Gioacchino Rossini (1792-1868):

Matilde di Shabran, ossia Bellezza e cuor di ferro

deutsch Mathilde von Shabran oder Die Schönheit und das Eisenherz / englisch Matilde of Shabran, or Beauty and Heart of Iron

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1820-21
Uraufführung: 24. Februar 1821 in Rom (Teatro Apollo)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 160 Minuten
Verlag: Wien: Artaria, 1822
Bemerkung: Bei der Erstaufführung im Wiener Kärtnertortheater am 24. Juli 1822 trug die Oper den Titel "Corradino ossia Bellezza e cuor di ferro".

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[Details]
Matilde di Shabran (Bongiovanni, DDD/LA, 98)
Gioacchino Rossini (1792-1868)

Zur Oper

Art: Melodramma giocoso in zwei Akten
Libretto: Giacomo Ferretti (1784-1852) nach "Euphrosine ou le tyran corrigé" von Françoise-Benoit Hoffmanns
Sprache: italienisch
Ort: Spanien
Zeit: zur Ritterzeit

Personen der Handlung

Matilde di Shabran: (Sopran)
Corradino: das Eisenherz (Tenor)
Ginardo: Kämmerer und Torschließer (Bass)
Aliprando: Arzt und Seelendoktor (Bass)
Isidoro: Dichter (Bass-Buffo)
Contessa d’Arco: eine Intrigantin (Mezzosopran)
Edoardo: ein überspannter Jüngling (Mezzosopran)
Raimondo Lopez: sein Vater (Bass)
Egoldo: Sprecher der Bauern (Tenor)
Rodrigo: Führer der Armee (Tenor)

Handlung

1. Akt:

Trotz ihrer Baufälligkeit wirkt die kleine Burg im gotischen Baustil recht wohnlich. Den Rittersaal schmücken Kriegstrophäen, hauptsächlich Kettenhemde, Brustpanzer und Helme, dazu Waffen wie Speere und Schwerter. An den Wänden malerisch aufgebaut wirkt die Dekoration ein bisschen bedrohlich, zumindest aber ehrfurchtgebietend. Der Schlosshof gibt im Hintergrund den Blick auf einen Bau frei, von dem die Gitterstäbe verraten, dass er als Gefängnis dient. Die Kriminalitätsrate ist nicht sehr hoch, obwohl der Burgherr übelgelaunt auch bei kleinsten Vergehen die Täter einsperrt. Der Regelfall ist jedoch das Abhacken des Kopfes. Was nun optisch gar nicht in den Burghof passt, sind zwei Grabsteine mit der Inschrift „A chi entra non chiamato sarà il cranio fracassato” - sinngemäß heißt das: Demjenigen, welcher unwillkommen eintritt, wird der Schädel gespalten. Und auf dem anderen steht „Chi turbar osa la quiete qui morrà di fame e sete” - übersetzt in etwa: Wer es wagt, den Frieden dieses Platzes zu stören, wird an Hunger und Durst sterben. Besitzer und unumschränkter Herrscher dieser kostbaren Immobilie ist der edle Ritter Corradino, mit dem Beinamen „Das Eisenherz“.

ERSTE SZENE

Die Sonne ist soeben aufgegangen. Egoldo ist der Anführer der Leibeigenen und Bauernmädchen, welche Körbe mit Obst und Gemüse bringen, damit der Burgherr und seine Dienerschaft mit landwirtschaftlichen Produkten wohl versorgt sind.

Im Schloss herrscht noch Stille und Egoldo rät, die Körbe einfach abzustellen und die Gelegenheit zu freimütigem Spaziergang zu nutzen. Sie sollen schauen und inspizieren, mal hier, mal da. Ganz schön kess! Der Haushofmeister steht plötzlich auf der obersten Treppenstufe vor dem schönen Spitzbogenportal und rasselt mit dem Schlüsselbund.

Seine Sprache ist unverblümt und soll einschüchtern. Dies sei das unerschütterliche Schloss, wo der furchtbare Mann, verrückt und sonderbar, kommandiert. Seinen Untertanen zeigt er sich niemals selbst. Er ist immer bewaffnet und immer wütend. Jedem droht er mit düsterem Blick und kennt keine Gnade. Ach, das ist doch lächerlich. Ginardo wird vom Bauernvolk ausgelacht und lenkt ein. Sei das nicht ein wunderschöner Palast? Wie denkt Egoldo darüber. Bestimmt sind dort viele Antiquitäten und Raritäten zu besichtigen. Leider hat er keinen Zugang.

Zum Hauspersonal gehört der eigene Doktor. Der Schlossherr leidet unter mancherlei Krankheiten, die diagnostiziert, zumindest aber erraten sein wollen. Wer gekommen ist, will Aliprando wissen, und schon bläst er in das gleiche Horn.

Wer hat das Pack hergeführt? Furcht geht hier um und die dicken Mauern atmen Gefahr, die im Prinzip jedem droht. Sie sollen die Sprüche auf den Grabsteinen lesen, über die Worte nachdenken und im Geiste den Donner über ihrem Kopf lauschen. Hier regiert Corradino. Das Grab ist fertig, für jeden zu jederzeit, und nun beginnt zu zittern. Egoldo wendet ein, dass die Landbevölkerung nicht lesen kann und angewiesen ist, vorgelesen zu bekommen. Non è niente, aber in jedem Fall von Übel.

Jetzt wird Aliprando schwatzhaft und plaudert Vertraulichkeiten über seinen Herrn aus. Dieser hasst weibliche Annäherung. Es ist wahr: Il feroce Corradini odia il sesso feminine. Welche Bestie! Schön oder hässlich. Wenn es Frauen sind, er hasst sie alle! Er ist ein Ungeheuer. In seiner Brust schlägt ein Herz aus Eisen. Wie schrill! In den Körben liegen Obst und Gemüse, unsere üblichen Gaben. Ein Diener kommt, gibt Egoldo ein paar Münzen und lässt die Körbe in die Burg tragen.

