Gaspare Luigi Pacifico Spontini (1774-1851):

La Vestale

deutsch Die Vestalin / englisch The Vestal Virgin

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1807
Uraufführung: 15. Dezember 1807 an der Pariser Opéra
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Spieldauer: ca. 145 Minuten
Bemerkung: Es gibt sowohl eine französische als auch eine italienische Version von Spontinis bedeutsamster Oper. In ihrer Ausgewogenheit huldigt sie den Idealen des Klassizismus, zu denen die Bühnenbildentwürfe Schinkels hervorragend passen. Eine Repräsentationsoper die dem Napoleonischen Kaiserreich gut anstand.

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[Details]
La Vestale (Orfeo, DDD, 91)
Gasparo Spontini (1774-1851)

M. Mezger in stereoplay 2 / 93: "Rosalind Plowright überzeugt in den lyrischen und zurückhaltenden Passagen. Francisco Araiza kommt mit den heroischen Anforderungen gut zurecht, und auch die übrige Besetzung kann sich hören lassen. Kuhn dirigiert angemes- sen zupackend, und so entstand eine würdige Einspielung für Archivare und Spurensucher."

Zur Oper

Art: Lyrische Tragödie in drei Akten
Libretto: Victor Joseph Etienne de Jouy
Sprache: französisch
Ort: das antike Rom
Zeit: kurz vor unserer Zeitrechnung

Personen der Handlung

Julia: Priesterin der Vesta
Die große Vestalin
Licinius: römischer Feldherr
Cinna: sein Freund
Pontifex maximus

Handlung

1. Akt:

In der Morgenfrühe trifft Cinna seinen Freund vor dem Tempel der Göttin Vesta. Warum ist Licinius betrübt? Er, der Schrecken der Gallier, ist als siegreicher Feldherr aus der Schlacht heimgekehrt, und das zitternde Rom will ihn als seinen Erretter begrüßen.

Der Lorbeer verwelkt und der Purpur verbleicht, klagt Licinius. Seinem Herzen hat Rom nichts anzubieten. Aber tut die Stadt nicht alles, um sein Gemüt zu erfreuen? Sittsam verhüllt wird die jüngste Vestalin auf dem Siegeswagen den Lorbeer über sein Haupt halten und die Vornehmen schmücken sich, um ihn zu ehren und beim Siegesmahle sein Gast zu sein.

In Vestas heiligem Tempel lebt das Mädchen, welches Licinius liebt, aber des Herzens heiße Triebe muss er zurückhalten, bekennt er dem Freunde. Cinna urteilt, ein böser Dämon habe ihm die Begierde ins Herz eingehaucht. Seine freche Lippe entehre die jungfräuliche Göttin Vesta!

Aus der Erinnerung berichtet Licinius, dass ihn mit Julia einst ein zärtliches Band vereinte. Die Mutter war ihm gewogen, aber dem Vater schien er zu gering. Deshalb sei er in den Krieg gezogen um den Ruhm in der Schlacht zu suchen. Fünf Jahre musste er seiner Vaterstadt fernbleiben. Nun ist etwas aus ihm geworden, aber dem sterbenden Vater hat Juli geloben müssen, sich dem Dienst im Tempel der Göttin zu weihen. Licicnius fühlt sich um seine Hoffnung betrogen.

Die Zuversicht hat der Heimgekehrte aber noch nicht aufgegeben. Der Flamme Glut wütet in seinem Innern, doch wenn ein Laut ihm entwischt, hat es Julia zu büßen, denn verderbend ist der Götter Zorn und zermalmend ihre Rache gegen unkeusche Vestalinnen. Wenn auch der Pfeil des Todes zischt, Licinius bietet ihm gern seine Brust. Die Liebe trotzt den höheren Mächten, weil die Flammenglut erst im Tod erlischt. Cinna warnt vor unbedachtem Handeln, verspricht aber seinem Freund, in der Gefahr zu ihm zu halten.

