Georges Bizet (1838-1875):

Carmen

Allgemeine Angaben zur Oper

Anlass: Auftragsarbeit der Pariser Opéra Comique
Entstehungszeit: 1873-74
Uraufführung: 3. März 1875 in Paris (Opéra Comique)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 190 Minuten
Erstdruck: Paris: Choudens, 1875 (Klavierauszug)
Verlag: Mainz: Schott, 2004
Bemerkung: „Carmen“ ist eine der populärsten Opern, obwohl oder vielleicht gerade weil Georges Bizet und seine Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy mit ihr eine Figur geschaffen haben, die in all ihren Deutungen rätselhaft bleiben wird. Aus der harten, rücksichtslosen Andalusierin in Prosper Mérimées Novelle von 1845 formten die Textautoren eine starke, vielschichtige Persönlichkeit, die zu den bedeutendsten Frauengestalten der Operngeschichte gehört. Was bewegt Carmen zu ihrem Handeln? Für wen oder was begibt sie sich in all diese Abenteuer? Für die Liebe, die Freiheit? Und was erhofft sie sich von Don José, einem ängstlichen Sergeanten aus Navarra, der für Carmen Bataillon und Braut verlässt, um sie am Ende aus Eifersucht zu töten? Carmen - eine Femme fatale, erotische Projektion, soziale Außenseiterin oder anarchistische Freiheitskämpferin?

Bizets letzte Oper kreist um eine unvereinbare Beziehung zwischen zwei konträren Charakteren, die letztlich selbstzerstörerisch wirkt. Sie atmet spanisches Kolorit, ohne konkrete Anleihen in der andalusischen Folklore zu suchen. Mit der federnden Spannung der Rhythmen, die oft Tanzcharakter haben, einer Farbigkeit der lnstrumentierung und auch mit jener Vitalität und jähen Härte des scharf konturierten Ausdrucks hat sich Bizet das gleißend helle Ambiente Südspaniens erfunden, nach dem die Geschichte verlangt und das in seiner Exotik überzeugt. Als Auftragsarbeit der Pariser Opéra Comique 1875 uraufgeführt, enthält das Werk der Gattung entsprechend keine Rezitative, sondern gesprochene Dialoge.
Opus: WD 31

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Carmen (Capriccio, ADD, 1985)
Georges Bizet (1838-1875)

G. Heinsen in orpheus 6 / 96: "Alexandrina Milcheva mit sehr schöner, gutgeführter und schlanker Mezzo- stimme - eine runde, verführerische Leistung."

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Carmen (Decca, 2006)
Georges Bizet (1838-1875)

Stereoplay 02 / 09: "Schon mit dem ersten Auftritt von Anna Caterina Antonacci fängt die Bühne Feuer. Ihre Carmen ist eine Frau mit aggressiver Erotik. Sie singt ihren Part sehr kultiviert, ohne Schreien oder vulgäre Brusttöne. Jonas Kaufmann ist ein idealer Partner: Sein Portrait betont die neurotischen Züge des Don José, er identifiziert sich restlos mit der Figur des Loosers. Er singt mit makelloser Technik und gestaltet mit wunderbaren Zwischentönen."

Zur Oper

Art: Oper in vier Akten
Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy
Sprache: französisch
Ort: Sevilla
Zeit: ca. 1820

Personen der Handlung

Carmen: eine rassige Zigeunerin (Mezzosopran)
Don José: Sergeant (Tenor)
Escamillo: Stierkämpfer (Bariton)
Micaëla: ein Bauernmädchen (Sopran)
Zuniga: Leutnant (Bass)
Sergeant: Sergeant (Bariton)
Frasquita: Carmens Freundin (Sopran)
Mercédès: Carmens Freundin (Sopran)
Dancaïro: Schmuggler (Tenor oder Bariton)
Remendado: Schmuggler (Tenor)
Weitere: Soldaten, junge Männer, Zigarettenarbeiterinnen, Anhänger Escamillos, Zigeuner, Zigeunerinnen, Polizisten, Stierkämpfer, Gassenjungen (Kinderchor)

Handlung

1. Akt:

Ob Micaëla tatsächlich so naiv ist, wie sie tut, ist schwer auszumachen. Verschämt taucht sie bei den Militärs auf, um nach ihrem Liebsten zu fragen. Angeblich will sie Grüße von der Mutter ausrichten. Sie sucht nach Don José, der aber gerade mit der Wachablösung beschäftigt ist. Auf einen Flirt mit dem Sergeanten Moralès lässt Micaëla sich nicht ein, weil Treue eine Tugend ist, die man hochhalten muss, wenn man mit sinnlichen Reizen nicht besonders ausgestattet ist. Eine Gruppe Gassenbuben haben ihren Spaß an dem Glamour, den die blitzenden Uniformen der Soldaten verbreiten.

Das Gegenteil von Micaëlas Wesen ist Carmen, eine rassige Zigeunerin aus Navarra, die in der benachbarten Zigarettenfabrik arbeitet und eine Fangemeinde um sich versammelt hat. „Ja die Liebe hat bunte Flügel, solch einen Vogel zähmt man schwer“ erklärt sie ihren Anhängern. Die allseits Umworbene versucht, die Aufmerksamkeit von Don José zu erringen, der ihr seine Beachtung bisher nachdrücklich verweigert hat. Carmen fühlt sich nicht gewürdigt und setzt ihr Liedchen fort: „Die Liebe von Zigeunern stammt, sie fragt nicht nach Gesetz und Land...“ Dem Zögernden wirft sie eine Blume zu, die er verwirrt auffängt. Keine Zeit bleibt dem Verdutzten, seine Empfindungen zu sortieren, denn Micaëla hat ihren José ausgespäht und beansprucht nun seine Aufmerksamkeit für sich. Sie ist versessen darauf, den Kuss, den sie von Josés Mutter erhalten hat, an den Sohn weiterzugeben. Ganz schön raffiniert!

In der Fabrik sucht Carmen Streit mit einer Arbeitskollegin und - heißblütig wie sie ist - greift sie zum Messer, um die Meinungsverschiedenheit zu regeln. Immerhin ist die eingeritzte Verzierung in die Wange der Kontrahentin so schwerwiegend, dass der Leutnant - nachdem die Mädchen ihm die Ursache des Streits erzählt haben - die Täterin wegen Körperverletzung festnehmen lassen muss. Keine leichte Aufgabe für Don José, ihr die hübschen Hände zusammenzubinden. Sie versucht, den Landsmann für sich einzunehmen. Da er ihr das Sprechen verboten hat, singt sie verheißungsvoll, dass draußen am Wall von Sevilla ihr Freund Lillas Pastia wohnt, bei dem sie am Abend die Seguidilla tanzt und Manzanilla trinkt.

Er wird sie wiedersehen, lockt sie, wenn der Landsmann die Strenge des Gesetzes von ihr abhält. Die Blume hat ihre Zauberwirkung getan, Don José kann nicht widerstehen. Carmen versetzt ihm einen Stoß, dass er hinfällt. Er macht keinen Versuch aufzustehen, um die Flüchtende wieder einzufangen. Die Logik des Ablaufs leuchtet Zuniga nicht ein und der Vorgesetzte verhängt eine Sanktion in Form von Freiheitsentzug für Don José.

2. Akt:

Wer hätte von Carmen gedacht, dass sie in dunkle Geschäfte verwickelt ist? Tagsüber arbeitet sie in der Zigarettenfabrik, aber am Abend findet man sie in der Spelunke von Lillas Pastia, in der sie nicht kellnert, sondern den Gästen Zigeunerfolklore vortanzt. Wie leuchtet doch die Haut so braun, die bunten Ringe und das Goldgeschmeide. Wie herrlich sind im bunten Kleide die Zigeunermädchen anzuschauen.

Das Publikum ist gemischt. Schmuggler, mit denen Carmen gemeinsame Sache macht, verkehren unauffällig neben den Offizieren aus der Kaserne. Sogar der berühmte Stierkämpfer Escamillo aus Granada, ein Ausbund an Männlichkeit, tritt auf, um sein Lieblingsmotiv zu verkünden: „Auf in den Kampf Torrero...“ Frasquita und Mercédès sind hingerissen. Carmen verhält sich abwartend.

Der Arrest von José war nur von kurzer Dauer. Zur Freude von Carmen hat er seinen Besuch angekündigt und klopft nun an die Tür. Nein, undankbar war Carmen nicht. Sie hat ihm Geld geschickt und eine Feile, damit er die Gitterstäbe durchsägen kann, wenn er es vor Liebe nicht mehr aushält. Doch desertieren und die Karriere aufs Spiel setzen, zieht José nicht in Betracht.

Die Schmuggler hat Carmen fortgeschickt und nun will sie ganz allein für den Liebsten tanzen. Doch kaum angekommen, ertönt aus der entfernten Kaserne der Appell und José wird unruhig. Carmen ist verärgert, weil die Liebesnacht nun ausfällt, und es gibt Streit. José beteuert seine Liebe und erinnert sich an die Blume, die Carmen ihm damals zuwarf: „Hier an dem Herzen treu geborgen...“ Nun erscheint auch noch der Vorgesetzte, der sich eine heiße Nacht mit Carmen verspricht und will José fortschicken. Die Schmuggler, welche Carmens Liebsten zum Komplizen gewinnen möchten, bedrohen den Leutnant und veranlassen seinen Rückzug. Der Weg zurück ist José versperrt und er schließt sich der Bande an.

3. Akt:

Der Opernchor kommentiert: Nur mutig die Schlucht hinab, ihr Kameraden, dem der wagt, winkt reicher Lohn. Doch behutsam seid auf rauen Pfaden, ein falscher Tritt führt zum Abgrund. Der Librettist hat zudem die Vorstellung, dass es in der Stadtmauer von Sevilla ein Loch gibt, durch welches Schmuggelgut verschoben wird.

