Christoph Willibald Gluck (1714-1787):

Iphigénie en Aulide

deutsch Iphigenie in Aulis / englisch Iphigeneia in Aulis

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1774
Uraufführung: 19. April 1774 in Paris (Académie Royale)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 150 Minuten
Erstdruck: Paris: Huguet, 1774
Verlag: Kassel: Bärenreiter, 1987-89
Bemerkung: In der einer späteren Bearbeitung gibt es kein Happyend: Iphigenie wird von Diane entrückt, um ihr an fernem Ort als Priesterin zu dienen und Achilles hat das Nachsehen. In der Oper „Iphigenie auf Tauris“ findet der Handlungsstrang seine Fortsetzung.

Kaufempfehlung

CD: Klassika CD-Kaufempfehlung bei jpc
[Details]
Iphigenie in Aulis (Orfeo, ADD/m/LA, 62)
Christoph Willibald Gluck (1714-1787)

Hermes Opernlexikon: "Festspiel-Produktion in der Salzburger Felsenreitschule, von Rennert inszeniert: Theater großen Stils, von Böhm ganz bewußt eher geschürt als kalmiert. Die Borkh und die Ludwig, Berry und King, alle prachtvoll bei Stimme, demonstrieren, wie sehr Glucks Musik zu packen mag."

Zur Oper

Art: Oper in drei Akten
Libretto: Marie-François-Louis Gand Bailli Du Roullet nach dem Drama von Jean Racine in Anlehnung an Euripides
Sprache: französisch

Personen der Handlung

Agamemnon: König von Mykene (Bariton)
Clitemnestre / Klytemnästra: seine Gattin (Mezzosopran)
Iphigénie / Iphigenie: seine Tochter (Sopran)
Achille / Achilles: Iphigeniens Verlobter (Tenor)
Calchas / Kalchas: Oberpriester (Bass)
Arcas / Arkas: Befehlshaber der Wache (Bass)
Patrocle / Patroklos: Freund des Achilles (Bass)
Diane / Artemis: Olympische Göttin (Sopran)
Weitere: Fürsten und Heerführer der Griechen, Thessalier, Leibwache des Agamemnon, Frauen der Klytämnestra, Mädchen von Aulis, gefangene Frauen von Lesbos, Priesterinnen der Artemis, Volk, Wachen, Frauen aus Argos im Gefolge der Königin und Iphigenies

Handlung

1. Akt:

1. Szene:

Die Ortschaft Aulis hatten die Griechen als Sammelpunkt ausgewählt, um sich mit ihren Verbündeten zu treffen. Ihr Plan ist es, den Trojanischen Krieg anzuzetteln, um Rache zu üben, weil einer der Söhne des Priamos die Königin von Sparta heimtückisch nach Troja entführt hatte. Diese Schmach wollen sie nicht auf sich sitzen lassen, aber möglicherweise ist die schöne Helena auch freiwillig mitgekommen - wer weiß? Wirtschaftliche Interessen, gepaart mit Geltungssucht des Klerus und der Rauflust der Krieger, sind es, die sie einen gewaltigen Aufwand treiben lassen, ohne vorher den olympischen Wetterbericht abzuwarten.

Zum Rudern zu faul, soll ihr Anführer König Agamemnon nun seine Lieblingstochter Iphigenie auf den Opferstein legen, weil die Göttin Diane - eigentlich heißt sie Artemis - auf ihn stocksauer ist. Er hatte mit seinem Jagdglück geprotzt , doch unglücklicherweise war das erlegte Wild eine Hirschkuh, die der Göttin geweiht war. Deshalb hat sie mit Äolus abgesprochen, die Winde an die Kette zu legen. Es regt sich nicht das leiseste Lüftchen.

