Christian Sinding (1856-1941):

Der heilige Berg

englisch The Holy Mountain / französisch Le mont sacré

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1912
Uraufführung: 17. April 1914 in Dessau (Herzogliches Hoftheater)
Dirigent: Franz Mikorey
Solisten: Toril Carlson, Kjersti Ekberg, Tone Kruse, Oddbjørn Tennfjord, Jan Sødal, Knut Skram, Caj Ehrstedt
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 90 Minuten
Opus: op. 111

Kaufempfehlung

CD: Klassika CD-Kaufempfehlung bei jpc
[Details]
Der Heilige Berg (Oper in 3 Akten) (Sim, DDD, 86)
Christian Sinding (1856-1941)

S. Lauter in orpheus 2 / 90:"...Reich orche- striert bietet sich die Musik als ein Klang- teppich kurzer Motive, faszinierender Eindrük- ke eher als nachhaltiger Eigenständigkeit, aber nicht ohne Charme. Oper, von der man froh ist, daß man sie so hervorragend rea- lisiert zum ersten Male hören kann."

Zur Oper

Art: Oper in drei Akten (1 Prolog und 2 Aufzüge)
Libretto: Dora Duncker
Sprache: deutsch
Ort: auf dem Berg Athos
Zeit: 19. Jahrhundert

Personen der Handlung

Dion: ein Heranwachsender (Sopran)
Daphne: sein Mädchen (Sopran)
Myrrha: Dions Mutter (Alt)
Sophronius: der Prior (Bass)
Philemon: ein Eremit (Bariton)
Phokas: ein entlaufener Mönch (Bariton)
ein Wanderer: (Tenor)

Handlung

Prolog:

1
In steiler Höhe auf dem Berg Athos bewohnt ein Eremit eine armselige Hütte. Unerwartet bekommt Philemon von einem Mann Besuch, der einen Knaben hinter sich herzieht. Er kennt ihn, denn es ist Phokas, der die Gemeinschaft der Mönche einst verließ, weil er ein Mädchen gefunden und sich diesem angeschlossen hatte.

Philemon ist von dem Ankömmling, der den Berg erklommen und den Weg zu ihm gefunden hat, nicht begeistert und macht ihm Vorwürfe. Was führt ihn zu den heiligen Höhen zurück? Der Besucher will von der Mutter des Knaben sprechen, doch der Eremit verwehrt es ihm. Will er das Gesetz des Berges brechen? Der kleine Dion versteht nicht, weshalb von seiner schönen Mutter nicht gesprochen werden darf und wird fortgeschickt, damit er am Gießbach bunte Steine suche und Tropfen fange. Er will auch schauern, ob ein Rehkalb seine Mutter neckt und ob der Kuckuck ruft, sagt er.

Nun sind die beiden Männer unter sich und Phokas will sein Anliegen vortragen. Phokas hatte sich ein Weib genommen, schön wie der Morgen und jung wie der neue Tag. Doch davon will Philemon absolut nichts hören. Von den Weibern soll Phokas bitte schweigen.

Ganz beiläufig erfährt der Opernbesucher nun, dass die Mönche auf dem Berg Athos sich von den gespendeten Drachmen der Pilger nicht ernähren können. Deshalb huldigen sie nebenbei der Seeräuberei, jedoch mit Gottes Erlaubnis überfallen sie nur die Galeeren der ungläubigen Türken. Phokas hatte das wilde Handwerk aufgegeben und es mit Sense und Pflug getauscht. Vom schwarzen Timon wird er verhöhnt, weil er plötzlich so zahm geworden sei. Er setzt sich verbal zur Wehr, dass er die Waffen in einer Kiste versteckt habe, weil er als Vater und Gatte nicht gleichzeitig ein freier Räuber sein könne.

Philemon lobt seinen Sinneswandel, doch nun rückt Phokas damit heraus, dass er letzte Nacht sein Wort gebrochen habe. Timon hatte ihm ins Ohr geraunt, dass die türkische Brigg, die sie schon lange belauern, in der Nacht aufkreuzen würde. Nun berichtet Phokas seine tragische Geschichte:

„Doch in der Nacht stieg ich leise vom Lager.
Die Waffen holt' ich aus dem Schrein,
und stech' in See mit alten Kampfgenossen,
Schwarz war die Nacht,
am Firmament kein Stern,
und Stille rings, als läge tot die Welt.
Da endlich regt's sich, rauscht's,
kommt näher, nah.
Die Türken sind's. Ich heb' den Lauf
und rufe Feuer!
Und eh' der Feind sich wehret
ist's geschehn.
Der Morgen graut, wir fliehen,
Und hinter uns jagt die entsetzte Kunde:
Nicht Feinde, in blinder Wut
habt Brüder ihr gemordet.“
Und zwischen ihnen meines Weibes Bruder,
und zwischen ihnen meines Kindes Ahn.“

Eine entsetzliche Tat. Philemon schüttelt sich.

Phokas schwor seinem Weib auf Knien, dass ein blinder Zufall für die schreckliche Tat verantwortlich war. Ihre Verwandten hatten zufällig die gleiche Absicht, die türkische Brigg auszurauben. Eine tragische Verwechselung brachte das Unglück. Doch sie glaubte ihm nicht und stieß ihn von ihrer Seite. Sie spuckte nach ihm, wenn er sie küssen wollte. So heiß wie seine Liebe wurde nun sein Hass. Er schwor ihr Rache und raubte ihr den Knaben, der ihrer Augen Licht und Lust war.

Philemon soll ihn nun in seine Obhut nehmen und ihn erziehen. Er soll ihn vor ihr schützen, denn auf den heiligen Berg traut Myrrhas Fuß sich nicht. Es ist nicht anzunehmen, dass sie sich hierher verirren wird, um nach ihrem verlorenen Kind zu suchen. Gottesfurcht, Zucht und Ordnung soll Philemon dem Knaben beibringen und ihn streng halten – wenn es sein muss sogar prügeln. „Und schwöre mir's, lass ihn nichts vom Weibe wissen.“ Der Schwur fällt dem Eremiten leicht, denn was tut ein Einsiedler lieber, als das Sorgerecht für einen unmündigen Knaben wahrzunehmen?

Letzte Bedenken räumt Philemon aus und zieht ihn heran, um ihm ein Geheimnis anzuvertrauen: Im Kloster Sankt Gregorio wurde kürzliche ein goldener Schrein geöffnet, in dem die Gebeine der heiligen Panaghia aufbewahrt wurden. In den Falten ihrer Kutte fand sich ein Blatt Papier mit seltsamen Zeichen bekritzelt. Ein Wissenschaftler konnte das Orakel entziffern:

„Sobald ein Weib sich auf den Berg verirrt,
und eines Mannes Sinne heiß verwirrt,
dass er mit Liebessehnen sie berührt,
dann, eh' des Tages Sonne wieder sinkt,
an dem der Liebe Sünde ist geschehen,
muss Sankt Gregorio in Trümmer gehen.“

Der Opernbesucher ahnt bereits, was das Schicksal bereithalten könnte.

2
Dion kommt von seinem Erkundungsgang zurück und hat einen Blumenstrauß gepflückt. Dieser ist für die Mutter gedacht, die er sehr vermisst, weil er nun schon seit drei Tagen fern von ihr weilt. Er möchte jetzt mit dem Vater wieder nach Haus gehen. Doch Phokas reißt sich in Verblendung und Rachgier von dem Knaben los und stürzt davon. Dion ruft ihm nach, dass er ihn bei dem finsteren Einsiedler nicht allein zurücklassen soll.

3-4
Philemon fordert ihn auf, dass Flennen zu lassen, denn der Vater sei fort und er sei nun sein Erzieher. Dion reagiert trotzig. Er wird den Weg zu seiner Mutter schon finden. Von dieser soll er in Zukunft bitte schweigen. Die Gottesmutter wird in Zukunft seinen Sinn erfüllen und der heiligen Panaghia soll er in Zukunft sein Leben weihen. Seine Aufgabe wird es sein, ihn bei Krankenbesuchen zu begleiten und den Wasserkrug zu tragen. Doch als ein Vogel hoch am Himmel vorbeifliegt, hebt der Verlassene sehnsüchtig die Arme und lässt den Krug fallen. Der Vogel, so bittet Dion, soll ihn mitnehmen und zu seiner Mutter tragen. Hätte er doch auch Flügel, dann würde er ihn begleiten.

Unerwartet taucht plötzlich der Prior auf. Dieser wundert sich, da er den Knaben zuvor hier oben noch nie gesehen hat. Hilfe kam zur rechten Zeit, denn Philemon war im Begriff, das Kind in seiner Nachlässigkeit zu schlagen, weil der Wasserkrug zu Bruch gegangen ist. Sophronius rügt den Zorn des Bruders und fragt den Knaben, ob es lediglich die Scherben seien, die seine Tränen fließen lassen. „Zur Mutter will das Kind zurück“, seinem Hass auf Frauen verschafft sich Philemon Luft. Sophronius will wissen, was der Knabe bei ihm zu suchen hat. Der wilde Phokas habe ihn hergebracht, damit er ihm Vater sei. Der Abt spendet Philemon von seiner Weisheit: Den Hang zur Mutter pflanzte die Natur, der Kleine soll ihr in seinem Herzen ein warmes Plätzchen sichern. Der Abt ermahnt den Missmutigen, der sich verstimmt in seine Hütte zurückzieht, menschlich zu bleiben.

5
Sophronius wendet dem Knaben unauffällig sein Herz zu. Dion blickt träumerisch in das glimmende Abendrot :

„Sonne sinket, Sonne scheidet,
Bald der Mond am Himmel wacht.
Betend falte ich die Hände:
Süße Mutter, gute Nacht.
Sende deine Engel nieder,
Lieber Gott vom Himmel du,
dass sie mir die müden Lider
decken mit den Flügeln zu.
Sonne sinket, Sonne scheidet,
bald der Mond am Himmel wacht.
Betend falte ich die Hände.
Süße Mutter, gute Nacht!“

1. Akt:

6
Sophronius wartet unweit des Klosters Sankt Gregorio auf auf einer Steinbank der Rückkehr Dions, der sich aufgemacht hatte, Blütenzweige zu schneiden, um den Altar der heiligen Panaghia zu schmücken. Zwölf Jahre sind nun vergangen, seitdem der Jüngling weltabgeschieden mit den beiden Mönchen in Untätigkeit die Zeit verbracht hat. Der Abt stellt sich vor, dass dem Jüngling das Leben in der Einsamkeit gefällt, doch eine innere Unruhe sagt diesem, dass die Welt noch andere Glückseligkeiten verborgen hält. Die Nacht gibt ihm Rätsel auf und spricht ihm von Dingen, die er nie geschaut, ihm aber so vertraut dünken, als ob er schon einmal gelebt hätte.

Träume seien Krankheiten, hat Philemon ihn belehrt. Sie schwächen die Arbeit und setzen das Gebet in seinem Wert herab.

7
Dion begegnet auf dem Heimweg einem Wanderer, der ein Mädchen mit sich führt. Er sucht nach einem gewissen Einsiedler, der in der Lage sei, einer alten Frau einen Dienst zu erweisen. Der Klausner soll ihr Kunde geben, ob er von einem Sohn weiß, der seiner Mutter einst geraubt wurde. Bevor sie das Zeitliche segnet, möchte die greise Frau ihr Kind noch einmal sehen.

Dion versperrt dem Mädchen den Weg, weil es Frauen verboten sei, den heiligen Berg hinaufzusteigen. Dem Wanderer gibt er eine ausführliche Wegbeschreibung. Als Sohn der Berge spielt Dion sich auf, der hier die Gesetze zu hüten habe. Doch Daphne lässt sich nicht wegschieben und es kommt zu einem kleinen Gerangel.

Der körperliche Kontakt mit einer Frau bringt den Jüngling ein bisschen durcheinander. Er bleibt aber dabei, ihr den Zutritt zum Berg im Namen der heiligen Panaghia zu verweigern. Erschöpft ist sie auf einen moosbewachsenen Stein gesunken, es wird dunkel und es steigt die Nacht herauf. Ihr Begleiter hat seinen Weg allein fortsetzen müssen.

Wenn er ihr weh getan habe, sei sie selbst schuld, rechtfertigt sich Dion. Sie lächelt und beteuert, dass der Schmerz schon vorbeigehen wird. Nun klagt sie, dass sie sehr durstig sei und er möge ihr doch bitte ein Tröpfchen Wasser bringen. Dion zeigt sich geneigt und bewegt sich langsam zur Quelle. Daphne sinnt darüber nach, was den jungen Mann wohl bedrücken kann. So jung und so düster. Wie gut müsste seinem Angesicht ein Lächeln stehen!

Er hat Wasser geholt und trägt es in der hohlen Hand. Als ihre Lippen seine Handflächen berühren, schreckt er zusammen und verschüttet das kostbare Nass. Jetzt muss er noch einmal zur Quelle gehen. Wie seltsam sie ist, wundert er sich. Sie denkt von ihm das Gleiche. Zurückgekommen, knien sich beide diesmal hin, damit kein Tropfen verloren geht.

