Eduard Künneke (1885-1953):

Der Vetter aus Dingsda

englisch The Cousin from Nowhere

Allgemeine Angaben zur Operette

Entstehungszeit: 1921
Uraufführung: 15. April 1921 in Berlin (Theater am Nollendorfplatz)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Erstdruck: Berlin: Dreimasken-Verlag, 1921
Verlag: München: Dreiklang-Dreimasken Bühnen- und Musikverlag, ca. 1965
Bemerkung: „Der Vetter aus Dings da“ ist zweifellos als Volltreffer anzusehen, denn die Texte sind deftig und frivol, wie die Berliner es liebten. Die Melodien fanden sofort Verbreitung und die Operette konnte sich bis heute im deutschsprachigen Bereich auf den Spielplänen halten. Die Charaktere sind ehrlich gezeichnet und die Menschen finden ihre eigene Umwelt darin wieder. Ein Schuss Sentimentalität findet man im Lied vom armen Wandergesellen. Und der strahlende Mond, der am Himmelszelt thront, weckt eigene Sehnsüchte. Ist Künnekes erfolgreichste Operette auch seine schönste? „Lady Hamilton“ schaffte immerhin den Sprung über den Kanal.

Wichtige Gesangsnummern:
„Ich bin nur ein armer Wandergesell“
„Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken“
„Mann o Mann, an dir ist wirklich nichts dran“
„Strahlender Mond“
„Onkel und Tante, das sind Verwandte“
Opus: op. 13

Zur Operette

Art: Operette in drei Akten
Libretto: Herman Haller und Rideamus (= Fritz Oliven) nach dem Lustspiel von Max Kempner-Hochstädt
Sprache: deutsch
Ort: in den Niederlanden auf Schloss de Weert
Zeit: um 1920

Personen der Handlung

Julia de Weert: Schlosserbin (Sopran)
Hannchen: Julias Freundin (Soubrette)
Roderich de Weert: Julias Vetter (Tenorbuffo)
Josef Kuhbrot: Julias Vormund, Onkel Josse genannt (Bassbuffo)
Wilhelmine Kuhbrot: dessen Frau, auch Wimpel genannt (Alt)
August Kuhbrot: Neffe von Onkel Josse (Tenor)
Egon von Wildenhagen: abgeblitzter Verehrer Julias (Tenorbuffo)
Weitere: Diener

Handlung

1. Akt:

Den Onkel Josse samt Tante Wimpel hat Julia so gern wie Bauchschmerzen. Die Stubenfliegen sind wieder einmal unangemeldet zu Besuch erschienen, trinken Gläschen auf Gläschen vom dunkelroten Burgunder, nachdem ihnen die Mahlzeit vortrefflich geschmeckt hat. In Wirklichkeit verfolgen die Habgierigen nur ein Ziel, der Erbin von Schloss de Weert ihren Neffen August Kuhbrot als Heiratskandidaten aufzuschwatzen. Doch die hübsche Julia hat mit dem lieben August nichts im Sinn. Onkel Josse war bis heute ihr Vormund, aber nun ist sie volljährig und kann vorbehaltlos tun und lassen, was sie will.

Unablässig muss sie an ihren Vetter Roderich - welch schöner Name - denken, der vor sieben Jahren nach Dingsda ausgewandert ist und ihr zuvor „ewige Liebe“ geschworen hat. Damit er den Treueschwur auch nicht vergisst, hat sie ihm zum Abschied einen Verlobungsring geschenkt. Einen Ort namens Dingsda gibt es in Indonesien natürlich nicht. Das Wort Batavia, wohin Roderich sich abgemeldet hat, kann Julia sich aber nicht merken, und sie zieht es vor, auf einen einfacheren Begriff ausweichen. In der Tat hat die kleine Holländerin mit dem Denken manchmal Probleme.

Das Schicksal geht oftmals verschlungene Wege. Ein Fremder hat die Türglocke betätigt, gibt an, sich in der Gegend verlaufen zu haben und erkundigt sich nach einer kostenlosen Schlafgelegenheit. Julia schaut sich den Landstreicher genau an und taxiert ihn auf seine handwerkliche Geschicklichkeit.

An dieser Stelle muss eingefügt wert, dass die Feste de Weert an der belgischen Grenze bereits 1703 von den Franzosen geschleift wurde. Die Zitadelle stammte aus dem 11. Jahrhundert und die Grafen von Hoorn haben hier residiert. Zur Ruine verkommen, sieht Julia sich gezwungen, ihre Gäste im Burggarten zu bewirten. Die Immobilie hat natürlich einen gewissen Wert - Onkel Josse weiß das - sie muss aber erst einmal wieder instand gesetzt werden. Nur ein paar rote Rosen am Gemäuer hochklettern zu lassen genügt nicht. Das Gebälk ist morsch und über Fensterscheiben verfügen nur Julias und Hannchens Schlafkammern. In dieser Operette wird sehr viel geschwindelt, und Eduard Künneke ist sich nicht zu schade, die dickste Lüge aufzutragen, indem er die arme Julia in einem Schloss wohnen lässt, von dem in Realität nur noch ein paar Mauern stehen.
Der Fremde ist ausgesprochen nett. Julia fasst schnell Zutrauen und erzählt dem Gast von ihrer heißen Liebe zu Roderich, der zurzeit in Dingsda weilt. Sehnsüchtig warten alle auf seine Heimkehr. Der nette Fremde hält sich mit eigenen Informationen dagegen sehr zurück und beantwortet alle Fragen über seine Herkunft mit der Auskunft, dass er nur eine armer Wandergeselle sei, dünn angezogen, aber ein dickes Fell habe. Gute Nacht, liebes Mädel, gute Nacht!

2. Akt:

Hannchen, Julias Freundin, hat derzeit keinen Liebsten und ist daher über den netten Gast hocherfreut. Sie plappert in einer Tour und gibt unbewusst und unbeabsichtigt dem Unbekannten Informationen über den ausgewanderten Roderich, sein Umfeld und von Julias Sehnsüchten. „Der arme Wandergesell“ hat natürlich aufgefangen, dass er der Schlosserbin nicht unsympathisch ist. Und wenn der Geliebte unbedingt Roderich heißen soll, dann muss man eben ein bisschen schummeln. Jedenfalls klingt Roderich besser als August. Aus dem Nähkästchen sei geplaudert, dass der „arme Wandergesell“ in Wirklichkeit August Kuhbrot ist, der Kandidat, den Onkel Josse und Tante Wimpel favorisieren. Noch ahnt Julia nicht, auf welchen Schwindel sie hereingefallen ist. Die Gesichtszüge des Fremden, der sich plötzlich als der heimgekehrte Roderich ausgibt, wollen mit ihrem Vorstellungsvermögen nicht übereinstimmen. Doch der Geforderte kann alle Bedenken aus dem Weg räumen, denn er küsst vorzüglich. Das Kindchen soll nicht soviel denken und sich das Köpfchen nicht verrenken, sondern die Gegenwart genießen. Julia akzeptiert den Vorschlag und ist glücklich, am Ziel ihrer Wünsche angekommen zu sein. Weiß er noch, wie sie als Kinder immer zusammen gespielt haben?

Das Schicksal greift störend ein: Julia hat noch einen dritten Verehrer, der aber bei ihr abgeblitzt ist. Egon Wildhagen hat spitzbekommen, dass Julias momentaner Favorit der erwartete Roderich gar nicht sein kann, weil der in Batavia ausgelaufene Frachtdampfer in Rotterdam noch gar nicht angekommen ist.

Stimmt das? Jetzt muss der arme Wandergeselle Farbe bekennen. Nein, er ist nicht Roderich und will es auch gar nicht sein. Liebt sie ihn jetzt nicht mehr, weil er nicht Roderich heißt? Julia fühlt sich in ihrer Weiblichkeit empfindlich getroffen und schickt ihren Wandergesellen in die Wüste, denn Treue hat sie nur dem Roderich geschworen. Gute Nacht, liebes Mädel, gute Nacht!

3. Akt:

Erneut wird am Glockenstrang gezogen. Es erscheint ein lustiger Kerl, der sich als Roderich de Weert vorstellt. Hannchen ist sofort hingerissen und der Angekommene mag Hannchen auf den ersten Blick. Die Falsche rät ihm, sich zunächst als August Kuhbrot vorzustellen und kalkuliert, dass das „rote Tuch“ erst gar nicht vorgelassen wird. Mit dieser Intrige würde die Schlaue einen kleinen Vorsprung gewinnen, um den losen Burschen für sich einzunehmen.

Onkel Josse und Tante Wimpel haben in Erfahrung gebracht, dass sich August auf Schloss Weert angeblich nicht gemeldet hat. Sie vermuten dass ihr Neffe vom Wandergesellen umgebracht worden sein könnte und schalten die Gendarmerie ein. Diese klärt den Fall auf. Der falsche August ist der Roderich und der richtige August der arme Wandergeselle - aber nicht mehr zur Stelle. Julia kann es nicht glauben, vom Liebsten unverantwortlich getäuscht worden zu sein. Doch dieser zeigt ihr den von ihr erhaltenen Ring als Beweis. Der Treueschwur sei damals nur rhetorisch gemeint gewesen. Die bezeugte Liebe sei damals echt gewesen, ist aber nun zum Teufel, nachdem er Hannchen kennengelernt hat, der er jetzt den Vorzug gibt. Das sei seine aufrichtige Antwort. Gute Nacht, liebes Mädel, gute Nacht!

Arme Julia! Mit Egon will sie auf keinen Fall vorlieb nehmen, denn dieser kommt ihr vor wie der Wenzel aus der bekannten Smetana-Oper. Das Schicksal hat ein Einsehen. August ist wieder zurückgekehrt, sein Herz hat ihm den Weg gewiesen. Julia bereut, beinahe die Schlosshunde auf ihn angesetzt zu haben.

Die Enttäuschung mit Roderich ist schnell überwunden, denn das Köpfchen, das nicht so viel denken soll, handelt praktisch. August wird in Zukunft ihr Roderich sein und Hannchen wird einen Adelstitel bekommen. Alle sind zufrieden, denn jeder wurde beschert. Doch was ist mit Egon? Ab nach Batavia, wo die wilden Kängurus hüpfen!


Letzte Änderung am 26.10.2009
Beitrag von Engelbert Hellen