nichts kann sie mehr retten! Das Verhör von Beatrice hat begonnen. Ihr Verteidiger Anichino gibt zu bedenken, dass das Volk den Urteilsspruch nicht gutheißen wird. Filippo vertritt die Meinung, was heute nach Gewalt aussieht, werde schon morgen als Gerechtigkeit gewertet und lässt - um Zwischenfälle zu vermeiden - die Tore von Binasco schließen. Anichino kann sich nicht vorstellen, dass die Richter unbefangen sein können, wenn die Anklage vom Herzog selbst kommt. Dem Fürsprecher wird beschieden, dass er seinen Eifer zügeln soll. Die erhoffte Stunde ihrer Rache ist gekommen, aber Agnese fühlt sich nicht glücklich. Die Stimme des Gewissens erschreckt ihr Herz.

Das Vergehen Beatrices ist so finster, dass der Herzog von Mailand selbst genötigt ist, es anzuklagen, und er verspricht den Richtern, dass er ihrem Urteil höchste Qualifikation verleiht. Die Verdächtigte bestreitet die Autorität des Gerichts, weil sie nur Vasallen sieht. Philipp fühlt sich als Fürst und als Gatte verraten. Beatrice bleibt eine stichhaltige Antwort schuldig und ergießt sich in Schmähungen. Der gefolterte Orombello wird vorgeführt und bringt Agnese durch seine lädierte Erscheinung völlig durcheinander. Der Genannte beklagt leidenschaftlich, dass er unter der Tortur nicht sterben konnte und widerruft das erpresste Geständnis, nachdem Beatrice ihm reichlich Vorwürfe gemacht hat. Der Herzog spürt, dass er die öffentliche Meinung gegen sich hat, und der Verteidiger plädiert auf Freispruch für die beiden Beschuldigten. Das Gesetz muss geachtet werden, fordert der Richterchor, und das Verhör geht in die zweite Runde. Orombello hat seine Courage wiedergefunden und wettert, dass über die Köpfe des Tribunals der Himmel richten möge. Agnese wird von ihrem schlechten Gewissen geplagt. Philipp bietet ihr die Krone an, damit sie endlich aufhört, zu flennen. Beatrice ist zäh und hält hochnäsig die Folter durch. „Komm Freund“ sagt sie zu ihrem Mitverurteilten „leiden wir gemeinsam, für eine kurze Qual bewahrt uns der Himmel unsere Ehre“. Wie üblich gibt sich der Chor wankelmütig und dreht sein Fähnchen nach dem Winde.

Das Urteil der Richter ist schriftlich fixiert, und nun ist es Philipp, der mit der Unterschrift zögert. Zu allem Überfluss wird jetzt auch noch das Schloss von Anhängern Facino Canes, dem ersten Gatten Beatrices, angegriffen. Die schönen Renaissance-Möbel im Schloss will der Mob geraderücken und plant Hausfriedensbruch. Der Irrsinn ist komplett. Der Herzog fackelt nicht länger und unterzeichnet das Urteil. Wozu noch foltern, wozu noch diskutieren? Die Belagerung durch die Anhänger seiner Frau sind Beweis genug. Beatrice wird zur Hinrichtung geführt. Aus der Ferne hört man das Wehklagen Orombellos. Die reumütige Agnese folgt Beatrice nach und bittet die Herzogin, von der sie glaubte, dass sie ihre Rivalin gewesen sei, um Verzeihung, die ihr desinteressiert gewährt wird. Der Chor soll nicht weinen! Wenn Beatrices Leben entflieht, nimmt sie seine Liebe mit nach oben. Das gerührte Opernpublikum bekommt von Beatrice für drei Stunden Mitgefühl leider keinen Trost gespendet und muss selbst schauen, wie es in seinem Schmerz heil nach Hause findet.


Letzte Änderung am 11.7.2007
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony