Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (1844-1908):

Skasanije o newidimom grade Kitesche i dewe Fewronii [Сказание о невидимом граде Китеже и деве Февронии]

deutsch Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia / französisch La légende de la ville invisible de Kitège

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1903-04
Uraufführung: 20. Februar 1907 in St. Petersburg (Mariinski-Theater)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Erstdruck: Moskau: P. Jurgenson, 1902
Verlag: Moskau: Staatsmusikverlag, 1934
Bemerkung: Von Städten, die im Wasser versinken, wäre neben Kitesch noch Atlantis zu erwähnen. Es sind unterschiedliche Ursachen, die das Abtauchen bewirken. Atlantis wird infolge vulkanischer Kräfte durch ein Seebeben zerstört, weil die Bewohner der Stadt im Übermaß frevelten und für begangene Schuld bestraft werden sollen. Das Absinken erfolgt völlig unpoetisch als Resultat vulkanischer Eruptionen. Unter ganz anderen Ursachen verschwindet Groß-Kitesch vom Erdboden: Auf die Fürbitte einer Jungfrau versinkt die Stadt im See, damit sie vor den mörderischen Folgen eines Tatarenüberfalls bewahrt bleibt. Sanfte Nebelschwaden und das Läuten aller Kirchenglocken begleiten das stilvolle Absinken in dunkler Nacht.

Diese stimmungsvolle russische Legende kleidet Nikolai Rimski-Korsakow in eine hinreißende Musik, die der Mystik des Geschehens angemessen ist. Nur sehr selten wird die Oper aufgeführt, obwohl viele Musikwissenschaftler in ihr den Höhepunkt im Schaffen des Komponisten sehen. Im Stellenwert und im pseudo-religiösen Gehalt vergleicht man „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia“ mit Richard Wagners „Parzifal“. Mit feiner Ironie und ohne zu verletzen, behandelt der Librettist Wladimir Belski jene Passagen, welche die Volksfrömmigkeit der Russen vergangener Zeiten unterstreichen. Im völlig durchgeistigt anmutenden Finale verarbeitet Belski grenzwissenschaftliche Forschungsergebnisse von Nahtoderfahrungen und setzt diese poetisch ins Bild.

Andere Opern des russischen Meisters liegen in der Gunst des Publikums höher - „Sadko“ und „Der Goldene Hahn“ werden häufiger aufgeführt. An Beliebtheit liegt die Symphonische Dichtung „Scheherazade“ unter den Werken des Komponisten, der sich der russisch-orientalischen Märchenwelt verpflichtet fühlte, an erster Stelle.

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Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitesh (Preiser, ADD, 1956)
Nikolai Rimsky-Korssakoff (1844-1908)

Künstler: Ivan Petrov, Vladimir Ivanovsky, Natalya Rozhdestvenskaya, Lidya Melnikova, Chor & Orchester des Bolshoi-Theaters, Vasily Nebolsin

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Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitesh (Opus Arte, 2012)
Nikolai Rimsky-Korssakoff (1844-1908)

„Die vielschichtige, farbenreiche und naturverbundene Partitur des Komponisten wurde mit solch klanglicher Brillanz wiedergegeben (...)“ (Der neue Merker)

Zur Oper

Art: Oper in vier Akten und sechs Bildern
Libretto: Wladimir Belski
Sprache: russisch
Ort: Russland
Zeit: zur Zeit der Tatarenfeldzüge

Personen der Handlung

Fürst Juri: Herrscher von Kitesch (Bass)
Prinz Wsewolod: sein heiratsfähiger Sohn (Tenor)
Fewronia: eine Jungfrau, die mit ihrem Bruder im Wald von Klein-Kitesch lebt (Sopran)
Grischka Kuterma: ein Trunkenbold und Vaterlandsverräter (Tenor)
Fjodor Pojarok: Freund und Gefährte des Prinzen (Bariton)
Bedjai: tatarischer Hauptmann (Bass)
Burundai: tatarischer Hauptmann (Bass)
Alkonost: ein Paradiesvogel (Alt)
Sirin: ein Paradiesvogel (Sopran)
Weitere: ein Bärenführer (Tenor), ein wahrsagender Sänger (Bariton), ein Knabe (Mezzosopran) als Blindenführer und Turmkletterer sowie Musikanten, Tataren, Feine Leute und Lumpenvolk

Handlung

1. Akt:

In der Waldeinsamkeit an den Ufern der Wolga lebt das Mädchen Fewronia in enger Verbundenheit mit der Natur. Ihr Bruder besitzt im dichten Gestrüpp eine kleine Hütte und geht dem Beruf eines Baumkletterers nach. Unter dieser Tätigkeit versteht man das Durchsuchen von Vogelnestern in den Kronen der Bäume nach leckeren Vogeleiern, die sich auf dem Wochenmarkt von Klein-Kitesch und Groß-Kitesch gewinnbringend verkaufen lassen. Da Vater und Mutter leider tot sind und der Bruder sich tagsüber vornehmlich in den Wipfeln tummelt, ist Fewronia die meiste Zeit allein und führt Selbstgespräche oder unterhält sich mit den Tieren des Waldes. Vornehmlich sind es Rehe und Füchse, die ihre Gespräche sehr schätzen, aber leider verbal nicht eindeutig antworten können. Wildschweine leben nachtaktiv, ohnehin dialogverunsichert und Streicheleinheiten schwer zugänglich. Vögel sind mit ihrem eigenen Gezwitscher beschäftigt und den Kriechtieren geht die schöne Fewronia aus dem Weg. Bären können recht ungesellig werden. Zumindest ein junger Prinz, dem seine Mutter den Namen Wsewolod gab, hat diese Erfahrung gemacht. Ein Bär hat ihm seine Pranke auf die Schulter gelegt und der Jäger, der den Bären eigentlich jagen wollte, ist fast zusammengebrochen. Er nähert sich humpelnd dem Platz, auf dem Fewronia gerade eine Konferenz mit einer beschränkten Anzahl zutraulicher Tiere abhält.

Doch bevor die beiden in Liebe aufeinander zueilen, hören wir dem Monolog des vereinsamten Mädchens ein bisschen zu, was sie den Tieren des Waldes anzuvertrauen hat. Der liebe Eichenwald ist ihr Zarenreich. Die herrliche Wildnis hat sie aufgezogen und umhegt. Vögel und wilde Tiere, mit denen sie herumtollt, hat der Wald der von allen Menschen Verlassenen ihr als Gefährten zugeteilt und nachts flüstert er ihr schöne Märchen. Das Rauschen der Blätter übermittelt der Versponnenen Träume von Liebe und Sehnsucht. Fewronia schwärmt von dem Perlentau am Morgen, von der angenehmen Kühle bis zum Mittag und den graublauen Nebeln am Abend. Stille und frohe Gedanken beschäftigen sie, wenn zwischendurch einmal ein bisschen Ruhe eingetreten ist. Von was - piep, piep! - ernähren sich die kleinen Sänger eigentlich, wenn sie aus ihren Verstecken von schwankenden Moosen, Sümpfen und Sträuchern kommen? Viele Leckereien wie Körner und kleine Käfer stehen bereit. Die Kraniche bevorzugen allerdings Frösche aus den Sümpfen. Warum schreitet Wunderdoktor Langnase so missmutig umher? Ein junger Bär trabt gelassen vorbei und muss sich eine Rüge gefallen lassen, während die Waldschönheit ihn mit Bienenhonig füttert. Schlimmes erzählt man sich über ihn - ein Menschenfresser soll er sein! Solchen verleumderischen Reden schenkt Fewronia keinen Glauben. Viel Ehre wird dem zottigen braunen Tier erwiesen. Die Menschen führen Ursus durch ihre Dörfer und nach dem Klang der Schalmei darf er sogar tanzen. Fewronia kontrolliert die schreckliche Wunde, die scharfe Hunde dem Elch am Hals gerissen haben.

Plötzlich stieben alle Tiere davon, denn aus dem Gebüsch tritt unerwartet ein Fürstensohn hervor und geht auf das Mädchen zu. Ist der unbekannte junge Bursche etwa aus dem strahlenden Himmel gefallen? Hat sich an diesem Ort ein unsichtbarer Seraphim in eine strahlenden Jungfrau verwandelt? Oder ist es eine Sumpfhexe, die in der Regel auf den Wasserrosen sitzt, um einfältige junge Männer ins Verderben zu locken? Nach der Kleidung zu urteilen, könnte der holde Knabe ein Jäger sein, die ungewöhnliche Blässe seiner Haut verrät seine adelige Herkunft. Fewronia ist es, die den verwirrten jungen Mann zu einem Bier nach Hause einlädt, welches so süß ist, das selbst der bitterste Kummer sogleich verfliegt. Viel Zeit für die liebe Wirtin habe er allerdings nicht, betont er, weil er noch zu Hause sein muss, bevor es stockfinster wird. Er soll keine Angst haben, Fewronia seien alle Pfade des Waldes vertraut und sie wird ihn sicher geleiten. Jetzt gibt es erst einmal Abendbrot. Warum ist der liebe Mensch so traurig? Ach, der Ärmel ist voll Blut! Ist der liebe Gast etwa verletzt? In der Tat sei er unterwegs einem Bären begegnet. Mutig habe er ihn mit seinem Taschenmesser niedergestreckt, aber nicht verhindern können, dass das Untier ihm die Schulter aufriss. Deshalb soll er sich keine Sorgen machen. Gegen den Tod sei kein Kraut gewachsen, die kleine Fleischwunde wird sie mit Regenwasser waschen und dann Kräuter auf die blutende Stelle legen. Getrocknete Mohnblättchen stillen das Blut im Nu und das Fiber, sofern es eintritt, fällt sofort. Wo konnte die jungfräuliche Schönheit sich entfalten. Gewiss nicht in der Hauptstadt wo die feinen Damen sich in Zobel kleiden, sondern in dunklen Wäldern hat der dunkle Schopf sich entwickelt. Lebt sie hier in der Wildnis ganz allein? Für den Theaterbesucher fasst Fewronia die Geschichte ihres Lebens noch einmal zusammen. Sie wohnt bei ihrem Bruder, der dem Beruf eines Baumkletterers nachgeht. Dieser klettert den fleißigen Bienen nach, um ihnen die Honigwaben zu stibitzen. Reichtümer kann man damit aber nicht einsammeln, und im Winter leiden sie und ihr Bruder manchmal sogar Not. Aber wenn der Frühling in die Wälder einzieht, die Auen unter Wasser stehen, Büsche und Bäume sich mit frischem Grün überziehen, ist der Frost des Winters vergessen. Bunte Blumen sprießen, die Vögel stimmen ihre Lieder an und auch der Kuckuck ist zu hören. Fewronia spricht von Frühlingsgedanken und goldenen Träumen. Ihre Stimme wird ganz lyrisch. Wsewolod meint, dass man verlockende Träume nicht suchen sollte, weil sie oft Lüge seien. Sein Suchen gilt der Wahrheit. Der schneidige Bursche soll sie nicht verurteilen, weil sie nur ein einfaches ungebildetes Mädchen sei. Sein Schmerz, sagt er, ist vergangen, weil die schöne Jungfrau mutmaßlich die passenden Zauberworte gesprochen hat. Sie verstehe es, die wilden Tiere anzulocken und das Blut zu stillen. Geht sie auch regelmäßig in Gottes Kirche, um zu beten? Nein, der Weg sei ihr zu weit. Kirche sei überall. Kirche habe sie hier genug! Nun hält Fewronia ihrem andächtigen Zuhörer einen Vortrag über Natur-Religion: Gottesdienst regiert den Wald bei Tag und Nacht. Der Thymian wird ersatzweise für den Weihrauch genommen und die Sterne leuchten als Kerzen. Die Vögel preisen den Herrn aus voller Kehle und die wilden Tiere grunzen von seiner Allmacht. Der ruhmvolle Thron Gottes steht hier in der Mitte. Mit ihren einfachen Worten hat Fewronia den Prinzen in ihren Bann gezogen. Schlichte Heiterkeit ist ihm entgegen geschlagen. Man solle nach den irdischen Freuden nicht allzu sehr lechzen, denn die Erde sei zum Leiden und Weinen gedacht, lautet die Philosophie Wsewolods. Gern würde er auch in die Einsamkeit gehen, doch die Kühnheit der Jugend stehe dem als Hindernis entgegen, obwohl die kecke Ausgelassenheit seine Sache eigentlich auch nicht ist.

Fewronia fällt aus allen Wolken. Wie kann man nur ohne Freude und ohne Heiterkeit sein? Die Vögel tummeln sich im vergnüglichen Spiel und die wilden Tiere hüpfen und springen. Tränen sollen nur aus Freude vergossen werden. Man sollte jeden so lieben wie er ist - egal, ob es sich um einen schweren Sünder oder einen rechtschaffenden Menschen handelt. Wer hat ihm seine Schuldgefühle eigentlich eingeimpft? Wenn er sich bemüht, Gottes Werke in seiner Pracht zu erkennen, würde er feststellen, dass die Erde ein wunderschöner Garten ist, in dem sich nur Paradiesblumen entfalten. Wsewolod ist von Fewronias Ausführungen begeistert: Heil sei dem honigsüßen Mund, der diese Weisheit von sich gab, und dem Wald, der sie ernährte. Die schöne Jungfrau soll offen und ehrlich antworten, was sie von ihm hält! Wenn er ihr gefällt und sie ihn mag, könnte man beschließen, für immer zusammenzubleiben. Die Umworbene hat Bedenken, dass ein fürstlicher Jäger nicht zu ihr passen könnte. Doch er hat blitzschnell ihre Hand genommen und ihr einen Ring auf den Finger gesteckt. Jetzt möchte er sie küssen und umarmen und zwar ohne Schuldgefühle, denn es ist keine Schande, zum Bräutigam zärtlich zu sein. Vor Glück ist Fewronia ganz rot geworden und sucht auch nicht nach Ausflüchten. Der Kuckuck würde nicht so schön singen, wenn ein Unrecht im Anzug wäre. Jetzt macht er sich Gedanken, ob er ihrer Reinheit auch würdig sei. Das Täubchen soll ihn von seiner Schwermut befreien und göttliche Freude in seine Seele gießen.

Dazu kommt es nicht, denn im Wald ertönt ein Horn - und Wsewolod hat nichts Eiligeres zu tun, als sein silbernes Instrument vom Gürtel zu nehmen und hineinzustoßen, um den Gefährten Antwort zu geben. Der Opernchor stört mächtig. Er singt ein Lied von freien Schützen, die nichts mehr zum Schießen hatten, weil die Vögel in den Himmel entkamen und die Säugetiere sich im Gebüsch versteckten. Fewronia soll horchen, denn die Kameraden haben sich eingefunden. Die Zeit für den Abschied sei nun gekommen. „Mach's gut Fewronia! Vielen Dank für Gastfreundschaft und Güte! Der offizielle Brautwerber kommt in Kürze vorbei!“ Der Opernchor hält nicht viel von Wsewolods ernsten Absichten und tönt, dass ein Wolf zum räuberischen Habicht wurde.

Fewronia ist glücklich und traurig zugleich. Der Liebste soll ihr nicht zuerst den Mund wässerig machen und dann einfach verschwinden! Zu ihm im Besonderen und zu den Menschen im Allgemeinen fühle sie sich hingezogen. Um den einsamen Waldpalast tut es ihr leid, um ihre Tiere und ihre stillen Gedanken ebenfalls. Wsewolod versteht zu trösten! Über Einsamkeit wird sie nicht zu klagen haben, wenn sie erst einmal die Hauptstadt kennengelernt hat. Seine Schützen werden ihre Tiere nicht anrühren, weil der Forst von ihm für immer zum Naturschutzgebiet erklärt wird.

Schützen kommen von allen Seiten und tuten ins Horn. Mit dem Waldfrieden ist es erst einmal vorbei. Fewronia hatte noch einige Zeit ihrem flüchtigen Schatz hinterher geschaut, als Pojarok sich an sie wendet und fragt, ob sie nicht einen jungen Burschen mit einem silbernen Horn am Gürtel gesehen habe. Wenn er sich beeilt, kann er ihn noch einholen, doch der Jäger soll ihr sagen, wie sein Kamerad eigentlich heißt. Er habe ihr immerzu ihren Worten gelauscht, sich mit ihr verlobt, sei aber nicht dazu gekommen, sich vorzustellen. „Ei, ei! Schöne Jungfrau, das war unser Herr Wsewolod, Fürst Juris geliebter Sohn! Beide herrschen gemeinsam in der Hauptstadt Kitesch!“ Fewronia ergreift grenzenloses Erstaunen, ihr Unterkiefer sinkt nach unten.

2. Akt:

„Zeig' uns, Michajluschka,
zeig' uns, du kleiner Schalk,
wie der Glöckner Pachomuschka
ohne Eile in die Kirche geht,
auf seinen Stock gestützt,
langsam vorwärts trottet!“

Für die einfache Landbevölkerung ist es immer eine Attraktion, wenn das zottige Tier den Weisungen seines Herrn artig folgt. Liebevolle Emotionen schlagen dem Braunbär entgegen, ohne dass die braven Leute darüber nachdenken, welche qualvolle Prozedur voranging, um das arme Tier gefügig zu machen. Michajluschka ist gelehrig und zeigt eine Reihe Variationen seiner Unterwürfigkeit.

Der Opernchor stellt einen Gusli-Spieler vor und bittet, eine Weile mit dem Lärmen aufzuhören, um seinem tiefsinniges Liedchen aufmerksam zuzuhören. Möglicherweise sind es heilige Verse über Jerusalem. Doch der hagere Alte mit den schlohweißen Haaren erzählt von Huftieren mit goldenen Hörnern, die auf eine alte Kuh trafen, welche sich erkundigt, wo sie Kinderchen gewesen seien. Das Thema wechselt abrupt zu einer Jungfrau, die an der Mauer entlang läuft, ein seltsames Buch in der Hand hält und unaufhörlich weint. Es ist kein Lied zu einem Freudentag, denn es verheißt schwere Zeiten. Ach, die törichten Kinder ahnen nicht, dass die Himmelskönigin selbst in dem Buch gelesen hat und das große Unheil bereits kennt, welches über die Stadt Kitesch kommen wird. In der Tat stehen schwere Zeiten bevor, denn das ganze Land wird durch Feindesmacht verwüstet. Die Frauen und Mädchen bitten den Erlöser, sich noch einmal die schwere Sündenlast der Menschen auf den Buckel zu packen. Aber woher soll das Unglück kommen? Träge zieht der Fluss vorbei und friedliche Ruhe herrscht an den Ufern der Wolga! Gott wird das ruhmreiche Groß-Kitesch und seinen Fürsten Juri beschützen. Allen, die aus tiefem Herzen nach Frieden verlangen, wird das himmlische Jerusalem ein Zufluchtsort auf Erden sein. Die Waisenkinder sind mit Speise und Trank versorgt, die Tränen werden getrocknet und alle sind getröstet. Für traurige Botschaften sind die Menschen nicht aufnahmefähig.

„Zeig' uns, Michajluschka,
zeig' uns, du kleiner Schalk,
wie sich die Braut sich wäscht, sich pudert,
sich schminkt, im Spiegelchen bewundert
und sich schön herausputzt!“

Der Bär macht seltsame Gebärden mit seinen Tatzen, der Vorführer spielt auf seiner Flöte und das Volk lacht und wartet auf den Brautzug. Die feinen Leute kommen dazu, als der Bär mit einer Ziege tanzt, und mokieren sich, an was das Lumpenvolk seinen Gefallen findet. Man hat ein wichtigeres Thema, über das man tuscheln kann. Die bevorstehende Hochzeit sei schon ein schlimmes Unglück. Alle Menschen sind jetzt mit dem Fürsten verwandt! Die vornehmen Damen empören sich und überlegen, ob sie sich vor der Braut überhaupt verneigen sollen, denn man sagt, sie sei von unbekannter Herkunft. Selbst Grischka, der Trunkenbold, feiert die bevorstehende Hochzeit schon jetzt und kennt sich selbst nicht mehr vor Freude. Gerade wird er aus der Schenke gejagt und legt sich nun mit den feinen Leuten an.

Dem fahrenden Volk, zu dem er gehöre, gehe die Angelegenheit des Fürsten nichts an. Schon von Jugend an haben sie niemandem gedient und niemand hat ihnen Arbeit aufgetragen. Wer ihnen die Schöpfkelle mit Met reichte, war ihr liebender Vater, und wer den Kessel mit Grütze bereitstellte, galt bei ihnen als Fürst.

Die Angesprochenen blinzeln sich zu und sagen, dass sie auch für einen Trunkenbold, wie er einer sei, ein Herz haben. Er soll soviel Wein trinken wie möglich, damit er danach die Braut freudig begrüßen kann. Er soll ihr die Ehre erweisen, die sie verdient. Die Umstehenden beobachten, wie Kuterma ein paar Münzen empfängt, und sehen den Tisch für sich ebenfalls gedeckt. Die lieben Väterchen sollen ihnen auch eine milde Gabe zukommen lassen. Segen wird in ihr Haus einkehren und alle Vorfahren gelangen unverzüglich ins Himmelreich. Kuterma verspricht, sich der Menge wohlwollend anzunehmen, sobald er dazu in der Lage sei. Der Säufer soll verschwinden. Niemand sollte sich mit ihm einlassen. Der Küster steht mit dem Knüppel am Kirchenportal und will ihm nicht den Weg frei geben, weil er vom Teufel aufgehetzt sei, Streit und Rauferei zu produzieren. Kuterma sei von kleinauf Kummer gewohnt, denn mit Tränen wurde er geboren. Nur im Rausch sei die Welt zu ertragen und Geld zerrinnt, so wie man es gewinnt. Sein Vermögen wird er jetzt vertrinken und außerdem: nackt herumzulaufen sei nur eine kleine Schande.

Die Menge hofft, dass es zur Hochzeitsfeier in Groß-Kitesch für alle zu essen und zu trinken geben wird. Der Bär tanzt wieder mit der Ziege; das Volk lacht und die feinen Läute amüsieren sich schweigend. Der Alkohol hat Kuterma zugesetzt und er droht aggressiv zu werden.

„Freunde, das ist ein Fest, man ruft uns zu den Pfännchen,
man läutet zum Fraß. Beweihräuchert die Ofenbesen!
Man bringt uns die Braut - aus dem Sumpf wird sie herbeigeschleppt,
ein nichtsnutziges Gesinde gibt ihr das Geleit.
Sie trägt einen Pelz aus Mäuseschwänzen,
ihr Kleid ist aus Bast, nicht genäht, nicht gewebt.“

Der verfluchte Hund soll verschwinden. Fort mit dem gierigen Säufer! Die Schellen klingeln und der Brautzug kommt den Berg herab - die goldene Kutsche mit der schönen Jungfrau. Es gehört zum Volksbrauch, dass die Straße mit roten Bändern abgesperrt wird, um die drei Kutschen erst dann vorbeizulassen, nachdem sie sich „freigekauft“ haben. Fjodor Pojarok muss mit dem Pöbel verhandeln, damit der Zug das Stadttor passieren kann. Kosmas und Damian, die heiligen Schmiede, sollen dem Paar eine Hochzeit schmieden, die ewig hält, sofern der Wegzoll reichlich ausfällt. Pojarok und seine berittenen Begleiter verteilen Pfefferkuchen und werfen Münzen in die Menge. Von Herzen ist die neue Fürstin willkommen, die liebste Fewronia Wassilewna! „Ach, wie schlicht die Fürstin ist“ tönen die feinen Leute „soll das jetzt unsere Herrscherin sein?“ Das Volk erwartet ebenfalls, dass die Neue als strenge Herrin thronen wird. Man versucht, den vordrängenden Kuterma zu verjagen. Pojarok rät Fewronia, auf den elenden Trunkenbold nicht zu achten, denn es gezieme sich für eine Fürstin nicht, mit ihm zu sprechen.

Fewronia kann von ihrer Moralphilosophie nicht lassen und meint, dass man dem Aufdringlichen ein gutes Wort nicht verweigern solle, ohne sich gegen Gott zu versündigen. Kuterma wird sofort unverschämt, als Fewronia ein gutes Wort einlegt. Die liebste Fürstin sei hoch aufgestiegen, doch vor dem Volk brauche sie sich nicht aufzuspielen, denn sie seien doch alle vom gleichen Schlag. Die Leute wollen Fewronia beschützen, doch diese kann die Situation nicht einschätzen und fällt ihnen mit einer unpassenden Antwort in den Rücken: Sie sähe keine Möglichkeit, sich als einfaches Mädchen aufzuspielen. Ihren Platz kenne sie genau und, ihrer Sünden sich bewusst, verneige sie sich vor dem Volk tief. Kuterma entgegnet, dass sie sich nicht zu früh freuen soll, weil das Glück dem Menschen oft zum Verhängnis wird. Bitteres Elend mache habsüchtig. Die Not werde ihr auf den Fersen folgen und nach Linderung heischen. Mittendrin in den Hochzeitsfeierlichkeiten soll sie die prächtigen Kleider abwerfen und das Fest verlassen. Vor dem schmutzigen, barfüßigen und hungrigen Leid soll sie sich verneigen. Es wird ihr beigebracht werden, sich im Unglück froh und sorglos zu geben. Pojarok mahnt erneut, auf den Trunkenbold nicht zu hören. Fewronia rät dem Zudringlichen, er solle zum heiligen Wassili beten. Dieser sei der Fürsprecher der armen Trinker, damit es mit ihm nicht schlimmer werde und das Volks sich über ihn lustig mache. Unbewusst hat Fewronia zu ihrem Stil gefunden und den Hass des Säufers angestachelt, der losschreit, dass sie kein Recht habe, ihn zu verachten. Wenn sie bettelnd umherzieht und im Namen Christi um milde Gaben bittet, wird sie wohl selbst sich dazu drängen, dass er sie zu seinem Liebchen macht. Dem Volk reicht diese Unverschämt und es gelingt, den Säufer vom Platz zu vertreiben.

Pojarok fordert die Musiker auf zu spielen und die Mädchen sollen ihrer Fürstin ein Lied singen. Die Feierlichkeiten nehmen ihren Anfang und die liebe Fewronia Wassilewna wird mit Hopfen und Getreide bestreut. Der Hopfen soll froh und heiter machen und die Körner den Wohlstand garantieren.

Plötzlich entsteht eine große Unruhe. Pferde wiehern, Wagen quietschen, Frauen schreien - eine aufgeschreckte Menge kommt angelaufen. In der Ferne steigt über dem Handelsviertel Rauch auf.