„Wie wohl das tut!
Habt guter Jüngling Dank!
Die arme Mutter,
die den Sohn verloren
wohl oft reicht' sie ihm sorgend
solchen Trank!
Ich selbst hab' eine Mutter nie gekannt.“

Die beiden kommen tatsächlich ins Gespräch. Sie heiße Daphne und tief unten an der Küste wuchs sie auf. Eine gute Frau, der man den Sohn geraubt hatte, vertrat Mutterstelle an ihr. Wie gern würde sie
ihr den Sohn zurückbringen, um ihr alles Gute zu vergelten. Er soll ihr doch bitte bei der Suche helfen. Fromme Dankbarkeit kleide sie vorzüglich und er kann sich durchaus vorstellen, dass sie Gutes mit Gutem vergolten habe. Einfach und innig erklärt Daphne, dass sie der lieben Frau warmen Kuss zum Dank offerierte.

„Ein Kuss, was ist das, sprecht!“ Wieso weiß er das nicht? Hat er noch nie geküsst? Dion hat keine Ahnung. Sie hat schon wieder Durst. Leer ist die Hand, was soll sie trinken? Er pflückt ein Rosenblatt
und fordert sie auf, der Rose duftigen Tau zu schlürfen, weil er zu faul ist, sich noch einmal zur Quelle zu bemühen. Unbeholfen kommen die beiden sich näher. Die heilige Panaghia sieht es mit Argwohn. Dion wird gesprächig:

„Willst du des Rätsels Lösung mir verschließen,
da eben sich's mir aufgetan?
Die sel'ge Lust dich zu genießen,
birgt keine Lüge, keinen Wahn.
Brust an Brust, so eng verschlungen,
so ganz mit Leib und Seele dein,
die letzte Hülle ist gesprungen,
verflogen ist der letzte Schein.
Was war, was wird, flieht weit zurück,
des Rätsels Lösung ist das Glück.“

Die Regieanweisung sieht jetzt eine heiße innige Umarmung vor.

„O sel'ge Stille,
Himmlisches Versinken.
Lass Wonne mich
von deinen Lippen trinken.
O halte, halte mich an deiner Brust,
dass ich des Herzens Schläge bebend zähle,
dass sich mein Mund dem deinen hold vermähle,
O halte, halte mich zu sel'ger Lust!“

Doch dann schlägt plötzlich mahnend eine Glocke. Entsetzt aufschreiend springt Dion hoch. Fort, fort, sie soll ihn nicht anrühren. Was hat er getan?

„Ein Weib in Liebesglut berührt!
Mein Gott im Himmel, lass es nicht gescheh'n,
dass um der Sünde, die mich hat verführt,
muss Sankt Gregorio in Trümmer gehen.“

Er will davonstürzen, doch Daphne ist nicht faul und hält ihn am Ärmel fest. Er reißt sich los: Die Unselige soll dahinfahren! Die Mutter harret sein, kann das sein Herz nicht rühren? Er stößt sie fort, denn er fühlt sich von ihr belogen und betrogen.

Jetzt kann ihm nur noch die heilige Panaghia helfen. Dion stürzt in Richtung Kloster davon. Doch die Heilige lässt mit sich nicht spaßen. Seine Füße verfangen sich im Gestrüpp und er stürzt den Abhang hinunter. Daphne verhüllt ihr Gesicht. Der Bühnenvorhang senkt sich über unheilvolles Geschehen.

2. Akt:

8
Im Kloster Sankt Gregorio befindet man sich in großer Aufregung. Dion ist nicht zurückgekehrt.
Sophronius verlangt vom mürrischen Philemon Auskunft:

„Seit Vesperläuten sah ich ihn nicht mehr.
Nur einen Wanderer traf ich auf dem Weg.
Mit lästigen Fragen drang er auf mich ein.
Von fernen Zeiten sprach er und dem Knaben.
Was kümmert mich alten Mann mich alte Zeit.
Klyton und Phöbion
schickte ich auf den Weg.
Sagt, Prior, darf ein solch
Versäumnis sein?“

Sophronius meint, dass Dion vielleicht in Träumerei versunken im Dunkeln den Steg verfehlt habe und
könnte und in den Wildbach gestürzt sein.

9
Tatsächlich biegen zwei Laienbrüder um die Ecke. Sie tragen eine aus Zweigen geflochtene Trage, auf der Dion liegt. Entsetzen, welch ein Unglück ist geschehen? Ist der Jüngling etwa tot? Was tat er, dass man ihn in diesem beklagenswerten Zustand wiedersieht, fragen sich Abt und Einsiedler.