In der Burg schrillt eine Glocke. Warum dies laute Dingdong? Leute, die besonnen sind, gehen beim Klang der Glocke weg. Der Patron ist aufgewacht und auf dem Weg nach unten. Selbst das wärmste Blut bringt er auf den Gefrierpunkt. Wenn Cerberus – gemeint ist der Höllenhund – dich sieht, bist du in einer schlimmen Lage. Er ist böse wie ein grobkörniger Hagelschauer. Aus euren Köpfen macht er Hackfleisch.

Aliprandos Rede hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Landleute beschließen, hier nicht mehr herzukommen. Sie schicken sich an, würdevoll abzugehen, geben dann aber doch Fersengeld. Sie rennen, nein, sie fliegen.

ZWEITE SZENE

Aus dem Wäldchen hinter dem Schloss kommt ein fröhlicher Wanderer. Er hat seine Gitarre dabei und trällert ein lustiges Liedchen: „Intanto Armenia infra l’ombrose piante... Unter den schattigen Bäumen eines großen Waldes im fernen Land Armenien sieht man Reiter, aber ihre zitternden Hände können die Zügel nicht halten...“ So beginnt das Liedchen. Der herrliche Apollo tut viel zu wenig für die Dichter. Meistens sind die Bedauernswerten hungrig und durstig und haben das Aussehen einer verschrumpelten Mumie. Einige sind in der Lage, Gold von Silber zu trennen, mit Kupfer haben sie sich gar nicht abgegeben. Zu ihnen gehört Isidoro nicht. Die Regel ist, dass die Dichter Lobpreis verkünden und dafür gibt es oftmals nicht ein Stückchen Brot. Ständig sind sie bereit zu sterben. Aber vielleicht verhält es sich in diesem schönen Schloss anders und der Schlossherr ist freigiebig. Vielleicht findet Isidoro sogar eine feste Anstellung als Hofpoet.

DRITTE SZENE

Wer bist du, Elender? Wer hat dich geschickt? Bist du zum Sterben hergekommen? Oh verdammt, ein Elefant fällt über Isidoro her. Das beste würde sein, wenn er gleich wieder wegrennen würde. Wieso? Will der Neugierige sehen, wie gut er im Rennen ist? Schau, der furchtbare Konrad hat seine Lanze immer dabei und hält sie in Bereitschaft, dich zu töten. Die Vorhaltungen Ginardos haben Isidoros Appetit getilgt und er schickt sich an, zu gehen.

In diesem Moment erscheint Corradino in voller Rüstung auf der obersten Treppenstufe mit vier Kavalieren. Weshalb will der Besucher wegrennen? Es wird ein vergeblicher Versuch sein, seinen Zorn zu umgehen. Er soll still sein und den Mund halten oder er wird tot zu seinen Füßen niedersinken. Allein seine Gegenwart sei ein Verbrechen. Gewiss verhält es sich so, wagt Isidoro einzuwenden, aber er hat doch nichts getan. Kann man ihm ein Fahrzeug leihen, damit er sich schleunigst entfernen kann? Das Todesurteil ist schon geschrieben, murmelt Ginardo vor sich hin.

Wer er ist will Corradino nun doch wissen. Don Isidoro, nennt der Angeredete seinen Namen. Was für ein schlaffer, verweichlichter Name! Diesen Namen trägt er schon seit seiner Geburt, aber wenn der Herr es wünscht, kann er ihn wechseln. Was ist er? Er sei ein Dichter und wenn der Herr in seinem Gesicht lesen kann, müsste ihm klar werden, dass er den Anakreon von heute vor sich habe. Corradino überhört ausnahmsweise den Spott und fragt, wer ihn hergesandt habe. Aus eigenem Antrieb sei er her gekommen, erklärt Isidoro und er habe den Wunsch in Sonetten das Loblied des Burgherrn zu künden. Schmeichelei kann Corradino nicht vertragen! Dann will er seine schöne Dame besingen. Voll ins Fettnäpfchen getreten, lieber Isidoro! Corradino zittert vor Wut. Was hat der Frechling da gesagt? Nun, wenn die Dame hässlich ist, wird man das seiner Dichtkunst nicht anmerken. Corradino kann seine Wut nicht länger beherrschen und tippt den Dichter mit seiner Lanze an. Ginardo rät dem Poeten, seinem Kopf jetzt Adieu zu sagen. Sogleich wird Corradino ihm die Kehle durchschneiden. Sein Blut wird die Buße für sein wahnsinniges Benehmen sein. Der Herr der Burg möge sich doch ein bisschen zurückhalten, er möchte noch nicht sterben, fleht der Dichterfürst.

Aliprando mischt sich nun zugunsten des Verängstigten in den Dialog ein. Corradino soll im Hafen seines Herzens einen Vorwand für eine Begnadigung suchen. Zorn hat grundsätzlich nur dann Qualität, wenn er in der Schlacht unter einem Schauer von Pfeilen losgelassen wird, aber gegen einen Wehrlosen ist er untauglich.

Tatsächlich hält Corradino seinen Zorn für einen Moment an. Er wird nach einem Ausweg suchen. Gewiss hat das Galgengesicht ein Komplott gegen ihn geplant. Der Doktor soll Notiz von seiner hässlichen Visage nehmen. Er muss entweder ein Mörder oder ein Spion sein. Isidoro meint, der Burgherr täte gut daran, keine Diskussion über Visagen zu führen. Was hat der Elende da gesagt? Er soll unverzüglich antworten. Was Isidor gesagt hat, meint er auch so! Er weiß selbst, dass er unter all den vornehmen Leuten nicht ausschaut wie ein Edelmann.