„Ach, großes Unglück sucht uns heim, liebe Leute,
Und es wird keine Vergebung geben,
bis auf den letzten werden wir sterben.
Um unserer schweren Sünden willen.
Ein bisher unbekannter
und unglaublich grausamer
Feind ist heute aufgetaucht,
als wäre er aus der Erde gewachsen.“

„Das sind Teufel, keine Menschen,
und sie haben keine Seele,
Christus, den Herrn kennen sie nicht
und verhöhnen unsere Kirche.
Alles setzen sie in Brand,
alles unterwerfen sie ihrem Schwert.
Die schönen Mädchen schänden sie,
die kleinen Kinder reißen sie in Stücke.“

„Ach, wohin sollen wir fliehen
Ach, wo sollen wir uns verstecken?
Schwarze Finsternis verbirg uns,
ihr Berge, ihr Berge, verstellt ihnen den Blick.
O weh, sie kommen, sie holen uns ein,
sie sind uns dicht auf den Fersen.
Rettet Euch! Ach da sind sie! O weh!“

Die Regieanweisung lautet: Tataren erscheinen in bunten Gewändern. Das Volk läuft in Panik auseinander, und versteckt sich, wo immer möglich. Eine Gruppe Barbaren mit Krummschwertern und Streitkolben trifft ein. Die Tataren jagen die erschrockenen Einwohner, spüren sie auf und erschlagen sie.

Bedjai sieht keine Veranlassung, jemanden zu verschonen. Alle sollen totgeschlagen werden. Burundai weist auf Fewronia: „So eine Schönheit gibt es in der Steppe nicht. Die Sumpfblüte verschonen wir und nehmen sie mit!“ Fewronia wird mit einem Strick gefesselt, damit sie nicht weglaufen kann. Kuterma ist kleinlaut geworden: Die edlen tatarischen Fürsten sollen sich seiner erbarmen. Ein Trinker sei zu nichts zu gebrauchen, deshalb sollen sie ihn doch bitte verschonen! Offenbar haben die Tataren keine Kundschafter, weil sie nicht wissen, wo die Hauptstadt zu finden ist. Kuterma wird eine Belohnung versprochen, wenn er ihnen den kürzesten Weg durch den Wald zeigt. Fewronia bittet den armen Grischka, standhaft zu bleiben und die Auskunft zu verweigern. Die schöne Jungfrau soll die Klappe halten! Kuterma macht Einwände geltend, zittert aber vor Angst. Eine ganze Stadt soll er dem Verderben ausliefern, so wie Judas Christus verraten hat. Die beiden Tataren drohen, wenn er nicht mitkomme, um ihnen den Weg zu zeigen, reißen sie ihm die blauen Augen heraus und schneiden ihm die Zunge ab. Bei lebendigem Leib wollen sie ihm die Haut abziehen und anschließend rösten. Doch Kuterma ist vorläufig wider Erwarten des Opernpublikums mutig, schweigt und wägt ab was schlimmer ist, das Höllenfeuer oder von den Tataren massakriert zu werden. Schließlich entschließt er sich, der Gefahr als erstes zu begegnen, die am unmittelbarsten droht. Das Heer des Batu-Khan führt er auf den Weg durch den unbekannten Wald, überquert mit ihnen den reißenden Fluss in Richtung nach Groß-Kitesch der glanzvollen Hauptstadt. Dort gibt es allein vierzig Kirchen, unschätzbar viel Silber und Gold darin. Die Perlen kann man mit dem Spaten schaufeln.

Der Opernchor ist untröstlich: Eine schreckliche Strafe kommt über Russland, die mächtigen Städte werden dem Erdboden gleichgemacht, die Kirchen niedergebrannt, die Alten und die Kinder werden totgeschlagen, die jungen Frauen verschleppt und die wehrfähigen Männer versklavt.

Nun muss die schöne Jungfrau Fewronia beweisen, was sie in der Waldeinsamkeit in Gesprächen mit den wilden Tieren gelernt und durch Meditation erworben hat. Sie betet zum Himmel, dass er die Stadt Kitesch und die Menschen, die in ihr leben, unsichtbar machen soll.

3. Akt:

Erstes Bild:

Auf der Treppe vor dem Portal der Himmelfahrtskirche von Groß-Kitesch stehen von Kriegsgefolge umringt Fürst Juri und sein Sohn Wsewolod. Alle warten voller Spannung auf die Nachricht, die der Bote ihnen bringen wird. Fjodor Pojarok erscheint in Begleitung eines Knaben, der ihn an der Hand führt, denn die Tataren haben ihn geblendet. Sein Report klingt vernichtend.

Klein-Kitesch wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die feindlichen Krieger entquollen einer Erdspalte, die sich plötzlich auftat, und waren so fürchterlich, wie es sich niemand vorstellen kann. Ob es sich um Menschen oder Teufel handelte, war nicht einwandfrei auszumachen, denn die fremden Wesen waren ganz in Stahl geschmiedet. Wie viele es waren, kann Pojarok nicht sagen, denn beim Knirschen ihrer Wagen und dem Wiehern ihrer feurigen Rösser konnte man sich kaum verständigen. Der Dampf aus den Nüstern der Pferde verdunkelte die Sonne. Die Anführer suchten im Städtchen nach dem Fürsten Juri und quälten die Menschen grausam, damit sie seinen Aufenthaltsort verraten.

Der Opernchor bittet die liebe Mutter Erde, ihr zu sagen, womit die Kinder der kleinen Schwester das große Unglück verdient haben! Der arme Blinde soll nicht zögern und alles der Reihe nach genau zu erzählen. Wenn Klein-Kitesch kampflos gefallen ist, wird Gott die Hauptstadt, welche versteckt an einem kleinen See liegt, gewiss beschützen. Pojarok glaubt daran nicht, denn unter dem Volk gab es einen Verräter, der die furchtbaren Feinde herführen wird. Was ist mit der Fürstin, will Wsewolod wissen? Lebt sie? Es wäre besser, sie wäre tot, denn sie ist es, welche Batu-Khan den Weg hierher zeigen wird. Pojarok bittet, ihr zu vergeben, denn das arme Kind habe keine Ahnung, was es angerichtet hat. Wsewolod bedeckt sein Gesicht verzweifelt mit den Händen, denn er kann nicht glauben, was sein Freund über Fewronia berichtet. Das Opernpublikum glaubt es auch nicht und ist auf der richtigen Fährte, wenn es in Grischka Kuterma den Verräter sieht.

Ihn selbst, berichtet Pojarok weiter, haben die Tataren furchtbar verhöhnt und ihn an der Hand des Knaben hergeschickt, damit der Fürst Nachricht erhalte, dass das Heer des Batu-Khan kommen werde, um die Hauptstadt zu plündern und vollkommen zu verwüsten. Die starken Mauern sollen geschleift und die Kirchen niedergebrannt werden. Die kräftigen Burschen wollen die fremden Krieger in Scharen und die schönen Mädchen in Schwärmen mitnehmen. Alles andere wird gemetzelt. Dem christlichen Gott werden die Gefangenen abschwören und dem heidnischen Kult folgen!