Meteorologische Ursachen sind zu nüchtern und finden keinen Anklang, denn die kampfbereiten Krieger wollen Blut sehen, um sich auf das kommende Gemetzel einzustimmen. Sie werden zunächst vertröstet, dass der Name des Opfers noch bekanntgegeben wird. Doch Agamemnon glaubt dem Schwätzer Kalchas auch nur die Hälfte, wendet sich an die Göttin direkt und erteilt ihr eine Absage. Die harte Göttin befehle ihm vergeblich, ihr das gewünschte Opfer zu bringen. Umsonst verspricht sie ihm, dass der Kriegszug glückt, indem sie die Winde wehen lässt, die das Auslaufen der Flotte seit vierzehn Tagen verhindern. Um des Menelaos Schmach an den Trojanern zu rächen, ist es ihm nicht wert, die Prinzessin zu opfern. Dem Ruhm, der ihm schon sicher schien, kann er gern entsagen. Sollte es ihn auch das Leben kosten, Iphigenie, sein Kind, wird nicht geopfert werden - und damit basta!

Beschwerdeführend wendet er sich an Helios, der sein Flehen erhören und die schwere Last von ihm nehmen soll. Er möge die Schritte des Arkas, den er losschicken wird, in die richtige Richtung lenken, damit die Königin und seine Tochter, die im Heerlager erwartet werden, nach Mykene umkehren sollen. Käme Iphigenie nach Aulis, schützte nichts die vor dem Groll, den Diane noch hegt, nichts vor Kalchas, dem Jungfrauen mordenden Priester, und keine Macht vor der Wut dieses Volkes.

2. Szene:

Vom Opernchor wird Kalchas bedrängt:

„Warum dich so verschlossen zeigen?
Erzürnter Götter Befehl
dem Volke nicht länger verhehl'!
Kalchas auf, brich endlich Dein Schweigen!
Warum dich so verschlossen zeigen?
So sprich! Bring zu Ruh' ihre Wut,
verlangt die Gottheit eines Opfers Blut!“

Warum so ungestüm? Die Gottheit will es, dass ihr bald eine Antwort bekommt. Doch Kalchas tut so, als ob er es ihn ebenfalls schaudere, edelstes Blut fließen zu sehen. Scheinheilig bittet er die Göttin, ob sie nicht gnädig sein könnte; den armen Vater trifft es am Härtesten. Doch die Göttin kennt kein Erbarmen, kündet Kalchas, ehe der Tag endet wird das Opfer gebracht!

3. Szene:

Agamemnon sträubt sich, bei der Opferhandlung mitzuwirken und das Haupt der Tochter mit dem Opferband zu umwickeln, wird aber von Kalchas eingeschüchtert. Er solle Dianes strengem Befehl gehorchen. Agamemnon meint, dass er des Herzens Spur zu folgen hat, denn es sagt die Wahrheit im Gegensatz zu Orakeln, die auch zu lügen pflegen. Nein, er hat nicht vergessen, was er versprach. Sobald die Tochter herkommt und freiwillig seinem Befehl gehorcht, willigt er in das grausame Opfer ein. Durch Worte voll Trug soll man die Göttin nicht täuschen, mahnt Kalchas, ihr Blick dringe immer bis auf den Grund der Seele. Und wenn Iphigenies Tod beschlossene Sache ist, kann er ihre Lebenszeit auch nicht verlängern. Die Göttin wird die Schritte der Tochter lenken und diese führen direkt zum Opferaltar.

4. Szene:

Das Volk jubelt und eilt, Klytemnästra und Iphigenie zu empfangen. Agamemnons Herz fühlt beim Anblick seiner Tochter tiefen Schmerz. Kalchas macht dem Tiefgebeugten nochmals klar, dass er sich den Göttern zu fügen hat. Der Vater bittet, den Namen seines Kindes einstweilen noch zu verschweigen, denn die Mutter würde in Tränen zerfließen. Ah, da kommt das Opfer schon. Wie schön Iphigenie ist! Welche Anmut und welche Würde! Niemand kommt ihr gleich, schmeichelt der Chor.

5. Szene:

In Begleitung von Leibwache und Hofstaat kommt der prunkvolle Wagen von Klytemnästra und Iphigenie vorgefahren. Iphigenie soll die Huldigungen des Volkes genießen, während die Mutter schon vorgehen will, um zu schauen, ob der Herr Gemahl aufgelegt ist zu erscheinen. Iphigenie lässt ihre Augen umherschweifen. Aber sie kann Achilles, ihren Verlobten nicht entdecken.

6. Szene:

Klytemnästra kommt zurück und mahnt, schleunigst umzukehren, um die Ehre zu retten. Man übt Verrat an ihnen! Iphigenie ist überrascht. Warum will die Mutter umkehren, ohne dass sie Achilles gesehen hat, der sie so heiß umwarb? Achilles soll ihr in Zukunft nur noch hassenswert vorkommen. Er verdient es nicht, Ehegemahl genannt zu werden, denn ihn gelüstet nach neuen Liebesbanden. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Ihr Vater, welcher Schande befürchtet, befiehlt ihr die Flucht, nachdem er erfahren hat, dass Achilles sie verschmäht! Weit fort von hier soll sie sich begeben und nach Argos gehen, um den Schuft zu vergessen. Arkas war ihnen schon entgegengeeilt, um ihr den Befehl des Vaters zu übermitteln, hatte aber den Weg verfehlt. Ihr Kind soll stolz bleiben und mutig im Leide sein. Seufzen, welches sich nicht geziemt, sollte unterbleiben, denn der Verräter, der alle Eide brach, hat nur Hass verdient. Ihren Schrei nach Rache werden die Götter vernehmen und ihre strafende Hand wird das Haupt des Frevlers treffen.

7. Szene:

Iphigenie kann des nicht glauben, dass Achilles sie vergaß und ihrer Ehre nicht achtete. Hat er wirklich
ihre Liebe verschmäht und sie treulos verlassen?

„Mein Herz hat immer tief empfunden;
schnell bezauberte mich der junge Held
wie Ruhm und Pflicht befahl,
hatte ich ihn mir erwählt.
Aber ehe ich es mir gedacht,
konnte Liebe mich verwunden.

Verräter du, der mich vergaß,
nach neuer Liebe steht dein Trachten.
Ich muss dich Treulosen verachten,
und zwingen jetzt mein Herz zu ewigem Hass.
Wie glücklich war ich doch durch Deine Liebe.
Wie bitter ist's, dass sie verflog!
Ach, schon wird ungewollt
mein Blick vom Weinen trübe.
Darf man mich weinen seh'n
um den, der mich belog?“

8. Szene:

Achilles ist erstaunt, dass Iphigenie ins Feldlager gekommen ist, um ihn zu besuchen. Es kommt zwischen den Liebenden zur klärenden Aussprache. Wer erzählt denn solchen Quatsch, dass er ihr untreu geworden ist und ihm der Sinn nach Abwechslung stünde? Wie konnte solcher Argwohn überhaupt entstehen? Hätte sie ihn wirklich tief geliebt, wie sie vorgibt, hätte sie doch zuerst einmal ihn befragen können, anstatt ihn auf fremde Anschuldigungen hochmütig zu verurteilen! Niemals hat er aufgehört, sie zu lieben, und wenn sie noch länger an seiner Treue zweifelt, ist er tief gekränkt. Iphigenie glaubt ihm nun; für alle Zeiten ist der Argwohn aus ihrem Herzen verdrängt. Das Leid war größer als der Wahn. In einem Liebesduett bekräftigen sie, dass Hymen sie ehelich verbinden soll.

2. Akt:

1. Szene:

Der Chor weiß noch nicht, dass Iphigenie das auserkorene Schlachtopfer ist und macht dem Mädchen den Mund wässerig. Die schöne Braut soll unbesorgt sein, denn Achilles wird nun bald ihr Gemahl. Der Vater stillt den Wunsch der Tochter noch heute. Er weiß, dass er mit Achilles, Griechenlands Stolz und Freude, die richtige Wahl getroffen hat.

Iphigenie ist nicht überzeugt, denn Achilles weiß nur zu gut, dass des Königs Argwohn ihn verdächtigt, er sei treulos und liebe sie nicht mehr. Mit Recht fühlt der Held sich nun beleidigt und sein Gemüt hat sich verdüstert. Seinen Unmut wird er nun dem König vortragen, doch sie kennt des Vaters Unnachgiebigkeit und bittet Amor, dass er ihr Flehen erhören und des Vaters Herz erweichen möge.

2. und 3. Szene:

Die Tochter soll sich freuen, denn der König ordnet im Tempel selbst die Hochzeit an. Welcher Triumph für ihr Kind und welche Ehre für Klytemnästra selbst. Achilles erklärt, dass sein Glück auch der Wunsch der Eltern ist und stellt seinen Freund Patroklos vor. Er gibt ihr seinen Freund zum Geschenk, denn andere Sachen einzukaufen, bietet sich an diesem Ort keine Gelegenheit und ein größeres Vergnügen, als an dieser Freundschaft teilzuhaben, kann er seiner Braut ohnehin nicht machen. Das Volk ist aufgefordert Iphigenie zu huldigen; dazu gibt es Ballett. Niemand kann dem Achilles widerstehen und Troja wird sein Wüten bald zu spüren bekommen. Die Sklavinnen von Lesbos sollen mit ihren Bittgesängen zu Ende kommen - Achilles mahnt zur Eile; der König wartet schon am Altar. Iphigenie soll ihm das Glück bringen, nach dem sein Herz sich sehnt.

4. Szene:

Arkas kann nicht länger schweigen, da er sich sonst schuldig macht. Weh, dem unglücklichen Paar! Wo eilt es hin?. Es wartet nicht die Hochzeitszeremonie, sondern der Blutaltar! Arkas soll sich erklären, bittet Klytemnästra. Ihr Gemahl warte dort als Werkzeug der zürnenden Götter, denen er die eigene Tochter opfern will. Welche Schreckenstat! Welcher Frevel! Wer hat sich denn diesen ruchlosen Mordplan ausgedacht? Klytemnästra könne dem Arkas ruhig glauben. Iphigenie ist das unselige Opfer, welches die Göttin verlangt.

Noch ist der Opernchor spontan dagegen und will sie aus Mörderhänden befreit sehen. Aber wer weiß, wie lange dieser Wunsch noch anhält? Opernchöre sind im Allgemeinen wankelmütig! Klytemnästra wendet sich erschrocken an Achilles, dass er ihre Tochter schütze. Ihm traut sie zu, dass er selbst sein Leben für sie einsetzt. Dafür bürgen ihr sein Mut und sein zürnender Blick. Andernfalls bleibt seiner Braut nur der Tod.

Die Fürstin soll unbesorgt sein, dass der Fürst oder das Volk ihr Iphigenie entreißen könnten. Er sprach von Heirat, meinte aber ihren Tod. Achilles soll nicht vergessen, dass es trotzdem ihr Vater ist. Er ist ein Frevler und liefert sie dem Opfermesser aus, widerspricht Klytemnästra. Iphigenie will ihn trotzdem ehren und lieben. Ihn zwingt Dianes Zorn, aber sein Herz ist ihr geblieben! Die Götter sollen das Unheil abwenden und sich ihrer erbarmen. Einfacher machten sie es sich, wenn sie Achilles' Rache freien Lauf ließen.

5. und 6. Szene:

Achilles bittet Patroklos ihm zu folgen, doch der Freund will zuvor von ihm wissen, was er vorhat. Will er, von Rache verblendet, seinen Tod? Achilles beschwichtigt: die Anwesenden sollen zu ihm Vertrauen fassen, Agamemnon ist der Vater seiner Braut und somit auch ihm heilig; er wird sich zu bezähmen wissen.

Da er gerade kommt, ergreift Achilles das Wort und eröffnet ihm, dass er weiß, welchen Frevel er plant. Er ist auch informiert, dass er grausam und voll Arglist seinen Namen missbrauchte zu der furchtbaren Tat, die ein Mensch je erdacht hat. Doch er sorgt dafür, dass er sie nicht vollbringt. Und er, der ihn so schwer beleidigt und getäuscht hat, verdankt es allein seiner Liebe zu Iphigenie, dass er noch keine Rache nahm.

Der Verwegene solle schweigen, denn seine Kühnheit empöre ihn! Hat er bedacht, dass er über Griechenland herrscht und ein ganzer Schwarm von Königen sich ohne Widerspruch seinem Willen beugt?
Rechenschaft muss er nur den Göttern geben, und Achilles hat in Ehrfurcht vor ihm zu stehen und auf sein Wort zu warten.

Kann man diesen Stolz und diese Prahlerei noch ertragen? Nach dem Eid, den er geschworen hat, gehört seine Tochter ihm. Sein Wort gab er ihm als Pfand seines Glücks und er muss halten, was er versprach. Er soll mit seinen Beleidigungen aufhören und schweigend abwarten, welches Los ihr heute durch den Vater im Bund mit den Göttern bestimmt ist. Meint Agamemnon wirklich, dass er es dulden wird, dass er seine Braut morden will und er ihm auch noch hilft, diesen Frevel zu vollenden? Denkt Achilles etwa, dass er ganz seine Würde vergisst und länger dulden kann, was der Verwegene zu ihm sagt? Er wird das Mädchen bewahren vor seiner Mörderwut. Achilles soll an sich selbst erfahren, dass er sich vor seinem Groll zu fürchten hat. Wer ihm trotzt, hat es zu büßen, droht Agamemnon. Achilles quittiert, dass er ihn zuvor mit seinem Schwert durchbohren muss, sobald er Hand an seine Tochter legen sollte.

7. Szene:

Sein Drohen und sein Wüten werden ihre Opferung nicht verhüten. Doch dann kommen Agamemnon Bedenken, ob das Volk es wirklich verdient hat, dass er seine Tochter für ein bisschen Wind opfert. Es zerreißt es ihm das Herz, dass er die Tochter, die ihm allezeit so lieb war, aus der Hand geben und Mördern überantworten soll. Wie wird Achilles ihn beschimpfen und die Erinnyen erst, wie werden sie wüten, wenn die Tat nicht mit den übrigen Olympiern abgestimmt war? Nein, die Tochter wird nicht zum Opferaltar geschleppt. Iphigenie, sein Kind, wird nicht mit Kränzen umwunden und dem mörderischen Stahl ausgeliefert! Er hört im Geist schon das Natterngezisch der Rachegöttinnen. Aber wie soll er Diane versöhnen? Er selbst wird sich der Rache der zornigen Göttin stellen und ihr sein eigenes Leben anbieten, wenn sie sich nicht erweichen lässt: „Willst Du ihr Blut, nimm meines dafür!“

Agamemnon gibt seinem Herzen einen Ruck und befiehlt Arkas, die Königin auf den Weg nach Mykene zu geleiten. Er solle sie und Iphigenie aus der Gefahrenzone bringen, doch keiner darf etwas merken und die Tochter niemand zu Gesicht bekommen.

3. Akt:

1. und 2. Szene:

Wie vorauszusehen war, ist die Stimmung umgeschwenkt und hat sich gegen Iphigenie gewandt. Nein, nimmermehr darf es geschehen, dass der Göttin das Opfer entrissen wird, welches Diane sich ausgesucht hat. Der Priester soll Iphigenie zum Tode führen und ausführen, was die Göttin ihn geheißen hat.

Arkas will sie retten, doch Iphigenie sieht, dass er gegen die Wut des Volkes nicht ankommen wird und hält ihn von seinem Vorhaben ab. Er solle die Mutter eilends fortführen, damit sie die Tochter nicht sterben sieht. Mit ihrem Tod will sie die Götter versöhnen, das sei sei ihre Pflicht!

3. und 4. Szene:

Doch Achilles teilt ihre Ansicht nicht. Wenn der Pöbel ihn kommen sieht, rückt er ab; unter seinem Schutz kann die Braut sich sicher fühlen. Er versteht nicht, weshalb sie so lange zögert. Weiß sie nicht, dass sein Glück an ihrem Leben hängt? Ihm hatte sie es geweiht, aber der Himmel hat anders entschieden und sich gegen sie verschworen. Achilles sieht ein, dass er sein schweres Los tragen muss, aber bis zu seinem Tod wird er furchtlos sein, obwohl das Grab auf ihn wartet, sein letzter Seufzer gehört in jedem Fall ihr! Er war ihr in Treue ergeben, und doch sucht sie den Tod. Achilles ist richtig wütend und will sie bis zum Schreckensaltar begleiten, wenn sie sich nicht umstimmen lässt. Den Mörder Kalchas wird er mit seinem Schwert als erstes zum Tartarus schicken und wenn der Vater sich ihm entgegenstellt, fällt er ihn mit dem nächsten Streich.

Iphigenie ist zum Sterben bereit, weder Mord noch Verbrechen kann ihr Opfer verhindern. Der Chor bleibt
hart und mitleidlos.