Corradino will nichts mehr von ihm hören. Isidoro soll sofort in Ketten gelegt und dann ins Gefängnis gesteckt werden. Isidoro entschuldigt sich geistesgegenwärtig und dankt für die Mühewaltung. Jetzt ist Corradino erleichtert. Wer weiß, welche Verschwörung geplant war. Aliprando spricht dem armen Poeten Mut zu. Dem Wehen des Windes muss man seinen Weg lassen. Er wird sich wieder beruhigen. Ginardo rät Isidoro, seine Schritte zu beschleunigen und sich einstweilen in einer dunklen Ecke des Verlieses zu verkriechen

Nachdem er ihn in seine neue Unterkunft begleitet hat, kommt Ginardo mit der Meldung zurück, dass er seinen Gefangenen Edoardo zerknirscht vorgefunden habe. Es ist der Sohn seines Burgnachbarn Don Raimondo, aufgelöst in Tränen. Der Starrkopf ist möglicherweise dabei, seine Gesinnung zu ändern. Corradino befiehlt, die Gefängnistür zu öffnen und den stolzen Jüngling, der es gewagt hat, auf seinen Waldwegen spazieren zu gehen, vor ihn zu bringen. Auf den Knien soll er zu seinen Füßen niedersinken und bereuen.

VIERTE SZENE

Möglicherweise hat Ginardo geschwindelt. Edgardo gibt sich ungebrochen und tritt dem Burgherrn stolz gegenüber. Hier ist er - und immer noch derselbe. Zu was hat er sich entschlossen? Ihn für immer zu verachten! Corradino mahnt, er sei das gnadenlose Eisenherz und die Qualen seiner Einkerkerung werden enden, wenn er sich unterwirft. Wenn das Eisenherz denkt, dass er sich beugen würde, ist er im Irrtum. Es ist wahr, dass seine Augen Tränen vergießen, aber nicht aus Feigheit. Es ist auch wahr, dass er sein Gefangener ist, aber deshalb verachtet er ihn um so mehr. Ketten haben seine Hände gebunden, aber sein Herz können sie nicht fesseln. Es schmilzt in Tränen, weil seines Vaters Sorge ihn bekümmert. Er bittet nicht um Verzeihung, aber seine Seele schluchzt jammervoll aus Liebe, nicht aus Feigheit. Edoardo soll akzeptieren, dass das Eisenherz der Sieger ist, dann wird Corradino ihn zu seinem Vater zurückschicken. Wie kann er ihn Sieger nennen, wenn er eine Waffe und einen Schild trägt? Einen großen Speer kann er nach ihm schleudern, er hat dagegen nur ein kurzes Schwert und seine Brust als Zielscheibe. Obwohl unterlegen, kommt Corradino nicht umhin, seine Kühnheit zu bewundern und lässt ihm die Ketten abnehmen.

Ginardo kündet an, dass Matilde von Shabran in Begleitung des Doktors ihren Waldspaziergang beendet hat und auf die Burg zusteuert. Um ihres Vaters letzten Wunsch zu erfüllen, wird er ihr einen Mann besorgen und etwas Geld geben. Der Librettist macht leider keine Angaben, wer Matilde ist und was sie befugt, sich in der Burg Corradinos heimisch zu fühlen. Möglicherweise hat der Leibarzt sie engagiert, um durch ihre Sanftmut sein Wesen ein bisschen zu glätten. Er ahnt nicht, dass er eine völlig falsche Wahl getroffen hat.

FÜNFTE SZENE

Matilde ist auf Opposition eingestellt. Mit den Waffen einer Frau will sie Corradino in die Knie zwingen, um dem weiblichen Geschlecht zum Siege zu verhelfen. Kapriolen und höhnische Überlegenheit, Seufzer und Grazie wird sie einsetzen, um Corradino zu unterwerfen. Bedeutungsvolle Worte und listenreiche Tricks stehen ihr zur Verfügung. Sie fühlt sich ganz wie die orientalische Zauberin Armida, die alle Männer zu ihren Sklaven machte.

Aliprando ergreift Partei für Corradino, der den männlichen Gegenpart vertritt. Zu seinen Attributen gehören bedrohliche Manieren und der Ausbruch von Ärger und Stolz. Jede Menge Sonderbarkeiten, zusätzlich Wahnsinn, der zu wahnsinnigen Handlungen führt, machen ihn zu einem Ungeheuer oder Teufel. Wenn sie sich mit ihm anlegen will, so soll sie sich das gut überlegen. Er wird sich widersetzen und kämpfen und ihr das Fürchten beibringen. Sie hat keine Ahnung, wie stolz er ist.

Matilde lacht den Doktor aus. Sie sei eine Frau und das müsste eigentlich reichen. Sie wird ihren Widersacher fügsam machen und nicht eher ruhen, bis er handzahm geworden ist. Sie möchte den Doktor überzeugen und lässt sich von ihm die Vorzüge ihrer holden Weiblichkeit nacheinander bestätigen. Wie sieht sie aus? – sehr lieblich! Was ist mit ihrer Haut? – Wie eine Rose! Und ihre Lippen? – Wie Rubine! Und ihre Augen? – Schelmisch! Und ihr Gang? – Voller Grazie! Ihre ganze Erscheinung? – Wie eine Statue! Ihr Lächeln? – Bezaubernd! Ihre Tränen? – Herzerweichend! Ist das nicht genug? Noch nicht – Die Natur macht das Herz! Corradino hat ein Herz aus Eisen. Matilde hält dagegen, dass sie ihr Geheimnis habe und deshalb die Auseinandersetzung mit ihrem Gegenpart gewinnen werde.