Das Herz der Versammelten ist schwer, denn großes Unheil hat Gott zur Bestrafung ihrer Sünden vorgesehen. Nun ist es an Fürst Juri, zur Situation etwas zu sagen: Ruhm sei eitel und Reichtum ebenfalls! Aller Leben sei von kurzer Dauer; die Stunden werden verfliegen und schon bald werden die Menschen in Kiefernsärgen liegen. Wie sich das gehört, fliegt die Seele vor Gottes Thron und wartet dort auf das jüngste Gericht. Die Knochen werden der Erde vermacht und das Fleisch dient den Würmern zum Fraß. Dem König wird ganz wehmütig ums Herz, wenn er daran denkt, in wessen Hände der Reichtum, den er angehäuft hat, fällt. Inmitten dichter dunkler Wälder hat er die unvergleichliche Schönheit seiner Hauptstadt aufgebaut und in törichtem Hochmut glaubte er, die Stadt würde ewig bestehen. Sie sollte ein stiller friedlicher Zufluchtsort für alle Leidenden, Ruhelosen und Suchenden werden. Im Angesicht drohender Gefahr fragt der König verzweifelt, wo sie jungen Helden zu finden sind. Zum dem Knaben an der Seite Pojaroks sagt der König: „Kleiner Knabe, du bist der Jüngste von allen, steig doch hinauf zur Kirchturmspitze, halte nach allen vier Richtungen Ausschau, ob Gott uns nicht ein Zeichen gibt.“ Alle beten zur Himmelskönigin, der heiligen Beschützerin von Kitesch, dass die Stadt ihrer Gnade teilhaftig werde.

Als der Knabe an der Kirchturmspitze angekommen ist, ruft er hinunter, dass er am Himmel eine große Staubwolke aufsteigen sieht und das gleißende Licht beginnt, sich zu verdunkeln. Altklug berichtet er von heransprengenden Tatarenrössern. Ein großes Heer naht und die Banner flattern im Wind. Stählerne Rüstungen und Schwerter blitzen im Sonnenlicht. Klein-Kitesch sieht er brennen. Die Flammen lodern und die Funken fliegen. Der Himmel selbst hat Feuer gefangen. Aus dem Tor strömt ein Fluss, der aus dem Blut unschuldiger Menschen gespeist wird. Schwarze Raben schweben in der Luft und berauschen sich an dem warmen Blut.

Fürst Juri stellt fest, dass Gottes Macht fürchterlich ist. Wahrscheinlich sei die Stadt nun dem Untergang geweiht. Die Freunde sollen ihre Gebete zur himmlischen Beschützerin von Kitesch vervielfältigen und mehr Inbrunst hineinlegen. Blutige Tränen sind am wirkungsvollsten! Jawohl, wiederholt Wsewolod, die herrliche Himmelskönigin soll alle in ihre Obhut nehmen und einen Rettungsengel vorbeischicken. Alle fallen auf die Knie und sehnsüchtige Gebete steigen zum Himmel auf.

Sollte allerdings der Wille Gottes tatsächlich geschehen, wird die Stadt vom Antlitz der Erde verschwinden. Doch dann bekommt Wsewolod einen Energieanfall. Sein treues Gefolge soll ihm sagen, ob es mit den Frauen sterben will. Will es sich hinter Mauern verkriechen, ohne dem Gegner ins Gesicht gesehen zu haben? Der Prinz schlägt vor, dem Feind gemeinsam entgegenzuziehen, um für die russische Bevölkerung den christlichen Glauben zu retten. Mutig wollen die Gefährten ihm folgen. Der König gibt die Erlaubnis und rechnet damit, dass alle ehrenvoll sterben und Gott sie in die Schar der Märtyrer aufnehmen wird. Singend ziehen die jungen Krieger aus der Stadt. Doch Todesahnung umklammert die kampfbereite Schar. Für die tödliche Schlacht, die sie nicht gewinnen können, sind sie bereit. Lebe wohl du liebes Heimatdorf! Der Tod im Kampf ist ihnen beschieden! Die Familie soll nicht weinen!

Die Bühnentechniker und Beleuchter sind nun gefragt, denn die Regieanweisung diktiert: Ein heller, golden schimmernder Nebel senkt sich vom dunklen Himmel herab - erst klar und durchscheinend, dann dichter und dichter. Die Kirchenglocken fangen von selbst an zu läuten, als ob die Engel des Herrn ihnen Schwung geben würden. Visionär nehmen die Menschen in der Stadt es wahr. Nebel verbreiten sich, als ob Weihrauch aus dem Himmel herabsinkt. Wundervoll! Die Stadt hat sich in ein lichtes Gewand gekleidet. Man überlegt, gemeinsam in die große Kathedrale zu ziehen, um dort die Dornenkrone des Herrn in Empfang zu nehmen. In der Tat, Gott, der Herr, hüllt Kitesch in einen Schleier. Ein Gefühl der Freude kommt auf. Ein Wolkenvorhang senkt sich hernieder und trennt den Opernbesucher vom unauffälligen Verschwinden der Stadt im See.

DAS ORCHESTRALE ZWISCHENSPIEL MARKIERT DIE SCHLACHT VON KERSHENEZ.

Zweites Bild:

Mitten in der Nacht sind Burundai und Bednai mit ihrem Kriegsvolk am See Helle Jar angelangt. Die Hauptstadt - so erklärt Kuterma - liege am gegenüberliegenden Ufer des Gewässers. Die Tataren schimpfen ihn einen Lügner, denn es fehlen alle Merkmale einer bewohnten Gegend. Diese zeigt die Vegetation hauptsächlich als Krüppelwuchs - von einer mit Schätzen überladenen Hauptstadt ist nichts zu sehen. Das unaufhörliche Läuten von Kirchenglocken kündet jedoch Gegenteiliges und irritiert gewaltig.

Die ankommenden Tataren sammeln sich auf einer Lichtung und stellen dort die Fuhrwerke ab, die zum Aufladen der Beute gedacht sind. Das Kriegsvolk tadelt die schlechten Zufahrtswege. Verflucht sei das Land, denn es gibt keine passierbaren Straßen und umgestürzte Bäume versperren die schmalen Pfade. Ihre Steppenpferde seien eine freie Landschaft gewohnt. Hier stolpern sie ständig über Baumwurzeln und verlaufen sich im Gestrüpp. In den stickigen Sümpfen bekommen die tapferen Krieger Atembeschwerden und die vielen Mücken nehmen keine Rücksicht. Verflucht sei Russland!

Bis zum hellen Morgen will man noch warten, doch wenn der Verräter sie auf die falsche Fährte gelockt hat, wird es ihm schlecht ergehen. Vorläufig wird er an einen Baum gebunden. Kuterma befindet sich in tausend Nöten, denn nach getaner Arbeit will man ihm in jedem Fall den Kopf abschlagen, weil er an seinem Fürsten nicht anständig gehandelt habe. Schade sei es um den todesmutigen Russen, denn obwohl er aus vierzig Wunden blutete, kämpfte er weiter bis zum Tod.

