Camille Saint-Saëns (1835-1921):

La Princesse jaune

deutsch Die gelbe Prinzessin / englisch The Yellow Princess

Allgemeine Angaben zur Operette

Entstehungszeit: 1871/72
Uraufführung: 11. Juni 1872 in Paris (Opéra-comique)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 45 Minuten
Erstdruck: Paris: Durand, 1872
Verlag: Paris: Durand, 1906
Bemerkung: Camille du Locle, der Direktor der Opéra-comique, hatte für orientalisch Sujets wenig übrig und so schlug er Camille Saint-Saëns vor, die Handlung seines Einakters „La Princesse jaune“ kurzerhand nach Holland zu verlegen. Es entstand ein „unschuldiges kleines Werk“, welches es zunächst nur auf 5 Aufführungen brachte. Die Kritiker bezeichneten die Operette von weniger als einer Stunde Dauer als „extravaganten Fehlgriff“, obwohl die Handlung recht originell ist und Frankreich auf der exotischen Welle schwamm.
Opus: op. 30

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[Details]
La Princesse Jaune (Chandos, DDD/LA, 96/99)
Camille Saint-Saens (1835-1921)

E. Pluta in FonoForum 4 / 01: "Die Live-Aufnahme des Tessiner Rundfunks genügt höheren Ansprüchen. Vor allem die Sopranistin Maria Constanza Nocentini macht nach- drücklich auf sich aufmerksam."

Zur Operette

Art: Opéra comique in einem Akt und sechs Szenen
Libretto: Louis Gallet
Sprache: französisch
Ort: Holland, im Hause von Lénas Eltern
Zeit: 19. Jahrhundert

Personen der Handlung

Kornélis: ein drogensüchtiger Maler (Tenor)
Léna: eine in ihn verliebte Holländerin (Sopran)
Prinzessin Ming: ein Phantom (stimmlich nicht präsent)

Handlung

Kornélis ist ein junger Kunststudent und erst vor kurzem Waise geworden. Nun wohnt er im Haushalt der Eltern seiner Cousine Léna. An einem schönen Wintermorgen kommt sie in sein Atelier, um ihn zu besuchen, trifft ihn aber dort nicht an. Alles liegt in Unordnung herum, Akten, seine Bücher und seine Papiere. Ein angefangenes Gedicht in japanischer Sprache lässt vermuten, dass seine Gedanken auch in diesem Land weilen. Sie vermutet, dass er die Frau liebt, die er gemalt hat und deren Bildnis halbfertig auf seiner Staffelei steht. Bestimmt hat er die halbe Nacht vor ihrem Konterfei gewacht. Verärgert muss sie sich ihre geheime Liebe zum Cousin eingestehen und bringt ihre Eifersucht und ihren Groll zum Ausdruck, dass sie genötigt ist, mit den Vorzügen ihrer Erscheinung gegen ein Bild anzutreten, um auf sich aufmerksam zu machen.

Welche Attribute muss man besitzen? Sind es längliche geschlitzte Augen und geschminkte Züge? Sind es ein Vogelhals und spindeldürre Arme - oder ist es eine safranfarbene Haut, die er anbetet? Ach, wäre ich so, liebte er mich vielleicht auch! Die imaginäre Gegenwart der Fremden erzürnt sie. Gern würde sie das verwünschte Bildnis herunterreißen. Sie nähert sich dem Gemälde mit drohender Gebärde, aber wagt es nicht, das Kunstwerk zu zerstören „Ich hasse dich, ich hasse dich!“ sind ihre bösen Worte.

Kornélis tritt ein und wirft seinen schneebedeckten Mantel ab. Er macht sich daran, Phiolen und andere Gegenstände aus seiner Tasche zu kramen und behutsam auf einem Tischchen zu dekorieren. Léna fragt ihn, womit seine Gedanken sich ständig beschäftigen und welche Flüssigkeit in dem mitgebrachten Fläschchen enthalten sei. Er sagt nur, dass der Inhalt ihn glücklich mache und dankt ihr für ihre Fürsorge:

„Ich liebe mit seinem fernen Geheimnis
ein rubinrotes Land,
ein leuchtendes Schmuckkästchen,
das der Erde die Sonne genommen hat.
Dort in den schillernden Wogen
tummelt sich, schwimmend
rund um die beflaggten Dschunken
der silberne Drache.“

Er räumt ein, dass er sich für Japan interessiere und dass es ihn dort hinziehe. Léna merkt, dass sie verschaukelt wird. Nachdem absolut nichts Konkretes aus ihm herauszubringen ist, verlässt sie den Raum und knallt die Tür wütend hinter sich zu.

Soviel hat Léna mitgekommen, dass ihr Cousin sein Glück in der Ferne sucht und nicht in Holland. Sie nimmt einen neuen Anlauf, die verschiedenen Gegenstände zu beäugen und möchte allzu gern an das Geheimnis des Fläschchens kommen. Ihre Fragerei nervt ihn so sehr, dass er kurz und bündig alles zusammenpackt, das Atelier verlässt und in sein Zimmer geht. Sie wundert sich über sich selbst, weshalb sie ihn nicht einfach aufgibt:

„Ich habe geträumt einen törichten Traum.
Zur Vernunft muss ich wieder kommen.
Lebewohl, lange gehegte Hoffnung!
Er will weder sehen noch begreifen.

Weder meine Blicke noch mein Erröten,
noch meine bebende Hand in der seinen:
Es gibt nichts, dessen er sich erinnert, nichts,
was dem Undankbaren das Geheimnis meines Herzens verrät.

Die Zuneigung, die mir teuer,
ist für ihn ohne Wert;
Er begeistert sich
für ein Hirngespinst.“

Kornélis verfolgt kontinuierlich seine Affinität zu Japan. In der Hand hält er das Fläschchen mit der Droge und einen Pokal. Er verweilt lange vor dem Bildnis von Prinzessin Ming, wie er sie nennt, dann trinkt er den Pokal aus. Das Gemisch soll angeblich aus dem Orient kommen und enthält Opium, welches Kornélis in einen beseligenden Rauschzustand versetzt. Er geht einen Schritt vorwärts und betrachtet verzückt ihre Züge.

Ihre Stimme hört er im Raunen des Windes. Seine liebende Seele sucht sie im Schlafen und im Wachen. Sie soll sich bitte bewegen und atmen, denn er hat verstanden, was sie ihm sagen will. Mit ihrem ewigen Lächeln und ihren großen dunklen Augen betört sie ihn. Ihre geschlossenen Lippen sind rosiger als die Pfirsichblüte und ihr Haupt aus Achat soll sie vor ihm neigen, unter seiner Berührung wird es erzittern, er ist sich sicher.

Kornélis entfernt sich rückwärts zu einem Lehnsessel, in den er sich setzt, ohne den gebannten Blick vom Bilde Mings abzuwenden. Bald sinkt sein Kopf gegen die Rückenlehne und er murmelt ein paar unverständliche Laute, bevor er in Ekstase fällt.

Léna stellt Kornélis eine Frage, die er - in seine Träumerei versunken - akustisch nicht versteht. Selbst Künstlerin, nimmt sie Farbpalette und den Pinsel zur Hand und mit übertriebenen Fleiß malt sie das angefangen Bild zu Ende. Kornélis beginnt zu halluzinieren: „Ah, welch eine goldenen Wolke öffnet sich vor seinen Augen? Welch strahlende Unermesslichkeit erstreckt sich unter leuchtendem Himmel! Weit fort am blauen Horizont deuten sich die Paläste einer schwimmenden Stadt an.“

Lénas Haltung zeigt sich immer trostloser: Sie wird nicht mehr zum Tanz gehen. Der April ist zurückgekehrt und alle ihre Frühlinge sind vorbei. Die edlen Liebhaber sollen sie in Ruhe lassen, denn ihre Augen sind müde geworden. Ihre Hoffnung ist zerronnen.

Hinter den Kulissen singen Sopranstimmen in einer ihr fremden Sprache: „Anata wadâdo nasai! Anata wadâdo nasai! Kounitsi wa yoϊ ten Kidé gozaϊ ma sou. Kounitsi wa yoϊ ten Kidé gozaϊ ma sou!“ Kornélis bemüht sich aufzustehen. Die fremdartige Musik trägt ihm Laute zu, die er erkennt. Hat er etwa die Pforte zum erträumten Paradies durchschritten?

In seinem Geist verändert sich die Wohnung allmählich und verwandelt sich so lange, bis sie einen japanischen Eindruck erweckt, mit dazugehörendem exotischen Garten. Kornélis begrüßt, was er sieht, wenn er aus dem Fenster schaut: Pagoden, weite Felder, eine grüne Ebene und das Gedränge der Händler. Er genießt das zarte Aroma des Tees und die Seidenvorhänge in strahlenden Farben. Die blumengeschmückten Gärten werden von Bronzeungeheuern bewacht. Bis auf sein gemalte Bild, welches er abruft, fehlt nichts. Wo ist die bezaubernde Vision nur?
In diesem Moment wird er Léna gewahr, deren Aufputz sich ebenfalls verändert hat. Sie ist japanisch gekleidet und bedient sich der gleichen Posen wie Ming. Anstelle des Bildnisses der gelben Prinzessin sieht er eine Holländerin, die gekleidet ist wie Léna. Die Damen haben die Klamotten getauscht, stellt Kornélis in seinem Opiumrausch fest. Er wagt es überhaupt nicht, sie anzusprechen - so schön ist Léna geworden.

Diese hat bemerkt, dass in dem Verhalten ihres Cousins eine Veränderung eingetreten ist. Auf seinen Ausruf wendet sie sich ihm zu und fragt ihn erstaunt, was ihn bewegt. „Bleib so, bleib so und frage mich nicht, warum ich komme und was ich will!“ Sein Auge will sich an ihr berauschen. Nun erkennt er zum ersten Mal die Schönheit ihrer jungen Seele. Léna ist irritiert, also kennt er auch das Geheimnis ihrer Wünsche. Doch was will er sagen? Er bete sie an, und sie soll sich bitte nicht weigern, seinen Beteuerungen zu glauben! Ihr Herz schläft nur; er wird es wecken! Weshalb flieht sie vor ihm. Sie solle ihre bange Seele beruhigen und nicht an ihm zweifeln. Nichts hält ihn zurück, sie zu erobern.