Aliprando stellt sich den furiosen Mann in Aktion vor - seine Verachtung und seinen Ärger. Matilde sieht ihn von Liebe überwältigt seufzend vor ihr knien. Er soll den Weg für den mutigen Krieger und ihren Triumph freigeben. Ach, Matilde, es wird nicht leicht sein, den Sieg zu erringen. Sein Kopf ist vollgestopft mit bizarren Ideen und eine Frau wirkt auf ihn ermüdend und das weibliche Geschlecht kommt für ihn nicht in Betracht. Dann wäre der Mann ein Tier und Matilde fragt sich, weshalb er dann noch am Leben sei.

SECHSTE UND SIEBENTE SZENE

Ginardo sieht großes Chaos voraus. Die Contessa d’Arco ist im Anmarsch. Matilde will wissen, wer sie ist. Offenbar hat die Dame Kenntnis von ihrer Anwesenheit erhalten. Aliprando urteilt, dass die Gräfin von krankhafter Natur sei. Einst war sie Corradino zur Ehe versprochen, aber wegen Unvereinbarkeit der Charaktere hatte man es vorgezogen, sich im Vorfeld zu trennen. Matilde wundert sich, dass es ihr trotzdem erlaubt ist, hier einzutreten, was allen anderen verboten ist. Corradino denkt auch, dass ihr Kommen keine Gunst, sondern eine Beleidigung ist. Matilde möchte ihr gegenüberstehen!

Die Contessa tritt ein und blickt verächtlich auf Matilde Das soll nun die Gottheit sein! Wie selbstgefällig das arme alberne Mädchen sich aufführt. Matilde bittet die Dame, ihre Stimme auf Turmstärke zu reduzieren. In ihrer Abneigung füreinander sind sich beide einig. Schau her, schau her! Welch ein Wrack sie ist. Die Natur hat sie geschaffen und dann vergessen, tönt es im Duett. Dieser Grimm und dieser Blick! Ginardo und Aliprando können für nichts garantieren. Die eine wünscht aufzusteigen und die andere ist im Begriff abzusteigen. Die beiden Damen halten sich gegenseitig für eine Lachnummer. Die Venus des Jahrhunderts stellt sich zur Schau, für den, der sie sehen möchte. Doktor und Kämmerer versuchen zu beschwichtigen. Sie sollen doch höflich zueinander sein, andernfalls sollen sie ihres Weges gehen. Beißen und kratzen - bitte nicht hier im Hause. Corradino kommt und will wissen, was der Aufruhr zu bedeuten hat. Seine Hausordnung sei wohlbekannt, und niemand soll es wagen, sie zu brechen. Die Contessa ergreift das Wort und erklärt Corradino, dass sie ihn nach wie vor liebe, aber nachdem sie die fremde Frau hier sehe, beginne sie, an seinem Verstand zu zweifeln. Nun beginnt Corradino, der den Vorwurf ernst genommen hat, mit Matilde zu zanken. Mit Hochmut und Verachtung schaut er auf sie herab: Ehi! Donna! Matilde kontert: Mann! Wer bist du? Wie stolz sie ist! - Wie rüde er ist! Corradino soll kommen und ihre Hand küssen, so wie es bei Hofe Sitte ist. Corradino wird ärgerlich. Ginardo soll die Ketten holen und Matilde einsperren. Der alberne Kerl soll ihr bloß keine Szene machen und Bescheidenheit an den Tag legen. Wer ist sie? Wie spricht sie zu Corradino? Matilde richtet sich auf. Sie ist eine Frau und das dürfte wohl genügen. Sie ist es gewohnt, respektiert zu werden und am Respekt lasse es Corradino fehlen. Kann man dieser vorlauten Person nicht den Kopf abhacken, erkundigt sich die Gräfin.

Corradino ist über sich selbst erstaunt, dass er nicht in Wut gerät und schaut, über ihre Worte nachdenkend, Matilde still an. In seinem Innern geht eine Wandlung vor. Ein völlig unbekanntes Gefühl macht sich in ihm breit. Auf der Suche nach sich selbst findet er sich nicht mehr. Die Seele dreht sich um die eigene Achse. Matilde, Ginardo und Aliprando beobachten ihn, kommen zum gleichen Resultat und singen seine Worte nach. Die Contessa spürt instinktiv wie der Stern von Matilde am Steigen ist. In ihr wächst der Zorn und sie versucht vergeblich, sich zu beruhigen. Ihre Seele brennt. Soll sie gehen oder bleiben?

Corradino gibt sich einen Ruck. Wo wollte er hinkommen, wenn er damit anfängt, Gefühle zu pflegen, die er nicht analysieren kann? Er erklärt den Umstehenden, Matilde sei gekommen, um ihn um Verzeigung zu bitten. Matilde behauptet, es verhalte sich umgekehrt. Eisenherz wendet sich an Ginardo und herrscht ihn an: Hol’ die Ketten! Dieser erhebt sich, um zu flüchten. Matilde bleibt locker und sagt zu Corradino, er könne die Ketten ruhig holen und sie um ihre Hand, um ihren Hals und um ihre Füße legen. Nun ist der Dialog festgefahren. Corradino ist ratlos. Wie lächerlich das Ganze ist. Liebe narrt ihn, Liebe konsumiert ihn. Er schaut verstohlen um sich und macht einen tiefen Seufzer. Sein Herz fühlt er schnaufen. In seinem Kopf rotiert es wie ein Spinnrad in Aktion. Er kann nicht mehr klar denken. Matilde liegt wie eine Katze auf der Lauer und beobachtet sein Mienenspiel.

Im Innern der Contessa d’Arco wütet der Sturm der Eifersucht. Sie denkt an Rache, hat aber noch keine Vorstellung, wie diese aussehen soll.