Sollte der Säufer sie vorsätzlich getäuscht haben, werden seine Qualen grausam sein. Man zündet die Lagerfeuer an und verteilt die Beute aus Klein-Kitesch an die verschiedenen Einheiten. Die Weinfässer werden geöffnet und die kunstvollen liturgischen Gefäße dienen als Trinkbecher. Dem Opernchor, der auch am Lagerfeuer sitzt und mitbechert, ist ganz poetisch zu Mute. Man gedenkt des tapferen Fürsten Wsewolod. Die kunsthandwerklichen Arbeiten, die er bei sich hatte, gelangen zur Verteilung. Das Kostbarste ist der goldene Helm, den er auf dem Kopf trug, dann kommt das juwelenbesetzte Kreuz, welches an einem Kettchen befestigt seinen Hals schmückte. Das silberne Schwert, das an seiner Seite baumelte, ist vorzüglich geschmiedet. Doch das Allerkostbarste, das sie gefangen haben, ist eine holde Jungfrau. Zurzeit gibt sie sich betrübt: Sie trinkt nicht, sie isst nicht, sie grämt sich und zerfließt in den Tränen ihres Herzens.

Um das Mädchen geraten Burundai und Bednai in Streit. Jeder beansprucht sie für sich. Der Erstgenannte führt an, weil er sie zuerst gesehen habe, müsse sie ihm auch zufallen. Man solle doch das Mädchen selbst fragen, wen von beiden es vorzieht. So weit sollte es eigentlich nicht kommen, dass man sich vor seiner Beute verneigt, erwidert der andere. Burundai schmeichelt dem schönen Mädchen, dass es nicht weinen soll, denn er selbst wird es in die Goldene Horde einführen, sie zu seiner Frau machen und sie in ein prächtiges Zelt setzen. Bednai spottet in gleichem Tonfall, dass Fewronia nicht weinen soll, denn er wird sie zu seiner Sklavin machen und sie mit der Reitpeitsche züchtigen. Gibt Bednai das Mädchen ihm, so ist er sein Freund, andernfalls sein Feind. „Gut, so nimm das!“ Burundai erschlägt mit seinem Beil den Kumpan. Die anderen sind bereits viel zu betrunken, um wahrzunehmen, was passiert ist. Sie blicken kurz auf und fahren mit der Verteilung der Beute fort. Der Opernchor kommentiert: „Nicht hungrige Raben flogen herbei, sondern tatarische Fürsten haben sich versammelt, sich ringsum hingesetzt, um die Beute aufzuteilen!“

Burundai führt die Gefangene zu seinem Lager, legt sich selbst auf einen Teppich zu ihren Füßen und entwickelt, dass sein Gottesglaube unkompliziert sei, man sich weder bekreuzigen noch verbeugen, müsse. Von ihm wird sie eine Menge Gold kriegen, sobald sie ihn erhört. Das kleine Waldvögelchen soll keine Scheu haben und näher kommen. Von sich aus kann er nicht zu ihr hinüber rutschen, denn dazu sei er zu betrunken.

Endlich findet Fewronia Zeit, sich ihrer Klage hinzugeben, damit das Theaterpublikum über ihren Seelenzustand auf dem Laufenden bleibt: „Ach, mein lieber Bräutigam, meine einzige Hoffnung! Einsam liegst du unterm Weidenbaum, unbeweint und unbeklagt. Ungewaschen liegst du in deinem Blut! Wüsste ich, wo ich dich finden kann, würde ich mit meinen Tränen deinen Körper waschen, mit meinem Blut dich wärmen und mit meinem Atem dich neu beleben. Ach, du feuriges Herz! Von deinen Wurzeln hast du dich losgerissen und dein rotes Blut vergossen. Wie soll ich dich wieder zum Anwachsen bringen?“

Zu allem Überfluss hat Fewronia jetzt auch noch Kuterma auf dem Hals, der sich an einen Baum gebunden verbal bemerkbar macht. Die Jungfrau soll den Verfluchten nicht verachten, sondern näher kommen. Der Tod sei eine schreckliche Instanz, seine Seelenqual noch schlimmer. Unerträglich dagegen sei das Glockengebimmel, welches zur falschen Zeit ertöne und nicht aufhören will. Fewronia soll Mitleid mit ihm haben und ihm die Mütze ein wenig über die Ohren ziehen, damit er das Läuten nicht hören muss und Gram und Schmerz entkommen kann. Das unerwünschte Läuten hört nicht auf, es dröhnt weiter und er kann sich nicht vor ihm verstecken. Die liebste Fürstin soll die strammen Fesseln doch bitte lösen, damit er vor der Folter der Tataren fliehen kann. Er will in den dunklen Wald laufen, sich wie ein Einsiedler den Bart bis zum Gürtel wachen lassen und sich dann daran machen, durch Gebete seine arme Seele zu retten. Was denkt er sich eigentlich dabei? Wenn sie seinem Drängen nachgibt, werden die Tataren sie hinrichten. Wozu will sie ihr Leben schonen? Alles was sie hatte, hat sie verloren. Von den Leuten des Fürsten sind wohl keine zehn mehr am Leben. Gott möge verhüten, dass es noch einen gibt - er wird ihn sofort erschlagen, bevor es ihn selbst erwischt. Was sind das für merkwürdige Worte? Grischka gesteht nun, dass er es war, der die Tataren geführt habe, aber sie habe er als Verräterin verleumdet. Ist das nicht schrecklich! Ist Grischka etwa der Antichrist? Wo denkt das Mädchen hin? Eine solche Rolle sei für ihn viel zu groß. Er sei nur ein einfacher gemeiner Trunkenbold. Von dieser Sorte gibt es viele auf dieser Welt. Der Ärmste soll über sein bitteres Schicksal nicht klagen, in ihm liegt das große göttliche Geheimnis. Macht es ihn denn nicht glücklich, wenn wenigstens andere in Zufriedenheit leben? Die liebe kleine Fürstin sieht die Welt vollkommen falsch. Unsere Augen seien von Natur aus neidisch und die Hände gierig. Auf fremdes Glück sei niemand erpicht und man wünsche dem Nächsten alles Schlimme. Dem Pech im Leben schließt sich qualvolles Sterben an. Ach, der arme Verbitterte kennt wirklich keine Freude! Bis jetzt weiß er nicht einmal was Freude ist, antwortet Grischka, aber wenn die liebe Fürstin ihm die unbequemen Fesseln löst, wird er sie sicherlich kennenlernen. Nun gut, ihre bescheidene Person soll das Hindernis nicht sein, wenn er keine Freude empfindet. Er kann froh sein, dass sie keine Todesqualen fürchtet. Für ihren Henker wird sie sogar beten! Auch er soll nicht vergessen zu bereuen. Sie habe kein Messer dabei. Womit soll sie die Fußfesseln zerschneiden? Bei dem grauhaarigen Tataren unter dem Busch schaut ein Krummdolch aus dem Gürtel hervor. Diesen kann sie nehmen! „Komm her, meine Schöne“ sagt dieser und will sie umarmen. Fewronia kann ihn wegschieben und eilt zu Grischka, um ihn loszuschneiden. Dieser freut sich, dass er frei ist. Jetzt soll ihm Gott noch flinke Füßchen geben, damit er entwischen kann. Das zornige Läuten der Glocken jagt unserem Grischka entsetzliche Angst ins Herz. Die Erde beginnt zu beben. Der Flüchtende strauchelt, fällt auf das Gesicht und bleibt ein Weilchen liegen. Vor den Qualen der Hölle gibt es kein Entrinnen. Er erwägt, sich kopfüber in den See zu stürzen, um mit den finsteren Teufeln zu leben und nachts Bocksprünge mit ihnen zu vollführen. Die ersten Sonnenstrahlen berühren die Oberfläche des Jar. Kuterma reißt entsetzt die Augen auf. Im tiefen See leuchten die Kuppeln der Stadt Groß-Kitesch und das gegenüberliegende Ufer ist leer. Der Gebeutelte verliert nun den Verstand!