Carmens Liebe zu José ist bereits erkaltet. Er macht ihr Vorwürfe und sie sagt ihm höhnisch, er soll sich zu seiner Mutter scheren. Die Eifersucht Josés nervt die übrigen, er wird von weiteren Aktivitäten ausgesperrt und soll Wache schieben. Die Gruppe macht Rast und Carmen lässt sich von ihren Freundinnen die Karten legen. Auch nach wiederholtem Mischen verkünden sie den Tod. Na wenn schon, dem Schicksal kann man nicht entrinnen. Dancaïro warnt, die Zöllner hätten das Schlupfloch in der Mauer entdeckt. Doch Carmen beschwichtigt, dass Zöllner auch nur kleine Sünder seien. Ein Spruch, der Josés Eifersucht auflodern lässt.

Micaëla ist hartnäckig und allgegenwärtig. Sie hat sich einen Bergführer genommen und ist der Gruppe nachgefolgt. Der Bergführer ist ein Angsthase. Ihm ist die Gegend nicht geheuer, doch das kleine Bauernmädchen singt ihre schönste Arie: „Ich sprach, dass furchtlos ich mich fühle...“ Wer ebenfalls keine Angst verspürt, ist Escamillo, der Carmen nachgestiegen ist. Er gerät an Don José, der einen Warnschuss auf ihn abgegeben hat. Die beiden kommen ins Gespräch und Escamillo verrät aus Unachtsamkeit seine Empfindungen für Carmen. Der Eifersüchtige droht, wer ein Zigeunerkind seinem Stamm entreißt, muss dafür bezahlen. Das blanke Messer trifft die Entscheidung. Escamillo gibt sich überlegen. Wild erwacht in Don José die Wut und nun gilt der Kampfesmut. Doch Carmen fährt dazwischen und trennt die Kampfhähne. Beide können das Gesicht wahren und der Stierkämpfer reicht dem Rivalen die Hand zur Versöhnung. Leutselig lädt er die Anwesenden in die Stierkampfarena von Sevilla ein. Dancaïro zieht Micaëla aus ihrem Versteck und Don José will von ihr wissen, was sie hier sucht. Das gleiche fragen sich die Opernbesucher auch.

4. Akt:

Vor der Stierkampfarena von Sevilla spielt der letzte Akt des tödlich ausgehenden Dramas. Die Freundinnen mahnen Carmen, ihrer schlechten Karten zu gedenken und dem Kampfspiel fernzubleiben, denn sie haben in der Menge Don José ausgekundschaftet. Carmen, in eine kostbare Mantilla gehüllt, fürchtet sich nicht. Es ist nicht ihre Art, einer Auseinandersetzung auszuweichen. 

Escamillo betritt unter dem Jubel des Volks die Arena. „Auf in den Kampf, Torero“ feuern seine Anhänger den Siegesgewissen an. Stolz richtet er seine Augen auf Carmen und will wissen, ob sie ihn heiß und innig liebt und ob sie ihm angehören will. Sie schwört, noch nie hat sie einen Mann geliebt so wie ihn.

José hat aus seinem Versteck in der Menge den kurzen Dialog mitbekommen und will Carmen am Betreten der Kampfstätte hindern. Er kann seine Situation nicht einschätzen und versucht, die Angebetete umzustimmen. Ein neues Leben will er mit Carmen beginnen, wonach ihr überhaupt nicht der Sinn steht. Ihre Zuneigung zielt auf den Sieger in der Arena, dem ihre Leidenschaft gilt.

José fleht, doch Carmen bleibt sachlich. Was er verlangt, sei unmöglich, fern von ihr sei die Heuchelei. Ihr Herz bleibt unbewegt und zwischen ihnen sei es vorbei. Mag auch sein Blick den Tod ihr künden und sei das Ende nah. Sie weicht keinen Schritt zurück, denn sie hat ihre Prinzipien. Das Herz schlägt längst nicht mehr für ihn und er soll es nicht länger bestürmen. José hat es sich zu ihren Füßen gemütlich gemacht, doch sie verlangt, er soll den Weg freigeben. Es weichet Carmen keinem Gebot, treu will sie sich sein bis in den Tod. Carmen bestätigt ihre Liebe zu Escamillo, denn nur er ist all ihr Glück. In dem Moment, als in der Arena der Torero dem Stier den Todesstoß versetzt, holt José die enteilende Carmen ein und stößt ihr, als sie sich zu ihm umwendet, sein Messer ins Herz. „Nun denn so stirb“ sind seine letzten Worte.

Aus der Arena erschallt der Refrain: „Auf in den Kampf, Torero! Stolz in der Brust! Siegesbewusst!”


Letzte Änderung am 13.10.2008
Beitrag von Engelbert Hellen und Markus Hillenbrand