ACHTE SZENE BIS ZEHNTE SZENE

Jetzt kann nur noch der Doktor helfen. Corradino erklärt ihm seinen Zustand und der Doktor soll alle Namen der Krankheiten nennen von denen sein Herz geplagt sein könnte. Woher kommt das Feuer, das durch seine Adern jagt und woher kommt die Kraft, die seine Brust zu sprengen droht? Aliprando diagnosiert exakt. Der Terror, von dem alle Sterblichen geplagt werden, hat auch ihn erwischt. Er sei liebeskrank! Von einer solchen Krankheit hat Corradino noch nie etwas gehört. Kann man sie kurieren? Nein, gegen die Liebe sei kein Kraut gewachsen.

Liebe? Das ist unmöglich. Kann es mit Zauberei zu tun haben? Ist es denkbar, dass jemand das Eisenherz verhext hat? Corrado kommt ein irrwitziger Gedanke. Hat er den Hexer nicht bereits eingesperrt? Er muss sich Gewissheit verschaffen. Der Poet war ihm von Anfang an suspekt. Der Elende wird für seine verruchte Tat bezahlen.

Corradino versucht sich zunächst zu verstellen und zeigt dem Poeten ein lachendes Gesicht, um ihn zu täuschen. Das Herzchen soll ihm genau erzähle, wer er ist. Er will jetzt die absolute Wahrheit hören. Isidoro behauptet, er sei ein Mann, der die ganze Welt behext. Er ist also ein Zauberer? Manchmal schon! Aha, der Schuldige ist gefunden.

ELFTE SZENE

Matilde hat sich eine neue Masche ausgedacht. Mit Tränen in den Augen tritt sie vor den Burgherrn und entschuldigt sich, dass sie ihn beleidigt habe. Ein Traum, den sie aber nicht erzählen will, hat sie zur Besinnung gebracht. Sie fühlt sich zerquetscht von seinem Glanz und hat beschlossen wegzugehen. Corradino ist sich nicht schlüssig, ob er zustimmen oder sie zurückhalten soll. Isidoro und Ginardo können es nicht lassen, die Situation zu kommentieren. Ein Sturm von Gefühlen durchrast das Eisenherz. Der Orkan wird das Organ in Stücke brechen. Zum Abschied reicht Matilde ihm die Hand und mit der Selbstbeherrschung Corradinos ist es vorbei. Er fühlt sein Herz lodern und kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Jetzt geht er baden, kommentieren Ginardo und Isidoro gehässig.

Matilde wechselt die Gangart. Möchte der Anfänger ihr etwa mit seinem Speer oder mit seinem Schwert etwas über Liebe erzählen. Er soll beides wegpacken und den Schild flach auf den Boden legen. Sein farbiger Helmbusch beeindrucke sie überhaupt nicht. Er muss lernen, wie man liebt. Sie erwartet viel, aber nicht zu viel. Für sie wird er Armeen besiegen und Provinzen erobern. Auch Heroen besitzen die Fähigkeit zu lieben. Matilde fühlt sich von dem Angebot nicht beeindruckt. Sie wünscht sich Liebe, Dankbarkeit, Respekt und Humanität. Diese Dinge hat Eisenherz alle im Angebot. Nun soll sie ihm die versöhnende Hand reichen. Matilde steht hoch aufgerichtet auf dem Schild, lässt den Ritter niederknien und reicht ihm das Gewünschte, damit er es mit seinen Lippen anfeuchten kann. Isidoro und Ginardo verbergen ihr Gesicht taktvoll in ihren Händen. Corradino ist selig. Durch Liebe hat er Matilde bezwungen, und jetzt wird sie ihm mit Haut und Haaren gehören.

DREIZEHNTE UND VIERZEHNTE SZENE

Die Alarmglocke schrillt, und aus Ferne ist das Donnergrollen von Trommeln zu hören. Was bedeutet der Aufruhr, was ist passiert? Edoardos Vater ist gekommen, um mit Waffengewalt seinen Sprössling zu befreien. Im Ernst? Der Medico bestätigt, dass Corradinos Soldaten für den Kampf gesundheitlich gerüstet sind. Das alberne Volk zittert vor Furcht. Matildes Ängste müssen beschwichtigt werden. Treu wird sie an seiner Seite stehen. Aliprando muss sich eingestehen, dass sie es verstanden hat, das Eisenherz zu umgarnen.

In der Schlosshalle ertönen Kriegsgesänge. Edoardo, dem man keine Beachtung schenkt, kann sich die Ursache des Soldatenaufmarsches, der von Rodrigo angeführt wird, nicht erklären. Er ist verzweifelt und wagt nicht, nach dem Grund zu fragen. Die Soldaten sind in Hochstimmung und suchen den Sieg auf dem Schlachtfeld.

Corradino ist im Begriff, die Burg zu verlassen, um sich auf den Weg zum Schlachtfeld zu machen, dicht gefolgt von Donna Matilde. Die Contessa d’Arco will sich nichts entgehen lassen und folgt Aliprando und Ginardo nach. Isidoro hat seine Gitarre geschultert und trägt eine große Rolle Papier unter dem Arm. Das Tintenfass hat er an einem Gürtel um die Taille geschnallt. Als Kriegsberichterstatter glaubt der Poet seine Bestimmung gefunden zu haben. Er wird berichten über Vorstöße und Rückschläge, Schlachtpläne und Verwundungen. Seinen Platz im Gefängnis hat er zur Verfügung gestellt. Einer Karriere als Hofpoet dürfte nichts mehr im Wege stehen.