Szenenwechsel. Die Priesterinnen im Tempel singen die Morgenhymne und bitten die Göttin, dass sie selbst ein bisschen mit aufpassen soll, dass die heilige Flamme niemals erlischt. Obwohl Julia nur aus Zwang Dienst tut, verbiete ihr das Pflichtgefühl, den Tempel zu schänden, offenbart sie der großen Vestalin. Die Alte warnt: An diesem heiligen Orte trotzt man der Liebe Schlingen. Wenn Vestas Feuer am Altar verglimmt, dann zeigt die strenge Göttin sich ergrimmt. Die Schwurvergessene soll das Grab verschlingen. Julia plagen bange Vorahnungen. Sie hört Grabestöne, der Göttin Huld ist sie nicht wert. O fließe sanfte Träne, dein keuscher Tempel wird durch sie entehrt.

Als jüngste Vestalin fällt es Julia zu, die Stirn des Siegers mit dem Lorbeer zu schmücken. Die misstrauische Oberpriesterin hat ihren verwirrten Blick beobachtet. Der innere Friede sei ihr entschwunden und vor der Vesta heiligem Dienst bebe sie zurück. Die große Vestalin hält nichts von der Liebe, Die Liebe ist ein Ungeheuer und schafft nur Qual und Leid.

Kann Julia sich dem Schicksal entziehen? Soll sie sich freiwillig des Glückes berauben, des Geliebten Haupt zu schmücken. Gern hätte sie ihm den
Ruf des Herzens verschwiegen. Licinius wird sie wiedersehen. Seiner Stimme süßer Klang wird zu ihrem Herzen dringen. Doch sie zittert, sie bebt. Welch ein Schmerz, dieser Schreck, ihr klopft das Herz

Die prunkvolle Zeremonie beginnt. Die Priester der verschiedenen Tempel, die Oberpriester und die Zeichendeuter schreiten voran. Der Senat, die Konsuln, die Tribunen, die Matronen und die Krieger, alle wollen dabei sein, wenn der Befreier der Vaterstadt bekränzt wird. Der zweite Teil des Festzuges wird von den vestalischen Jungfrauen angeführt, die Oberpriesterin hat Vorrang. Als wachhabende Jungfrau in der kommenden Nacht wird vor Julia ein kleiner Altar mit einer lodernden Flamme vorangetragen. Das Volk kniet nieder, der Senat verneigt sich. Der Wagen mit dem siegreichen Helden rollt an. Mars, der mit mächtiger Hand die Schlachten lenkt, dem Kraft und Stärke wohlgefällt, hat den Römern Sieg geschenkt. Das Volk jubelt: Ihm gebührt der goldene Kranz. Die große Vestalin überreicht Juli den Kopfschmuck zwecks Weitergabe. Wankenden Schrittes mit verklärtem Blick nähert sich die Jungfrau dem Helden, der feststellt: Sie ist’s in holder Jugendblüte.

Dem Pontifex Maximus bleibt das sonderbare Gebaren der beiden nicht verborgen, der Großen Vestalin auch nicht. Bleibt des heiligen Tempels Zierde rein und makellos erhalten? Die Erde wanket unter ihr, sie wird sich bis zum Orkus spalten. Beide sehen sinnliche Begier auf unserem Erdball walten. Während Julia dem Geliebten das Diadem aus goldenem Lorbeer auf das Haupt setzt, flüstert er ihr zu: Heute Nacht hole ich dich ’raus und dann hauen wir ab.

2. Akt:

Die oberste Vestalin überträgt Julia die Nachtwache und überreicht ihr einen Schürhaken, damit die Priesterin Sorge trägt, dass der Ofen nicht ausgeht. Durch keuschen frommen Sinn soll sie der Götter Zorn erweichen und ihren Busen mit des Glaubens Waffen rüsten. Schwurvergessenen Jungfrauen ist es bisher immer schlecht ergangen, warnt die Vorgesetzte.

Allein gelassen und voller Schuldgefühle bittet die Verzweifelte die Göttin, sie aus ihren Diensten zu entlassen. Keuschheit ist nicht ihr Ding. Ihre frevelnden Hände möchten den priesterlichen Schleier am liebsten zerreißen und Amor soll ihr neuer Gebieter sein. Die Göttin stößt sie zurück. Kündigungen werden nicht akzeptiert und fristlose schon gar nicht. Instinktiv spürt Julia, dass sie gegen den Zorn der Götter und der obersten Vestalin nicht ankommt. Einmal noch will sie den Geliebten sehen, dann können die göttlichen Blitze niedersausen. Komm Geliebter mein, ich opfere dir mein Leben, formuliert die Unglückliche ihre Sehnsucht.

Schon ist der Herbeigesehnte zur Stelle. Die keusche Göttin zürnt, der Altar wackelt, die heilige Flamme zittert und Julia zittert mit. Licinius lacht der Gefahren, vor der Priester Wut wird sie sein Schwert bewahren. Vesta soll endlich sich erbarmen, die Lust empfängt Juli mit offenen Armen. Jetzt dämmert der Zukunft Rosenlicht. Der Busen wallt im Sinnesrausche, nimm hin das Herz zum Wechseltausche.

Cinna taucht auf. Eilige Flucht ist angesagt. Draußen hat man das Liebesduett gehört. Strafanzeige wegen Lärmbelästigung nach Mitternacht! Der Ausgang ist besetzt. Es haben sich Leute angesammelt. Der Zorn der Gottheit heischt Rache. Im Namen ihrer zärtlichen Liebe: Der Geliebte soll allein fliehen. Wenn man beide hier findet, wird alles noch viel schlimmer. Licinius geht ab durch die Mitte. Die Vestalinnen kommen von rechts und die Priester von links, der Raum füllt sich. Entsetzen, o Freveltat! Der Ofen ist aus. Der Schürhaken wurde nicht bewegt.

Ärmste, du bist verloren. Der Oberpriester baut sich auf: Ein Männerfuß - genaugenommen waren es zwei – betrat die heiligen Hallen. Verbotene Triebe am Altar! Ihr Mund bekennt den Hochverrat, den Tod verdient die Freveltat. Wie nennt er sich, der freche Sinnensklave. Der Pontifex will den Namen wissen. Julia will ihn aber nicht verraten. Dafür wird sie vom Chor ausgiebig beschimpft.

3. Akt:

Auf dem Fluchfeld vor den Toren Roms stehen drei winzige Grabkapellen. Zwei davon sind mit einem schwarzen Stein verschlossen, auf ihnen die Namen zweier ungetreuen Vestalinen eingeritzt. Das dritte Grabmal ist für Julia gedacht. Licinius hat sich vorgenommen, mit seinen Getreuen Julia durch Waffengewalt zu befreien, will aber vorher noch einen Versuch riskieren, den Oberpriester durch Freundlichkeit und Schmeicheln zu bestechen. Dieser bleibt unnachgiebig; er weiß, was er seinem Amte schuldig ist. Julia stirbt noch heute, bestimmt er. Der Priesterschaft sagt der Feldherr den Kampf an. Das Volk, blutrünstig aus Gewöhnung, möchte, dass die frevelnde Vestalin sterbe. Julia wird herbeigeführt und auf den Tod vorbereitet. Sie verabschiedet sich von den Priesterinnen und der obersten Vestalin. Wenn Segen ihr genügt, will sie gern der Mutter Platz einnehmen.

Unverhofft kommt Hilfe von den Zeichendeutern, die unruhig werden. Der Oberpriester bespricht sich mit ihnen und ordnet an, man möge den zerrissenen Schleier auf den Altar legen. Wenn Feuer vom Himmel fällt und sich das Textil entzündet, ist die Göttin nicht mehr beleidigt und die Schuld gesühnt.

Die Jungfrauen flehen zur Göttin, was das Zeug hält, ihre liebe Kollegin nicht fallen zu lassen und mit ihren Götterstrahlen, bitteschön, Feuer zu machen. Licinius stürmt mit einer Gruppe Männer herbei, um Juli zu entführen, doch Julia behauptet, sie kenne diesen Menschen gar nicht und steigt in das Grab. Plötzlich erhebt sich ein starker Sturm. Jupiter schaltet sich persönlich ein. Ein Flash und das Textil steht in Flammen. Dieser nachdrücklichen göttlichen Weisung kann auch der Oberpriester sich nicht verschließen. Vesta ist nicht länger böse, die Flamme hat sich neu entzündet. Die halbohnmächtige Julia wird aus dem Grab geholt, von ihrem Gelübde entbunden und mit Licinius verheiratet.


Letzte Änderung am 16.12.2006
Beitrag von Engelbert Hellen