Der Opernchor fragt: „Wer schreit und heult da wie ein Wilder, weckt die Tataren auf am frühen Morgen?Haben sich etwa Feinde angeschlichen?“ Den Tataren versucht der Opernchor klar zu machen, dass ein unbegreifliches Wunder geschehen ist. Sie sollen aufwachen, selbst schauen und staunen! Spiegelverkehrt und unter dem Leuten der Kirchenglocken stilvoll versenkt betrachten die Steppenkrieger für einen Moment den Zauberspuk tief im Wasser des Jar-Sees. Ihr Lager zurücklassend, rennen sie, um ihr Leben fürchtend, schleunigst in alle Richtungen davon. Fürchterlich ist der Gott der Russen!

4. Akt:

Erstes Bild:

Fewronia und Grischka bahnen sich einen Weg durch den undurchdringlichen Wald von Kershenez. Ihr Kleid ist zerrissen. Entkräftet und erschöpft setzt sie sich auf einen Baumstumpf. Kuterma meint, dass die Jahreszeit für ihren Spaziergang schlecht gewählt sei, denn die Fliegenpilze schießen bereits aus dem Boden. Sie habe sich auf den Baumstumpf gesetzt, klagt er, während für ihn nur der Ameisenhaufen übrig bleibt. Der Teufel sei schon ein kleiner Schelm. In seinem fortschreitenden Wahnsinn beschuldigt Kuterma seine unauffällige Begleiterin, stolz geworden zu sein und die kleine Fürstin habe ihn nicht erkannt, als sie neben dem Fürsten an der gedeckten Tafel saß. Gemeinsam zogen sie bettelnd durch die Welt. Sie möge doch den Armen und Verwaisten ein Krümelchen geben. Er selbst möchte einen Löffel Suppe schlürfen. Ein paar winzige Oblaten soll sie ihm doch wenigstens gönnen! Hat er die Beeren, die sie gefunden hat, schon alle aufgegessen? Der Teufel habe die Waldfrüchte gegessen und seine Seele auch! Tatsächlich sei ihnen ein großes Glück widerfahren, als es ihnen gelang, in das Schlafzimmer des Fürsten einzudringen. Nur schade, dass die Fürstin Froschschenkel hat. Kuterma lacht und Fewronia betet, dass Gott dem Verwirrten ein bisschen Liebe schicken soll, damit er wenigstens Tränen der Rührung produzieren kann. Zu Gott möchte Kuterma keinesfalls beten, sondern zur Mutter Erde; und Fewronia soll ihm beibringen, wie man das macht. Diese gibt sich redlich Mühe, aber Grischka hört ihr nur widerwillig zu. Die schwarze Erde sei verkrustet und nur Tränen können sie aufweichen. Plötzlich hat Kuterma die Vision, dass der Teufel neben Fewronia sitzt. Mit wildem Geheul stürzt er in den Wald und ward nicht mehr gesehen. Das Publikum reagiert mit einem Seufzer der Erleichterung.

Muttterseelenallein greift wohltuender Wahnsinn nun auch nach Fewronia. In einem endlosen Monolog erzählt sie dem Opernbesucher, wie der Wald sich in eine überirdisch schöne Landschaft verwandelt hat. Der Paradiesvogel Alkonost kündet ihr den Tod. Sie sieht wunderschöne Blumen in unvergänglicher überirdischer Pracht. Nun erfasst auch den Librettisten der religiöse Wahnsinn und er verbrämt seinen Report reichhaltig mit theologischem Unsinn.

Fewronia macht jetzt ihre Nahtoderfahrungen. In verklärtem Zustand erfreut die Erscheinung des Geliebten ihr Herz. Freudestrahlend eilt sie auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Die blutenden Wunden sind verheilt und die alte Frische ist wieder hergestellt. Die liebliche Braut - die zärtliche Taube - wird er nun nicht mehr verlassen. Überirdische Heiterkeit glänzt aus seinem Auge.

Hinter der Bühne ertönt die Stimme des anderen Paradiesvogels - von dieser Sorte gibt es nämlich zwei. Der Bräutigam sei gekommen. Weshalb zögert Fewronia? Das Festmahl ist vorbereitet. Fewronia kann es nicht glauben und fragt sicherheitshalber, ob die Stimme von einem Menschen oder von einem weisen Vogel komme. Die Erwartungsvolle ist der Wahrheit nahe gekommen. Sirin, der andere Paradiesvogel, hat sich vorgestellt und singt nun vom ewigen Leben. Als himmlische Wohnung hat er für die Liebenden die versunkene Stadt Kitesch ausgewählt. Während das Pärchen sich händchenhaltend auf den Weg macht, ertönt ein

SYMPHONISCHES ZWISCHENSPIEL

und leitet über zum letzten Bild.

Das Ende der Zeiten sei gekommen und die Ewigkeit habe begonnen, zwitschern die beiden schrägen Paradiesvögel. Kitesch ist in alter Pracht auferstanden und die gestorbenen Bewohner sind wieder lebendig geworden. Das Paradies hat sich geöffnet. Einhorn und Löwe bewachen den Fürstenpalast. Alle verneigen sich vor Wsewolod und Fewronia. Der Hochzeitschor singt sein fröhliches Lied zu Ende, welches anlässlich des Tatarenüberfalls abgebrochen werden musste:

„Wie über lasurblaue Blüten,
wie über immergrüne Gräser
die klare Wolke schwebt, so geht die Braut zum Bräutigam.
Spielt, ihr Gusli!
Spielt, ihr Schalmeien!“

Eine ausführliche Beschreibung des Paradieses lässt der Librettist sich nicht nehmen. Doch plötzlich kommt der Fürstin Fewronia der arme Grischka in den Sinn. Sie schickt Pojarok los, um ihm eine Grußbotschaft zu übermitteln.


Letzte Änderung am 30.12.2016
Beitrag von Engelbert Hellen