Edoardo muss auch nicht mehr angekettet im Gefängnis ausharren. Neugierig hat er sich dem Zug angeschlossen und Corradino bekommt ihn zu Gesicht. Jetzt wird sein Vater endlich die Quittung für seinen Hochmut bekommen. Der Jüngling ist von seinem Schmerz und dem Leid des Vaters, der ihn sehr vermissen dürfte, überwältigt. Er bittet den Gestrengen, an die Seite seines Erzeugers rennen zu dürfen, stößt aber auf Opposition. Matilde legt Fürbitte für den Flehenden ein, doch damit erregt sie nur Corradinos Eifersucht. Liebt die Treulose das Bürschchen etwa? Der Liebste kann unbesorgt sein, ihr Herz gehört nur ihm. Sie überreicht ihm Helm, Schild, Schwert und Lanze. Nun soll er fechten, gewinnen und als Sieger zurückkehren. Gern würde sie mit an seiner Seite reiten und sein guter Engel sein. Nein, sie soll in der Burg bleiben, disponieren und anordnen. Wehe, sie verrät ihn! Sie soll immer daran denken, wer er ist. Edoardo soll seine Füße nehmen und sich in seinen Bau bewegen. Wahrscheinlich sieht er seinen lieben Vater nie wieder.

Die Contessa d’Arco registriert die Situation und was sich aus ihr machen lässt. Matilde liebt den Mann, der ihr gehört und füllt ihr Herz mit Eifersucht. Vage sieht sie sieht eine Möglichkeit, ihre Rachegelüste zu befriedigen und rechnet sich eine Chance aus, ihren alten Platz an der Seite Corradinos wieder einzunehmen.

Isidoro läuft zur Höchstform auf. Er will nicht nur berichten. Er entwirft Angriffspläne und macht die Soldaten mit der Schlachtordnung bekannt. Sie sollen schnell voranschreiten und gut und tapfer sein. Der Arm sei stark und rücksichtslos. Beim Laufen bitte auf die Füße achten, und der Tod möge bitte der letzte Ausweg sein. Er ist schon dabei, die Siegeshymne zu komponieren. Patatim, Patatam, Patatum.

2. Akt:

ERSTE SZENE

Man befindet sich im Freien, hat den Platz der Schlacht ausgewählt und wartet auf den Angriff des Gegners, von dem niemand weiß, wo er sich zurzeit aufhält. Man würde am liebsten selbst angreifen, doch was ist, wenn es den Feind gar nicht gibt? Die Soldaten, von Isidoro angefeuert, strotzen vor Heldenmut und verspüren Handlungsbedarf. Aus der Nähe hört man ihre Schlachtengesänge, Corradinos Name möge bis an die Grenzen des Erdkreises erschallen. Trompeten künden von seinem enormen Wert.

Der Dichter sitzt auf dem Boden unter einem Baum und schreibt an einem Heldengedicht zu Ehren Corradinos. Auch seine eigene Wenigkeit findet darin gebührende Beachtung. Er macht eine kleine Pause, um sich bewundern zu lassen. Zur Hälfte ist das Epos fertig, die andere ist morgen an der Reihe.

In der Vergangenheit tötete Corradino im Alleingang an einem einzigen Tag sechstausend Mann oder gar mehr. Pferdeleiber wälzten sich in Todeszuckungen auf dem Boden. Die Fersen der Gegner liefen davon wie der Wind und die Köpfe stiegen nach oben, um den Himmel um Gnade anzuflehen. Der Chor zweifelt und meint, dass es so nicht gewesen sein könne. Doch Isidoro beschwichtigt und erzählt ihnen etwas über die dichterische Freiheit. Apollo hat dem Dichter erlaubt zu fabulieren. Zwei Verse eines Dichters haben schon ganze Armeen durcheinander gebracht. Wichtig ist, dass der Feind das Erzählte glaubt. Man nennt das Gräuelpropaganda. Die Feder des Dichters ist eine mächtige Waffe. Noch ist er mit seinem Epos nicht fertig. Sobald die Muse in ihm hellwach ist, wird er es noch mit Ornamenten verzieren. Hochgelobt sei der Dichter Isidoro Pallottola, der immer die Wahrheit spricht.

Fast hätten wir das Eigenlob, der den Löwenanteil der Dichtung ausmacht, vergessen. Dichter sind nicht nur in der Kunst des Schreibens geübt, sondern sind selbst in der Schlacht angemessen engagiert. Meistens halten sie sich dort auf, wo es am Gefährlichsten ist und fechten mit dem Säbel, um mit listigen Manövern die feindlichen Verbände irrezuleiten. Seine Tapferkeit ist grenzenlos. Der von seiner Kunst Besessene kennt sich selbst nicht mehr und wird zu Bestie. Er attackiert die Kavallerie wie das Fußvolk und manchmal ist er auf dem Schlachtfeld der einzige Überlebende. Oh, welche Verse! Ähnliches hat der Opernchor noch nie von einem Dichter gehört. Großartig wird die Geschichte über ihn berichten.

ZWEITE UND DRITTE SZENE

Edoardo hat auch eine Halluzination. Urplötzlich tritt der Vater aus dem Gebüsch hervor und hält einen Monolog. Zu welchem Zeitpunkt darf er hoffen, seinen lieben Sohn wieder in die Arme zu schließen? Sobald er den Feind geschlagen hat, wird er eilen, um ihn aus seiner jammervollen Lage zu befreien. Sein sorgenvolles Herz ist von Stichen durchbohrt, seitdem er nicht mehr nach Hause gekommen ist. Eigenhändig wird er die Ketten, die seine Freiheit eindämmen, zerbrechen, sobald die launische Fortuna es erlaubt.

Der unglückliche Vater ist weit weg von ihm. Wie schrecklich wird es sein, wenn er ihn für immer verlieren wird. Seine Tränen sind nutzlose Waffen gegen den eisernen Corradino. Um ihn herum lauern Gefahren, aber er soll nicht auf seine Schreie hören, doch Donna Matilde ist nett zu ihm.