5. Szene:

Die Mutter resigniert: Der Pöbel soll seine Wut stillen und den Frevel vollenden. In den Armen der Tochter will sie auch sterben. Bis zum letzten Hauch wird sie ihr Kind beschützen. Iphigenie will ihrer Bestimmung nicht entgehen und sie solle bitte nicht versuchen, sie der Menge zu entreißen, denn es brächte ihren Rang und ihre Würde in Gefahr. Ihr liegt an Rang, Ehre und Würde nichts, wenn man ihr die Tochter raubt, wird die Sonne für sie nicht länger leuchten. Für ihren Sohn Orest soll sie ihr Leben schonen und glücklich sein. Der Vater ist schuldlos, denn sie war es, die der Götter Zorn traf, und sie muss ihn erdulden. Die Mutter soll wohlleben und das ungebärdige Volk vor Scham erröten.

6. Szene:

Klytemnästra sieht die Einzelheiten des Opfertodes aus ihrer Sicht, obwohl es so weit noch gar nicht ist:

„O Tochter!
Sehet dort schon das Messer gezückt,
das der entmenschte Vater
zum Opfern geschärft,
und Kalchas umringt vom Volk,
das nach Opferblut dürstet,
ist schon bereit.
Er nimmt jetzt das grausame Messer,
stößt es in ihre Brust,
und sein forschender Blick liest im Herz,
das noch zuckt,
was die Gottheit befiehlt!
Haltet ein! Feige Mordgesellen erbebt!
Vom höchsten Gott des Himmels stammt das Blut,
das ihr dort zu vergießen trachtet.“

Zeus soll Blitze zur Erde schleudern und die Schiffe und das Heer treffen, bis alles von Glut verzehrt zu Staub geworden ist. Der Sonnengott soll seinen Wagen zur Abwechslung einmal rückwärts lenken wie er das zu früherer Zeit schon einmal gemacht hat.

Der Chor betet, dass die Gottheit ihn allezeit beschützen soll. Deshalb bringen sie Blut zum Opfer - königliches Menschenblut. Als Gegenleistung soll sie die Fahrt übers Meer nach Troja wohlwollend gelingen lassen.

Siebte7.Szene:

Am Meeresstrand kniet Iphigenie auf den Stufen des Altars. Hinter ihr steht Kalchas, den Arm zum Himmel gereckt und das gezückte Messer in der Hand.

Das Volk bittet: „Erhabene Gottheit, beschütze uns allezeit. Schicke uns ein bisschen günstigen Wind zum
Geleit. Bis Troja ist es nicht sehr weit!“

8. Szene:

Achilles kommt wutschnaubend angebraust: „Kommt her, wenn ihr es wagt, mit die Braut zu entreißen.“ „Flieht vor Achilles, sein Zorn droht uns allen mit dem Tod.“ Doch Iphigenie lenkt ein und bittet die Göttin, sie als Opfer zu akzeptieren. Achilles rast und befiehlt, dass bevor Iphigenies Blut fließt zuerst seines vergossen werden soll. Der Pöbel brüllt: „Schlagt zu!“ Doch Kalchas ruft den Kriegern zu, dass sie einhalten und ihren wilden Eifer bezähmen sollen.

Als er den Blick zum Himmel erhob, hatte er gesehen, wie ein paar Haufenwolken sich verschoben, um Platz für Diane zu machen, die offenbar bis auf Hörweite herabsteigen will, um ihren Entschluss kundzutun.

9. Szene:

Diane erklärt, dass sie versöhnt ist. Die Opferbereitschaft Iphigenies, die Tränen der Mutter und der tapfere Achilles haben den Umschwung bewirkt. So viel Edelmut auf einem Fleck findet man selten. Ihr Herz ist gerührt von so viel Tugend. Auch der Olymp ist erstaunt. Das liebende Paar soll leben und das Glück mit ihm sein. Iphigenie kann es kaum fassen, dass sie aus grausamer Qual zu unverhofftem Glück erwacht ist. Das Quartett der leidttragenden Hauptakteure jubelt:

„Mein Herz, glückerfüllt, fasst kaum die große Seligkeit und Wonne;
aus Not und Ängsten schwingt es sich auf zur Sonne!“


Letzte Änderung am 5.1.2014
Beitrag von Engelbert Hellen