Süße Musik in Lénas Ohren: Er spricht zu ihr von Liebe. Träumt sie etwa? Mit bebendem Herzen lauscht sie ihm. Sie hat Angst, endlich zu begreifen, denn sie befürchtet, die leise Hoffnung könnte ohne Wiederkehr entschwinden! Er soll doch bitte das Schwindeln lassen. Sie weiß nur zu gut, dass seine einzige Geliebte sich auf seinem gemalten Bild befindet.

Dieses Bild verabscheut er. Außer Léna liebt er keine andere. Kornélis deklamiert ein Gedicht von einem klaren stillen Wasser, auf dem ein Boot dahingleitet, und am großen versilberten Himmel schwebt bewegungslos der Mond. Léna sagt ihm, dass sie von seiner Poesie nichts verstünde. Weshalb kann er nicht so reden wie die anderen Leute auch?

„Liebes Kind, du, welches ich auserkoren habe, gib mir die Hand. Komm, wir wollen uns lieben!“ Wieso hat er es mit einem Mal so eilig? Kornélis lässt nicht locker: Wenn ihr Herz eine Spur von Liebe, die sie ihm zeigte, bewahrt habe, kann sie ihn jetzt nicht zurückweisen. „Ich liebe dich! Bist Du jetzt zufrieden“ gibt Léna zur Antwort. Ein süßes Wort sei ihren Lippen entflohen und der Verträumte bittet um ein Pfand. Einen einzigen Kuss kann sie ihm nicht versagen! „Keinesfalls!“ Dann wird er sich ihn einfach nehmen. „Niemals!“ Wenn er klüger geworden ist, kehrt sie vielleicht zu ihm zurück. Widerstreben sei nutzlos. Er wird nicht gehen! Sein Herz sei erfüllt von närrischer Liebe, an der sie teilhaben wird. Léna strebt der Tür zu, aber Kornélis holt sie zurück und hält sie fest: „Ungehorsame Geliebte, Du wirst Dich mir fügen.“ Er spürt, wie sie in seinen Armen erzittert! „Reizende Gefangene, entziehe dich nicht!“ Seine Bitten seien leider fruchtlos und vergeblich sein Bemühen. Es gelingt Léna, sich aus der Umklammerung zu lösen und zu entkommen. Kornélis ist durch seine Droge zu benommen, um sie einzuholen. Sie geht, die Grausame, ungerührt vom Ruf seiner Liebe. „O Ming! Ich begehre dich, ich rufe nach dir. Verlasse mich nicht ohne Wiederkehr!“

Die Objekte seiner Umgebung nehmen wieder die frühere Gestalt an. Nein, alles verblasst, alles erlischt, Finsternis bricht herein. Sein Blick ertrinkt im Schatten. Wo befindet er sich? In der Ferne verhallt ein Gong. „Ah, ich sterbe!“

Léna lässt nicht lange auf sich warten und kehrt zurück, um zu sehen, wie es dem Bedauernswerten geht. Dieser hat sich im Delirium die Worte gemerkt, die sie zu ihm gesagt: Sie liebe ihn und ob er jetzt zufrieden sei. Sie soll doch die Worte nochmal wiederholen. Léna ist misstrauisch, weil sie denkt, dass der Wankelmütige seine für sie empfundene Liebe wieder wenden wird, schneller als die Flügel einer Windmühle. Er sei aus einem Traum erwacht und wird nun von ihr verlacht. Nun, er war verliebt in einen kostbaren Schatz, Ming war sein Idol, entgegnet Léna. Welches liebliche Hirngespinst kommt als nächstes an die Reihe, eine bezaubernde Bajadere oder eine äthiopische Königin, deren Augen glänzen unter der ebenholzfarbener Stirn und deren Haar wolliger ist, als die schwärzeste Nacht? Sie will ihrem Vetter Zeit lassen, sich zu erklären, und würde froh sein, wenn er ihre Ratschläge beherzigt. Er bekennt, dass er festgestellt hat, dass ihre Augen mehr leuchten als die von Prinzessin Ming auf dem Bild. Sie, die Holländerin, sei es, die er tatsächlich liebt. Aber Japan ist bezaubernd! Zum Teufel mit Japan! Zur Realität will er zurückkehren, seine Jugend will er wiederfinden. Und was ist mit dem Fläschchen? Boshaftes Kind, die Ampulle ist leer!

„Glückseligkeit ist unseren liebenden Seelen verheißen. Der Tag ist gekommen, an dem die Liebe alle Zweifel verjagt und den Weg ins Paradies weist.


Letzte Änderung am 20.7.2013
Beitrag von Engelbert Hellen