VIERTE SZENE

Wieso läuft Edoardo eigentlich frei herum, will Corradino von ihm wissen. Donna Matilde bewirkte dieses Wunder. In der Tat, mitleidvoll entzog sie ihn seiner Rache, ihr Herz ist voll von Amore. Corradino trifft der Schlag. Das perfide Weib spielt falsch. Er fühlt ein wildes Feuer in seinem Herzen brennen. Der Teufel rät ihm, Matildes Schandtaten durch ihr Blut auszulöschen.

FÜNFTE SZENE

Isidoro hat sich einen Kurzurlaub gegönnt und erscheint in der Burg. Auch Dichter, das harte Kriegshandwerk nicht gewohnt, haben Anspruch, ausspannen zu dürfen. Matilde hatte allerdings Corradino erwartet und lässt sich vom Verlauf der Schlacht berichten. Ein furchtbares Gemetzel hat stattgefunden. Die Schlacht um Troja war ohne Niveau und das Gefecht von Salamis wirkt im Vergleich unbedeutend. Die Contessa will auch wissen, wie es um Corradino steht. Isidoro weiß es nicht. Sie soll selbst nachschauen, das Schlachtfeld ist ganz in der Nähe. Wenn Corradino nicht tot ist, muss er noch am Leben sein. Ist es tatsächlich denkbar, dass Corradino nicht mehr unter den Lebenden weilt? Besser er als ich, gibt Isidoro gleichmütig zur Antwort. „Holde Damen, wir sind hier“ tönt Ginardos Stimme.

SECHSTE BIS NEUNTE SZENE

Corradino befiehlt, Edoardo sofort vor ihn zu bringen. So wie sie in sein Gesicht schaut, erfasst Matildes Herz Unruhe. Die Gräfin meint, das Eisenherz scheine alles zu wissen. Ginardo kommt zurück und meldet, dass der Gefängnisinsasse geflohen ist. Edoardo ist nicht mehr da!

Aliprando fragt, wie das angehen kann, und Matilde tut erstaunt. Die Contessa d’Arco strahlt vor Schadenfreude, als Rodrigo ein Briefchen bringt. Corradino öffnet den Umschlag, adressiert an die schöne Matilde von Shabran, und liest, dass Matildes Name für immer in sein Herz eingraviert sein wird. Im Moment erträgt es sehr viel Gram und das letzte Wort, welches er in seiner Sterbestunde sprechen wird, heißt Matilde. Er bedanke sich, dass sie seine Ketten zerbrochen hat und wird nicht eher glücklich sein, bis er sich vor ihr niederwerfen kann, um seinen Dank persönlich zu übermitteln. Edoardo Lopez.

Die Contessa findet den Verrat Matildes offenkundig, aber Matilde dementiert. Der Brief sei offensichtlich gefälscht und solle einen Zweck erfüllen. Sie wird ihre Unschuld beweisen. Die Anwesenden spüren das Unheil, welches in der Luft liegt und versuchen, sich in Gleichnissen zu artikulieren. Matilde kann ihre Gedanken nicht ordnen. Eine Flamme, die weit weg war, erlischt nun endgültig. Das Gemäuer der Burg droht zu bröckeln, und alle fürchten um das soziale Gefüge, welches sie zusammenhält.

Eisenherz findet als erster sachlich zusammenhängende Worte, die zumindest einen Sinn ergeben. Das Wehklagen der Perfiden wird unnütz sein. Mit der Zuneigung ist es vorbei. Corradino verurteilt Matilde wegen Hochverrats zum Tode. Jung und schön und schon sterben, wegen einer Bagatelle zum Tode verurteilt. Die Umstimmungsversuche der Anwesenden sind zwecklos. Die Contessa triumphiert, sie sei gerächt und könne wieder frei atmen. Isidoro möchte schreien, und Matilde selbst bekennt, in Missachtung des Urteils nicht schreien zu wollen. Sie fühlt sich getroffen, weil sie ihre Liebe verloren und das Opfer einer Schlange geworden ist.

Corradino ist nicht zu erweichen und bestimmt das Strafmaß. Dort, wo die Burg seines Erzfeindes Raimondo steht, gibt es einen reißenden Fluss, dessen Wasser einen Strudel bildet und in den Abgrund stürzt. Dort soll man Matilde hineinwerfen. Der mutige Isidoro soll die Strafe vollziehen. Schont er ihr Leben, verliert er sein eigenes. Isidoro klagt, Scharfrichter sei nicht sein Beruf und er fühle sich nicht wie ein Löwe, sondern wie ein Kaninchen. Die Unschuld kennt keine Furcht, Matilde weint trotzdem. Corradino fühlt sein Herz in Aufruhr, aber der Ärger gewinnt die Oberhand. Schleppt sie fort, das Eisenherz kennt keine Gnade, befiehlt er. Es soll sich niemand einbilden, dass er selbst sich an der treulosen Frau rächen möchte. Schon bei ihrer Ankunft verspürte er das kalte Grausen. Das weibliche Geschlecht diene einzig dazu, den Mann unter Kontrolle zu bringen. Alle Frauen dieser Welt solle man ersäufen, weil sie nichts besseres verdient haben.

Der Chor hatte sich bisher zu dem Vorfall noch nicht geäußert und holt das nach. Zum Tode verurteilt, die arme Frau. Welches Grauen! Sie ist unschuldig. Das Eisenherz hat sich nicht ergeben. Ihre Geschichte wird man auf allen Straßen des Landes erzählen. Gebete für das Opfer und für den Missetäter werden zum Himmel aufsteigen.