10
Jetzt taucht auch Daphne in zerrissenen Kleidern auf. Bei ihrem Anblick weichen die Mönche entsetzt zurück. „Ein Weib, ein Weib! Wie schrecklich!“ Sie stürzt sich auf den Reglosen und ächzt: „Dion, Geliebter!“ Sophronius reagiert mit Strenge: „Hebe dich von hinnen, Weib, an heilig frommer Stätte ist für dich kein Raum.“

Daphne, das Plappermaul, hört nicht auf ihn und kommentiert das Vorgefallene:

„So stumm und bleich
dahingestreckt,
weil eine kurze Liebesnacht
an meinem Herzen du verbracht!
So kalt, weil du
so heiß geküsst?“

Wie geschmacklos, vor den heiligen Männern sämtliche Intimitäten auszuposaunen! Es kommt noch schlimmer. Entsetzliches Verbrechen auf einem heiligen Berg!

„Wie bleich dein Mund!
Lass mich ihn kosen,
bis rot und heiß er wieder glüht
und, gleich dem Blatt der Purpurrosen
am Springquell mir entgegenglüht.“

Sie küsst ihn heiß. „Greift die Buhlerin! Fort mit dem Weib. Entsetzlich, wie sie es treibt. Der Himmel wird sich rächen.“

11
Hört ihr den Donner? Gottes Stimme kündet den Untergang des Klosters an. Fluch dem Weibe, welches den Mönchen dieses angetan. Plötzlich taucht eine Frau mit schneeweißen Haaren auf. Keiner hat eine Ahnung, wer das sein könnte und wie sie hergekommen ist. Ihre Haltung strotzt vor Verachtung. Die heiligen Männer sollen endlich mit ihrem albernen Geschrei aufhören. Das Kloster wankt nicht, weil lediglich eine Wetterwolke vorbeizieht. Regen bringt Kühlung in der schwülen Nacht. Wie man nur solche törichten Vorstellungen haben kann!

Noch ein Weib! Wer ist sie? Was will sie? Seltsam, sie schaut aus wie eine Seherin, meint Sophronius.
Myrrha fordert ihren Sohn zurück, den sie ihr arglistig entführten und in ihren Mauern versteckten.
Aha, Licht kommt in die Angelegenheit. Dions Mutter ist es, die ihn besuchen kommt. Die Mönche geben die Trage frei. Daphne ist erstaunt, dass die Alte ihr nachgeschlichen ist. Nun liegt Dion in schwerer Ohnmacht, aus der nichts ihn weckt. Die Alte schüttelt ihn „Wach auf mein Sohn! Es ruft dich deine Mutter.“ Der gebieterischen Stimme kann der Jüngling nicht widerstehen. Wachgeworden will er als erstes wissen, wo er sich befindet. Sophronius gibt als Antwort, dass er sich in Sankt Gregorio befinde, bei den
treuen Brüdern. Zum Gebet soll er sich aufrichten. Zu lange hat er gesäumt! „Bei deiner Mutter bist du, teurer Sohn“ verbessert ihn die Greisin. Die Mutter muss ihm erst ein Kinderlied, welches er noch kennen müsste, vorsingen, bevor er begreift:

„Sonne sinkend, Sonne scheidet,
bald der Mond am Himmel wacht.
Betend falte ich die Hände,
holder Knabe, gute Nacht.
Sende deine Engel nieder,
guter Gott im Himmel du,
dass sie dir die müden Lider
decken mit den Flügeln zu.“

Den Refrain singt Dion mit, erhebt sich dann und nimmt seine Mutter kräftig in die Arme. Er bedankt sich bei Daphne, welche die alte Dame hergeführt hat. Der Junge erklärt, dass er Daphne liebt. Die Mutter sagt zu ihr. „Mein Kind, gib ihm was ihm gefehlt hat!“

Das haut dem Fass den Boden auf. Den Mönchen fällt ein, was die heilige Panaghia gesagt hat: Sobald ein Weib sich auf den Berg verirrt, und eines Mannes sinne heiß verwirrt, dass er mit Liebessehnen sie berührt, muss Sankt Gregorio in Trümmer gehen. Es ergibt wenig Sinn, nun darauf zu warten, was tatsächlich passieren wird. Sophronius denkt vernünftig. Er gibt dem jungen Paar seinen Segen, um den Klosterfrieden zu retten, verabschiedet die unverhofft eingetroffenen Besucherinnen und mahnt die Mönche, zwischen Glauben und Aberglauben besser zu unterscheiden.

Mit einem salbungsvollen Hymnus verabschieden sich die Mönche von ihrem aufmerksamem Publikum. Wo Tränen fließen, wo ein Herz sich quält und wo die Trübsal fließt, soll Tröstung gebracht werden. Wenn ein Mensch gefehlt hat, soll der Richtspruch milde sein.


Letzte Änderung am 21.1.2011
Beitrag von Engelbert Hellen