Isidoro tritt ein, Matilde sei tot! Welch eine Erleichterung, jubiliert die Contessa. Damit keine Missverständnisse entstehen, hat ihr Henker einen Bericht über die Exekution erstellt. Corradino wünscht, dass ihm jede Einzelheit zur Kenntnis gebracht wird. So wahr ihm Gott helfe: Sie hatten den Fluss erreicht und blickten in den Abgrund. Das herabstürzende Wasser machte einen Höllenlärm. In dem Kessel brodelte und zischte es und die weißen Schaumkronen waren lieblich anzusehen. Er sagte zu Matilde: „Jetzt musst du sehr tapfer sein, wenn du als Heroin sterben willst.“ Mit ihren Tränen versuchte die Todgeweihte ihn zu berücken, aber vergeblich. Er packte sie, hob sie hoch und sagte zu ihr: „Stirb und halte den Mund.“ Mit dem Kopf voran und mit den Füßen zum Abschied winkend, nahm sie Kontakt zur Schaumkrone. Corradino genießt den Report und befiehlt Aliprando, der Abgetauchten nachträglich keine letzten Ehren zu erweisen.

ZEHNTE SZENE

Edoardo erscheint auf der Bildfläche. Der Kleine hat Mut! Der Brief, den Adolfo an Rodrigo ausgehändigt hat, sei nicht von ihm. Die teuflische Contessa habe ihn abgefasst, um der Rivalin zu schaden. Matilde sei unschuldig. Was sagt der Frechling da? Doch ein Blick auf die Contessa sagt ihm, dass Edoardo die Wahrheit spricht. Tausend Pfeile durchbohren sein Herz. Er wird sterben an Reue und Verzweiflung. Gefangen ward er in einer Falle. Isidoro gibt zu bedenken: Wenn ein guter Engel über sie wachte und sie ein bisschen schwimmen konnte, ist die vielleicht gar nicht richtig tot. Aus der Bibel weiß er, dass der Leviathan den Jonas nach einigen Tagen wieder an Land gespuckt hat. Man beschließt, zum Tatort zu eilen, obwohl es schon fast dunkel ist.

LETZTE SZENE

Man ist am Schauplatz angekommen und wartet auf das Wunder. Wenn man sich sehnlichst etwas wünscht – und Corradino wünscht sich nichts sehnlicher als dass Matilde noch lebt - hat der Himmel in seltenen Fällen ein Einsehen. Plötzlich tritt Matilde hinter dem Felsen hervor. Ist es eine Illusion? Himmel, sie ist es wirklich! Seine Liebe, sie lebt! Corrado stürzt ihr Verzeihung heischend zu Füßen.

Matilde richtet sich auf! Was erwartet der Elende? Soll sie einem Wüstling die Hand entgegenstrecken, der immerzu von Schlachten und Zerstörung träumt. Raimund hat sie in seinen Armen aufgefangen, und es wird Zeit, dass Corradino sich mit dem Edelmütigen verträgt. Wenn er sie zurückhaben will, muss er zuerst sein Herz öffnen und lernen zu gehorchen.

Corradino schwört ewigen Frieden. Jetzt gehört sie ihm für immer. Isidoro soll zur Hochzeit ein Sonett komponieren. Die Contessa wird sich beschämt von dannen stehlen. Edoardo darf auf der Burg unbehelligt ein und ausgehen. Egoldo und seine Landleute werden nicht mehr davongejagt, wenn sie Früchte gebracht haben, und die grässliche Hausglocke wird verschrottet. Ein Vortrag Matildes über die Vorzüge von Weiblichkeit und Liebe beschließt den Opernabend. Der Opernchor drängt sich noch einmal vor und kündet aller Weisheit letzten Schluss: Die Frauen sind geboren, zu regieren und zu gewinnen.

Beschreibung

Das römische Publikum verweigerte der Oper bei der Uraufführung eine freundliche Aufnahme, so dass Rossini beim Intendanten sogar um sein Honorar bangen musste. Das Libretto war allzu eigenwillig und ungewohnt und ließ die etwas dümmliche Komik der Commedia dell’arte weit hinter sich. Eine Emanze tritt gegen einen arroganten Frauenhasser an und hat ihn am Schluss der Vorstellung handzahm gemacht. Eine Schraube locker haben ferner ein Dichter mit hoher Selbstwerteinschätzung, ein überspannter Jüngling und eine intrigante Gräfin. Die Dialogführung ist nicht nur originell, sondern der Stil stellenweise ziemlich abartig.

Der Weg war umständlich und von Widrigkeiten überschattet, bis ein vorzeigbares Resultat zustande gekommen war. Giovanni Pacini musste in seiner immerwährenden Hilfsbereitschaft ein paar Nummern beisteuern. Rossini machte aus früheren Opern wie üblich ein paar Anleihen bei sich selbst. Die literarische Vorlage musste bis zur Unkenntlichkeit umgebaut werden, um ein nutzbares Libretto zu erstellen. Rossini bekam es häppchenweise zugestellt. Als absoluter Pluspunkt ist zu werten ist, dass Niccolò Paganini, selbst ein bisschen schrullig und kein Opernkomponist, sich mit der Entstehungsgeschichte des Werkes lebhaft auseinandersetzte, die Partitur auf der Geige nachspielte und schließlich die Uraufführung dirigierte.

Auch andere Komponisten nahmen sich des Stoffes an. Zu nennen wäre Morlacchis Oper “Corradino” sowie das Ballett “Eufrosinia Il potere d’amore” von Giovanni Giojas.

Erst in jüngster Zeit fand Matilde gebührende Beachtung und hat in zwei künstlerisch überragenden Aufführungen und Tondokumenten den hohen Rang eingenommen, der ihr gebührt. Die Musikwelt lernt einen unaufdringlichen Rossini kennen, der Ansprüche an ihren Intellekt stellt. Geschickt inszeniert und in seinem Unterhaltungswert erkannt, könnte Matilde es sogar zu einer gewissen Popularität bringen.


Letzte Änderung am 14.9.2012
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony