Peter Iljitsch Tschaikowski (1840-1893):

Tscharodeika [Чародейка]

deutsch Die Zauberin / englisch The Enchantress / französisch L'Enchanteresse

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1885-87
Uraufführung: 1. November 1887 (20. Oktober 1887) in Sankt Petersburg (Mariinski-Theater)
Leitung: Peter Tschaikowski
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Verlag: Wien: Universal-Edition, 1940
Bemerkung: Peter Tschaikowski hatte das Theaterstück von Ippolit Schpashinski nicht gesehen, sondern bekam die Anregung von seinem Bruder Modest, dass sich eine Vertonung für die Opernbühne hervorragend eignen würde. Man brachte ihm eine Kopie des Dramas, Tschaikowski erkannte seinen Wert und sein Interesse erwachte sofort. Madame Pawlowskaja, die schon die Tatjana im „Eugen Onegin“ gesungen hatte, konnte für die Darstellung der Kuma gewonnen werden.

„Die Zauberin“ steht im Schatten der „Pique Dame“ und des „Eugen Onegin“ – völlig zu Unrecht. Ein Grund für die Vernachlässigung ist die unzureichende und verstümmelte Beschreibung des Handlungsfadens in den Ausführungen populärwissenschaftlicher Werke, so dass diese Tschaikowski-Oper keine Chance hatte, sich in den Gemütern einer breiten Öffentlichkeit abzusetzen, wie es in den beiden erstgenannten Werken der Fall war. Die unterschiedlichen Charaktere sind psychologisch auf das Sorgfältigste herausgearbeitet, unerbittlich folgen sie dem Ablauf eines fatalen Geschickes. Ausführlich begründet und korrekt interpretiert, garantiert das Werk einen Opernabend, der an Spannung nicht zu wünschen übrig lassen wird.

Hochkarätige Stimmen und leidenschaftlich agierende Hauptdarsteller sind unverzichtbar. Die allgemeine Gültigkeit des Themas lässt eine Inszenierung, die auf Folklore und Kostümballast verzichtet, ohne weiteres zu. Die Handlung begünstigt den Transport in die Gegenwart, weil Motive und Gefühle überdimensionalen Ausmaßes zeitlose Gültigkeit signalisieren.

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[Details]
Die Zauberin (Line, AAD/m, 1954)
Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893)

Künstler: Nelepp, Sokolova, Borissenko, Kisselioff, Staatsphilharmonie der UdSSR, Samosud

Zur Oper

Art: Oper in vier Akten
Libretto: Modest Tschaikowski nach Ippolit W. Schpashinski
Sprache: russisch
Ort: Russland
Zeit: 15. Jahrhundert

Personen der Handlung

Nastasja, genannt Kuma: Schankwirtin eines rustikalen Gasthauses am Oka-Fluss (jugendlich-dramatischer Sopran)
Fürst Nikita Danilitsch: Gouverneur von Nischni-Nowgorod, begehrt Kuma (Charakterbariton)
Prinz Juri: sein Sohn, ein Bärenfänger, von Kuma geliebt (jugendlicher Heldentenor)
Fürstin Eupraxia: eifersüchtig auf Kuma (dramatischer Alt)
Kudma: ein Hexenmeister (Tenor buffo)
Iwan Shuran: Juris treu ergebener Jagdgefährte (Bariton)
Paissi: ein verschlagener Bettelmönch (Tenor)
Polja: Freundin Kumas (Sopran)
Mamirow: mürrischer und erfolgloser Schreiber des Fürsten (Charakterbass)
Nenila: kräftig gebaute Dienerin der Fürstin (Mezzosopran)
Weitere: Foka, Balakin, Potap, Lukasch und Kitschiga im Gefolge Kumas sowie Kaufleute, fürstliches Gesinde, Jäger, Knechte, Gaukler und Volk

Handlung

1. Akt:

1
Nicht weit von der Stelle, an der die Oka in die Wolga mündet, besitzt Kuma ein Gasthaus. Eigentlich heißt die schöne Wirtin Nastasja, aber liebevoll nennt die Bevölkerung sie Kuma. Die Menschen lieben es, bei ihr einzukehren, zu schlemmen, zu singen und ihren Spaß zu haben. Allerdings sind ihr nicht alle wohlgesonnen. In Nischni-Nowgorod gehe das Gerücht um, Kuma sei eine Zauberin. Es ist natürlich blanker Unsinn, was Balakin erzählt. Überdurchschnittlich gutes Aussehen und ein hoher Beliebtheitsgrad berechtigen nicht zu solcher Annahme. Doch der Pessimist bleibt bei seiner Ansicht und behauptet sogar, dass die alten Frauen in ihren Gebeten den Himmel anflehen, Kumas Gasthaus anzuzünden und sie selbst in der Oka zu ertränken. Missgunst treibt oftmals seltsame Blüten. Es wird schlimm für Kuma werden, denn der Fürst, welcher in Nischni-Nowgorod die Gerichtsbarkeit ausübt, sei ihr nicht wohlgesonnen. Alles Unsinn! Der Gästechor steht auf Seiten der schönen Wirtin und ist nicht bereit, sich den Spaß vermiesen zu lassen.

2
Was hat der Bettelmönch eigentlich hier zu suchen? Er lügt, dass sich die Balken biegen. Paissi erzählt Foka, dass ihm im Traum ein Erzengel erschienen sei. Er habe sich eine Feder, prächtiger als das Morgenrot, aus dem Flügel gerupft und ihm gegeben. Der fromme Bruder soll endlich das Lügen lassen. Nur wer schwach im Glauben ist, hat in seinem Herzen für Geheimnisse kein Gespür. Foka stellt ihm einen Becher hin, denn wer den Becher an die Lippen setzt, kann nicht gleichzeitig dummes Zeug reden. Der Herr pflanzte den Wein und der Teufel presste ihn aus - zum Untergang aller Menschen! Wein ist ein Produkt des Teufels und ein Attribut seiner Macht. Der Satan hat der Menschheit beigebracht, wie man ihn destilliert. Wein erwärmt das Fleisch, der Teufel soll gesegnet sein, meint Foka. Paissi hat Angst, dass der Rachen der Hölle ihn eines Tages verschlingen wird, kann es aber nicht lassen, Fokas Einladung unentwegt anzunehmen. Mit Tränen der Sorge nippt der fromme Bruder an seinem Becher, ist den Tränen nahe und beschuldigt Foka, ihm den Pfad zur Hölle gewiesen zu haben.

3.
Zwei Gäste geraten in Streit. Es kommt öfters vor, dass einer den anderen beschuldigt, ihn bestohlen zu haben oder beim Spiel zu mogeln. Schnell beruhigen die Streithähne sich wieder. Der Mädchenchor singt ein Liebeslied und schon ist die Welt ist wieder in Ordnung:

Ich werde ausgehen.
Ich werde ausgehen in das Tal.
Ich werde gehen auf die Wiese.
Ich werde auf einen Schneeballbaum klettern
Und einen Zweig abpflücken.
Sie wird in die Arme des Liebsten sinken
Und sich ausruhen.

Haben Nastasja und ihre Freundin Polja nicht wunderschön gesungen? Kuma sammelt die gewohnten Komplimente ein und ist sich der Wirkung ihrer Persönlichkeit voll bewusst. Sie versteht es immer wieder aufs Neue, ihre Stammgäste für sich einzunehmen. Auf der grünen Wiese ist sie gewesen und hat mit den Mädchen nach essbaren Beeren Ausschau gehalten. Die offene Landschaft hat ihr Lied aufgefangen. Will der stille Wanderer nicht den Weg mit ihr gemeinsam gehen. Warum ist er so traurig? Ach, wie langweilig wäre es ohne Nastasja!

4
Nun nehmen die Mädchen Paissi aufs Korn. Wie hat die gesegnete Seele den Weg eigentlich hierher gefunden? „Kshi Kshi!“ Die Mädchen necken ihn ob der Einhaltung des Zölibats. Paissi glaubt,Kuma maßregeln zu müssen. Wie kann eine Witwe leben, ohne Reue zu empfinden, ohne unablässig auf Buße zu sinnen? Der Männerchor übernimmt die Verteidigung Kumas. Der verrückte Mönch soll nur weiter trinken! Lachen sei nicht Sünde! Foka, der sich allgemein als Friedensstifter betätigt, soll ihn ein bisschen an die frische Luft führen, damit der frische Sauerstoff die Aggression eindämmt.

5
Die Gäste, die Kumas gastliches Haus besuchen wollen, müssen sich kräftig in die Ruder legen, denn eine Zufahrt für die Pferdedroschke existiert nicht. Es gibt nicht einmal einen Trampelpfad. Über Neuankömmlinge freut man sich immer, und alles steht am Ufer und winkt ihnen entgegen. Diesmal bringen sie keine freudige Nachricht. Bei der Behörde sind Beschwerden eingegangen wegen nächtlicher Ruhestörung der Forellen, ausgelassenem Gesang, übertriebenem Alkoholgenuss und unerlaubtem Glücksspiel. Der ewig missmutige Schreiber Mamirow ist Kuma wie der gesamten Bevölkerung nicht wohlgesonnen und versucht den Vizeregenten auf seine Seite zu ziehen.

Kitschiga und Lukasch haben Proviant eingekauft und kleine Geschenke für artige, hübsche Mädchen. Die Ladung wird entsorgt und dann ist man mit den anderen fröhlich und vergisst, dass sich ein Unwetter über ihren Häuptern zusammenbraut. Kitschiga ist nach Ringkampf zumute, Kuma lässt sich nicht konfus machen und besingt die heimatlichen Gefilde

Zu schauen von Nischni,
vom steilen Berghang
auf Mütterchen Wolga,
ihre Erhalterin, steht Kuma der Sinn.
Gelber Sand und grüne Wiesen,
es ist der Ort, an dem sie umarmt
ihre Schwester Oka.
Welch eine Weite dehnt sich aus! Es gibt kein Ende!
Es gibt kein Ende...

6
Potap kündigt an, dass der Prinz von der Jagd zurück sei und auf einen Sprung vorbeikommen wird. Das Boot mit seinen Jägern ist schon in Sicht. Die Gäste treten ans Ufer und blicken in die Richtung, in welche alle Augen sich drehen. Polja bekennt, dass sie den Prinzen noch nie gesehen habe, aber alle würden sagen, dass er stattlich sei. Für Kuma ist es ein Signal, ihr Herz überquellen zu lassen. Klar sei er wie der junge Tag. Sein Wuchs sei stattlich, die Stirn mächtig und die Augen brennen vor Courage. Über seinen roten Lippen kitzelt ein schwarzer Schnauzbart. Er sei freundlich und kameradschaftlich zu jedermann. Wo etwas verkehrt läuft oder Gewalt angewandt wird, schreitet er ein.

Die Boote sind näher gekommen. Im ersten befinden sich Prinz Juri und sein Jäger Shuran. Auf dem Boden liegt ein getöteter Bär. Die Jäger treten ans Ufer und der Prinz wird von den Frauen umschmeichelt. Er sei ihr lieber Kumpan, ihr Prinz, und ihre prächtige Sonne – alles in Personalunion. Die Männer fordern sich gegenseitig auf, nach ihrem lieben Falken zu schauen.

Leider ist der liebe Falke nicht in Stimmung. Er ist müde von der Jagd, dankt für die freundlichen Worte und lässt sich entschuldigen. Sein Kumpan Shuran wird Geselligkeit produzieren und ihn vertreten. Des Prinzen Entschuldigung wird bereitwillig angenommen und man wünscht ihm eine gute Weiterreise. Die prächtige Sonne hat nur für einen Moment geschienen und beeilt sich nun, nach Hause zu kommen. Lebewohl, süßer Prinz, rufen die Mädchen hinterher.

Warum hat die freundliche Wirtin den Prinzen nicht zu sich gerufen? Ach, Kuma weiß es nicht, einen Fehltritt wird sie sich gewiss nicht erlauben. Lukasch macht sich ebenfalls seine Gedanken. Auf dem seidigen Rasen wurde ein Fußabdruck gemacht. Wessen Fuß war es? Er gehört nicht zum Vater, er gehört nicht zur Mutter, aber er gehört zum süßen Liebling. Wenn Nastasja sich in der Nähe des Prinzen befangen fühlt, dann ist er wahrlich ein Adler. Juri ist ein Adler, tönt der Männerchor. Kommt herbei, schöne Mädchen. Wir wollen ein lustiges Kreisspiel aufführen. Der Pfad ist gekennzeichnet mit blauen Blumen. Der Mädchenchor wiederholt die Strophe. Auf dem seidigen Gras wurde ein Fußabdruck gemacht. Zu wem gehört dieser Fuß? Er gehört nicht zum Vater, er gehört nicht zur Mutter, denn es war mein süßer Schatz.

7
Der Gouverneur, der Gouverneur! Rennt schnell! Er scheint einen Überraschungsbesuch zu planen. Es bedeutet Unglück für Nastasja. Gebt Obacht! Macht keine Fehler! Balakin sagt es, Shuran sagt es und der Chor wiederholt es. Einige Gäste gruppieren sich um Balakin und gehen weg, andere bleiben bei Potap und wollen ausharren. Foka und seine Gehilfen räumen die Getränke von den Tischen. Doch Kuma kommandiert, nichts anzurühren und alles so stehen zu lassen wie es ist. Der Sturm gilt ihr, er muss seinen Weg nehmen. Möglicherweise wird man ihr Haus niederbrennen. Aber was wird mit ihr selbst geschehen? Alle sind verunsichert, doch was sie sagt, ist richtig. Lukasch und die anderen wollen Nastasja verteidigen, falls man versucht, ihr etwas anzutun. Niemand soll es wagen, sie anzurühren. Zuerst wird Mamirow das Rückgrat gebrochen und dann die Hälse der Polizeioffizieren um einhundertachtzig Grad gedreht. Mit ihren eigenen Waffen wollen sie die Hunde schlagen. Kuma findet ihre Besorgnis rührend, aber die geplanten Maßnahmen seien untauglich. Die anderen sind inzwischen zurückgekehrt und lassen sich von Kuma beruhigen. Ihrem Mienenspiel entnehmen sie, dass sie einen Plan hat. Sie lässt die Tische mit frischen Tüchern bedecken, ordnet an, Geschirr aufzutragen und Mengen von kostbarem Wein bereitzustellen. Foka und seine Leute beeilen sich, Kumas Maßnahmen durchzuführen.

8
Dem Boot entsteigt Fürst Danilitsch in Begleitung seines Sekretärs Mamirow. Polizeioffiziere hat er dabei und eine Anzahl Domestiken. In gespielter Einfalt schauen Foka, der gottesfürchtige Mönch, Polja und die Mädchen aus dem Fenster. „Aha, hier ist also das schmutzige Nest von Zügellosigkeit!“ „Es ist ein Hort von Aufwieglern, mein Fürst! Mit teuflischen Spielen, lockeren Liedern und Frauentänzen, um auf profane Art die Männer anzulocken, vergeht der Abend und die halbe Nacht.“ Der fromme Klosterbruder sieht einen Vorteil darin, ich auf die andere Seite zu schlagen. „Ja, an diesem Ort herrscht Schwelgerei und Ausbeutung von Körper und Seele.“ Mit bedrohlichen Gästen umringen die Männer den vorlauten Schreihals. „ Ruhe, jeder bekommt hier meinen Stock zu spüren. Wo ist die Hostess?“ Der Fürst präsentiert Autorität.

Kuma kommt hervor und verneigt sich mit Respekt - aber würdevoll - vor dem Fürsten. „Sie ist also die Zauberin.“ „Für die Augen ihrer Hoheit immer noch brünett“. Eine kesse Antwort, die Eindruck schindet. Im Mienenspiel des Fürsten macht sich bereits Wohlwollen breit. Wer ist sie und wo kommt sie her? Sie ist Witwe und Waise (wie schrecklich) und ohne jede Verwandtschaft. Dank der Milde des Fürsten darf sie hier wohnen. Sie gibt den Reisenden Schutz und Rast. Foka, das Faktotum für alles und Polja haben eine mit rustikalen Motiven gestickte Decke auf dem Tisch ausgebreitet und schicken sich an, einen Purpurläufer auf der Sitzbank auszurollen. Wohnkultur ist in diesem Hause nicht unbekannt. Jetzt meldet sich Mamirow zu Wort. „Warum hat die Schergin des Teufels sich herausgeputzt?“ Eine Gruppe umringt drohend den Angreifer. Aus dem Hintergrund wird der Schreiber als verdammter Räuber und Geizhals beschimpft. Kuma beschwichtigt und lässt vernehmen, dass der Souverän möglicherweise mit ihnen rechnet, um die Wahrheit herauszufinden, und hat damit beiden Parteien geschmeichelt. Ja, der Fürst ist angetan. Der Sekretär ist es nicht: Es ist vollkommen müßig zu diskutieren, weil es zu nichts führt. Alle werden ins Gefängnis verfrachtet. Die Bude wird angezündet und dann ist Ruhe. Sie soll hören, was der Sekretär sagt! Schändlichkeiten aller Art seien ihm zu Ohren gedrungen. Trunkenheit, Tanz, zweifelhaftes Amüsement und alle Arten von Gräuel wurden an diesem Platz vorgefunden.

Der Sekretär strebe an, sie mit Verleumdung und Beleidigung zu zerschlagen, aber sie vertraue darauf, dass der Fürst Falschheit bestrafen und Erpresser hinrichten lassen würde. Sie zweifelt weder an seiner Gerechtigkeit noch an seiner Gunst. Freundlich ist der Fürst zu allen, die treu sind in ihrem Herzen und ihm die Wahrheit servieren. Aber es gibt eine Reihe von Deklamationen, die aussagen, dass sie eine schlimme Hexe, gar eine Zauberin sei. Ihre Verzauberung bestehe darin, dass sie ihre Gäste freundlich empfange und sie mit warmer Herzlichkeit und einem freundlichen Wort begrüße. Niemand muss an diesem Ort befangen sein, kann frei atmen und bekommt Mitgefühl für seine Sorge.

Für törichtes Benehmen bittet die Unwissende im Voraus um Vergebung, aber der Fürst möge ihr doch bitte erlauben und ihr die Ehre geben, ihn an seinen Tisch zu einem Schluck Wein geleiten zu dürfen. Sie bittet nachdrücklich, ihr diese Ehre nicht zu verweigern und der Fürst willigt ein, bemerkt aber, dass sie ganz schön gerissen sei. Der Chor lässt es sich nicht nehmen, den Ablauf des Geschehens positiv zu vermerken. Kuma rennt los, um Wein zu holen. Mamirow macht eine hilflose Bewegung mit den Armen: Jetzt macht sie ihn handzahm. Der Opernchor weiß sich vor Schadenfreude nicht zu lassen: „Schaut, wie der elende Schreiber sich krümmt!“ Dieser will noch ein paar Ausführungen machen, doch der Fürst erinnert, dass er jetzt am Tisch sitzt und in amtlicher Funktion nicht mehr zu erreichen sei.

Mamirow verhält sich unbeherrscht. Hat Hoheit sich nicht aufgemacht, um das Rattennest auszuheben? Dieses Sodom hier sei eine Basis für jede Versuchung und wird der Anfang der Gesetzlosigkeit sein. Der Weibsteufel wird noch jeden ruinieren, der sich ihr nähert. Eine schwere Sünde wird der Fürst auf sich laden, wenn er sich nicht entschließen kann, Haus und Hexe einzuäschern. Was fällt Mamirow überhaupt ein, zu denken, dass sein Souverän eine Sünde begehen könnte? Ist er ein Priester? Der Gescholtene bittet um Gehör, doch gereizt erklärt der Fürst, nicht geneigt zu sein, seinen Vorstellungen zu entsprechen.

Kuma merkt, dass sie gegen den Sekretär die Oberhand gewinnt. Mit dem Fürsten kam die Seligkeit. Er steht auf gegen Arglist und Falschheit und räumt auf mit Verleumdung und Dunkelheit. Sein Adlerauge hat die Bosheit entdeckt. Der Fürst möge ihr noch mehr Milde anbieten, sich nicht befangen zeigen und den Wein versuchen. „Ja, schaut, er trinkt“ der Opernchor ist freudig überrascht. Der Schreiber wird immer ärgerlicher. Jetzt setzt der Fürst den Kelch ab, er hat ihn leer getrunken. „Hier ist einiges für dich.“ Er streift den Ring an seiner Hand ab und wirft ihn in den leeren Becher. Eine ungewöhnliche Geste, der Fürst gab den Ring von seinem Finger.

9
Das Ereignis ist so überwältigend, dass Peter Tschaikowski das gesamte Ensemble solistisch daran teilnehmen lässt. Jedem ist es erlaubt zu singen, was er denkt. Da alle gleichzeitig denken, versteht ein Außenstehender kein Wort. Es jubeln: Polja, Balakin, Lukasch, Shuran, Foka, Potap, Kitschiga und natürlich der Chor. Allen voran Kuma:

Er gab mir diesen kostbaren Ring!
Er gab mir diesen goldenen Ring!
Er kam direkt zu Kuma von des Fürsten Hand,
Ein exquisites Geschenk seiner Huld!
Er gab mir diesen kostbaren Ring!
Er gab mir den goldenen Ring!
Und direkt zu Kuma von des Fürsten Hand,
Ein exquisites Geschenk seiner Huld!
Und ihr, jubelt mit mir,
Jubelt mit mir, jubelt mit mir.
Ah, welch eine Ehre und welche Huld, welche Freude,
Ihr alle jubelt, jubelt mit mir.
Welche Huld, welche Freude,
Ihr alle, freut euch mit mir.
Welche Huld, welche Freude, welche Ehre!

Polja stimmt in den Jubel der fürstlich Beschenkten ein. Der Fürst gab ihr einen kostbaren Ring. Er zog ihn direkt von seiner Hand und warf ihn in den Pokal. Balakin, Lukasch und Shuran äußern sich über Mamirow: Augenscheinlich tat der Überhebliche einen Fehltritt. Er wünschte, die Angelegenheit in seinem Sinn zu lenken und verrechnete sich. Der Fürst verweigerte ihm den Gefallen und biss sich an dem Köder nicht fest. „Wir sind glücklich mit dir. Welche Huld, welche Freude, welche Ehre!“

Der Fürst fühlt sich als Gockel: Oh diese Frau brennt zu ihm in Zärtlichkeit. Sie errötete und ihr Busen begann zu beben. Ja diese Frau brennt zu ihm in Zärtlichkeit. O ja, sie brennt! Jeder würde ihr bereitwillig alles geben, was sie sich wünscht. In Zärtlichkeit ist sie zu ihm entbrannt, sie hat ihn behext! Mamirow sieht die Sache anders, kommt aber zum gleichen Resultat. Mit Teufelskraft sie war fähig, ihren Fürsten in Versuchung zu führen. Unehre brachte sie über ihn. Der Chor fasst die Meinung aller nochmals zusammen. Huld und Ehre wurde Kuma zuteil, er gab ihr den goldenen Ring von seiner Hand, aber der Schreiber wurde abgeblitzt.

Nun macht Kuma einen Fehler, in Siegerlaune provoziert sie völlig unnötig den Würdenträger an der Seite des Fürsten. Möchte Mamirow vielleicht auch einen Becher Wein trinken? Sie fragt es voller Spott. Der Fürst tätschelt ihr die Wange und sagt, dass sie ihm einschenken soll. Die Gäste reagieren mit einem Heiterkeitsausbruch. Obgleich er frech war, soll er einsehen, dass er einen Schnitzer machte. Nastasjas Haus hätte er gern in Besitz genommen, er kam zu profitieren, aber Falschheit hat sich nicht ausgezahlt. Mamirow verhält sich steif und macht vor Kuma eine förmliche Verbeugung. Der Fürst ist schon ein wenig angeheitert. Der Wein macht trunken. Die Trunkenheit geht von Person zu Person. Nichts macht fröhlicher als der Wein.

10
Kuma wird übermütig. Darf sie den Witzbolden erlauben, den Fürsten zu amüsieren? Fürst Nikita fragt seinen Sekretär, ob er den Narren auch zuschauen möchte. Warum nicht? Alle Vielfraße, Betrüger, Diebe und Trunkenbolde sind hier an einem Ort versammelt. Der Fürst konnte keinen besseren Platz finden als Kumas Haus. Mamirow ist der einzige, der mit der Gesellschaft nicht tanzen möchte. Möglicherweise möchte er nicht gehorchen. Nastasja flüstert Nikita etwas ins Ohr. Ihm nicht gehorchen? Man soll den Spielverderber herbeirufen, dann wird man sehen! Die Spaßmacher haben sich in bunte Kostüme gekleidet. Der Fürst befiehlt, dass Mamirow tanzen soll. Dieser rümpft die Nase und will sich mit keinem Dämon einlassen. Hat er nicht gehört! Der Sekretär bittet den Fürsten, ihm diesen Ulk zu ersparen. Foka versucht, die Situation zu entschärfen, die Musik spielt und er wirbelt ihn gegen seinen Willen einfach herum.

2. Akt:

11
Angstvolle Gedanken stören Eupraxias Schlaf. Bis zum Morgen kann die Fürstin ihre Augen nicht schließen. Eine Wolke ist soeben über den Himmel gezogen. Nicht eines Sturmes Dunkel, sondern der Ärger und der Kummer der weiten Welt drücken auf ihre Seele und versprechen klagevoll Unglück. Was fällt den Mädchen ein? Wollen die Übermütigen sie verhöhnen? Besser täten sie daran, mit ihren Mitleidsbekundungen einzuhalten oder muss die Fürstin erst böse werden? Turbulente Winde jagen die Wolken der Betrübnis auseinander. Sonne sollen sie bringen! Das Herz der Bedrängten soll sich aufhellen. Gegenseitig fordern die Mädchen sich auf, Ausschau zu halten ob Sonne noch nicht in Sicht sei. Die Fürstin hat ihnen gesagt, dass sie aufhören sollen. Die Verärgerte wirft den Mädchenchor hinaus, denn er geht ihr auf die Nerven.

12
Mamirow soll schwören, dass er ihr die ganze Wahrheit erzählt. Gott möge ihn bestrafen und mit einem Blitz niederstrecken, wenn er den wahren Sachverhalt vor der Fürstin versteckt. Ist er mit dem Souverän zum Gasthaus am Oka-Fluss gegangen? Er selbst brachte den Fürsten hin, um das Nest auszuheben. Mit gerissenen Worten schlich die Hexe Nastasja schlitzohrig um ihn herum und brachte ihn dazu, seinen Missmut gegen Wohlwollen auszutauschen. Es beliebte Hoheit an diesem verrufenen Platz Wein zu trinken, und davon jede Menge. Der Fürst nahm seinen Ring vom Finger und vor allen Leuten warf er ihn als Belohnung in den Pokal, aus dem er getrunken hatte. Und was tat der Fürst danach? Er amüsierte sich mit den Narren. Die Leute sagen, die Hostess habe ihn mit ihren teuflischen Netzen umgarnt und jetzt müsse der Fürst ihr Liebhaber werden. Solches wagt Mamirow ihr zu sagen? Das Gerücht kündet, dass der Zauberin durch Magie alles möglich sei. Aber die Herrin soll Mitleid mit ihm haben und es dem Fürsten nicht weitererzählen. Die Gebetene kann es gerade noch versprechen, dann erleidet sie einen Schwächeanfall und gleitet zu Boden.

13
Ihre Dienerin ist von kräftiger Statur. Wie ein Bündel hebt Nenila die Fürstin auf und setzt sie auf die Stufen, anstatt sie aufs Bett zu legen, denn sie möchte plaudern. Sie kann es nicht verstehen, dass der Fürst der Hoheitsvollen keine Beachtung mehr schenkt, denn sie sieht doch wundervoll aus. Wieso nimmt er keine Notiz von ihr? Nenila macht ihr Angst, sie soll still sein. Mamirow rät, sich nicht über diese Frau zu ärgern. Was zu tun ist? Umlegen, was sonst! Er spricht die Wahrheit. Danke, doch er soll jetzt gehen und sich merken, dass sie in Zukunft über alle Vorgänge am Oka-Fluss ausführlichen Bericht haben möchte. Wir werden Augen und Ohren finden, die alle Informationen sammeln. Wieso schämt der Fürst sich eigentlich nicht, in diesem Trinkhaus zu verkehren? Wie kann er diese schlangengleichen Lippen küssen, sie liebkosen und in diese schamlosen Augen schauen?

Akh, matuschka-knjaginjuschka! Ach Fürstin-Mutter, es ist genug. Sie soll sich doch nicht selbst quälen, wie eine weißbrüstige Seemöwe schluchzt sie. Einmal sei sie schon selbst in dem kleinen Gasthaus der schändlichen Kuma gewesen. Absolut Sünde, was dort abläuft! Welche Sünde? Die Fürstin möchte eine detailgetreue Beschreibung bekommen. Nein, es ist genug! Die Wissbegierige soll ihr Herz nicht überanstrengen. Gott wird mit ihr sein! Ein bisschen kennt Nenila sich in der Zauberkunst auch aus und ist durchaus in der Lage, gut gemeinten Rat zu erteilen. Als Erstes soll die Herrin die Unterkleidung des Hausherrn in magischem Wasser einweichen. Dann gibt es noch einen Stein, im Volksmund heißt er „Der Umschwenker“. Binnen kurzer Zeit bringt er jeden treulosen Mann zurück. Am besten wirke allerdings ein Wunderkraut. Was Nenila jetzt erzählt, sei keine Lüge! Es kann sprechen und sagt mit klarer Stimme „Ukh, Ukh“. Sein Name ist „Der Rufer“ Wer immer davon einen mundvoll nimmt, gibt seine Seele zu Gott und hat in Zukunft weder zu seufzen noch zu klagen. „Der Himmel weiß, was du sagst. Närrin, lass mich allein und verschwinde.“ Kopfschüttelnd entfernt sich Nenila. Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen!

Die Fürstin führt ein Selbstgespräch: Vom Unglück wird sie sich nicht niederdrücken lassen. Dieser Grasnatter wird es auf keinen Fall gelingen, ihre stolze Moral zu entwürdigen. Sie denkt nicht daran, den Rest ihrer Tage demütig in einem Kloster zu verbringen, um in Grabesnähe ihres Kummers zu gedenken. Nicht zulassen wird sie, dass eine Sünderin ihr Heim mit Schande bedeckt. Gnadenlos ereilt sie die Vergeltung, denn alles was die Hexe ihr antut, wird sie ihr heimzahlen.

14
Ihr einziger Sohn ist der Fürstin großer Stolz. Er ist prachtvoll gebaut und stattet der Mutter den allmorgendlichen Besuch ab. Aus dem Fenster sieht sie in kommen. „Hallo Juri, hast du gut geschlafen?“ Von was er geträumt, vielleicht von der Geliebten? Die Eltern haben eine gute Wahl für ihn getroffen und eine vortreffliche Verlobte für ihn reserviert, denn sie sind um sein Glück besorgt. Gehorchen will er ihnen in allen Dingen. Er habe nachgedacht, aber sein Schicksal sei ihm nicht so wichtig. Über was will er mit der Mutter sprechen? Sie soll nicht ärgerlich sein und ihm seine Kühnheit vergeben. Er habe beobachtet, dass in der Familie möglicherweise nicht alles in Ordnung sei. Er sieht die Betroffenheit in ihrem Gesicht, aber sie versucht, ihr Geheimnis vor ihm zu verbergen.

Wenn sie ihre Zunge hütet, kann er weiterhin ohne Kummer und Ärger leben, überlegt sie. Doch er sieht den Schmerz in ihren Augen und hakt nach. Vater – den Eindruck habe er – sei nicht mehr derselbe, denn mehr und mehr bestimme Nörgelei und Gekeife den Dialog mit ihm. „Wir leben mit Vater wie immer.“ Doch Tränen machen ihre Augen trübe und ihre Seele ist voller Angst. Welcher Teufel ist zwischen sie gefahren? Was schmerzt sie? Ist Vater die Ursache? Sie soll sich nicht selbst quälen. Genug, sie versuche mit ihrem Kummer zu leben und will ihn nicht belasten, es würde ihn nur verzweifelt machen. Doch mit seinem ganzen Herzen steht er auf ihrer Seite. Er ist ihr Schatz und Gott möge die Familie in Glückseligkeit leben lassen. Sein Friede sei für sie wichtig. Von Gott hat sie keine dringendere Gunst zu erbitten als sein Glück. Juri hat die gleichen Wünsche für die Mutter wie sie für ihn. Ihre Sorge sei auch die seine. Es sei sinnlos, die Wahrheit vor ihm zu verstecken. Doch die Fürstin verrät sich nicht. Die Szene will kein Ende finden. Man versichert sich gegenseitig unaufhörlicher Fürsorge und Schonung.

15
Abwechslung bringt Paissi „Ich wurde gerufen und ich komme.“ Der fromme Bruder tritt ein und verbeugt sich. Juri sagt, dass er ihn nicht gerufen habe, aber er solle sein Anliegen vortragen. Dreist behauptet Paissi, dass er gerufen worden sei, allerdings weiß er nicht, von wem. Egal, was will er? Er sei Mönch und ein Hirte kranker Seelen. Er gehe zu denen, die schwach sind und unter grauenvollem Kummer leiden. Wer wartet nicht auf Gottes Botschafter und sehnt sich nicht nach himmlischer Beschirmung? Der Herr verweigert sich nicht, auch nicht vor dem Kummer des Fürstenhofes. Überall, wo Kummer und Trauer herrscht, geht Gottes Wanderer hin. Der menschliche Kampf fordert Gottes Strafe heraus für ein sündenvolles Leben.

„Wo ist diese Krähe gelandet?“ In seiner sprachlichen Formulierung mit dem Volk ist Mamirow nicht wählerisch. „Der Pöbel hat dich gerufen und du kamst hier her.“ „Oh, mein Fehler, es scheint, ich verlor meinen Weg.“ Er sei im Ausdruck nicht sehr gewandt und habe von höfischer Etikette keine Ahnung. Deshalb solle man ihm vergeben. „Podai vemu“ Juri gibt Mamirow Order, ihn wegzuschicken. „Wir haben hier kein Futter für Vagabunden.“ Paissi hebt die Hände zum Himmel. O Gott, welche Schmähung zu ihm. Den Botschafter Gottes aus dem Haus zu jagen, sei eine schwere Sünde. „Kopeiku luchsche dat!“ Besser sei es, eine Kopeke zu geben. Er sei ein Tagedieb, ein streunender Hund. „Pomilui, gosudar!“ Habe Mitleid, mein Herr. „Molchat“ Hau ab! Paissi dreht sich furchtsam um und ist im Begriff zu gehen. Mamirow überlegt es sich anders und ruft ihn zurück. „Postoi, postoi!“ Warte, Warte, wenn du ein Almosen haben möchtest, dann sperre deine Ohren auf und höre „Ich öffne meine Ohren und meine Seele!“ In dem Gasthaus an der Oka habe Mamirow ihn gesehen. Er soll hingehen und einiges herausfinden. Er soll schauen, was Kuma treibt und ob dies zu Beanstandungen Anlass gibt. Ihn interessiert besonders, ob auch ausgefallene Gäste zu Besuch kommen und wie lange sie sich dort aufhalten. Er soll jetzt verschwinden wie ein Hund. Natürlich wird er eine große Belohnung bekommen. Jedoch soll er auf seine Haut achten: Der kleinste Fehler und er bekommt die Peitsche.

16
Mamirows Selbstgespräch ist nur für das Publikum bestimmt und nicht für den Fürsten. Sein Souverän forderte ihn auf zu tanzen: „Ya ne skomorakh.“ Doch er ist kein Bajazzo. Nicht länger soll der Beleidiger herrschen über Nischni. Mamirow ist kein Leibeigener. Ihm wird er die Narrenkappe auf das fürstliche Haupt setzen, dann wird er überdenken, die ihm zugefügte Beleidigung zu vergessen.

Nun kommt er in einer Verwaltungsangelegenheit, doch der Fürst verweist ihn auf ein anderes Mal. Mamirow soll jetzt zur Fürstin gehen, ihr seine Ankunft melden und ihr ausrichten, dass er sie erwarte. Nun führt auch der Fürst ein Selbstgespräch, welches nicht für Mamirow bestimmt ist. Die Geschäfte und die Angelegenheiten des Gouvernements schaffen ihm keine Probleme. Doch im Moment hat er nicht die erforderliche Tatkraft, sich damit abzugeben. Der betrübte Blick seiner Frau drückt ihn nieder. Ihre Augen sind voller Kummer, ihre Seufzer nagen an seinem Gewissen. Kein Stolz erfüllt sein Herz, doch ihren stummen Tadel quittiert er mit Ärger. Was kann er dafür, dass das Schicksal ihm ein lockendes Angebot unterbreitet. Der Eindruck von Kumas Schönheit lebt mit ihm. Ihre Annäherung erregt und ködert ihn bei Tage und Nacht. Wie eine schäumende See in einem brausenden Sturm verhält sich seine Seele. Er ist nicht mehr er selbst. Wie soll die Zukunft sich gestalten? Verlangen unterdrückt seine Handlungsfähigkeit und sein Herz fühlt sich hingezogen zu ihr, zu ihr allein.

17
Fürst Nikita teilt seiner Gemahlin mit, dass der Bojar Scherstnjow mit seiner Tochter aus dem Ausland zurückgekehrt sei und man der geplanten Hochzeit mit dem gemeinsamen Sohn Juri nun mit Respekt entgegentreten solle. Wäre es nicht besser, zuerst die Angelegenheiten zu behandeln, die dringend sind? Wie soll er ihre Worte verstehen? Es gibt nicht viel zu verstehen, wenn er sich vielleicht an die Schlampe von der Oka erinnern möchte. Was soll der Blödsinn, ist die Gemahlin krank? Die Fürstin braust auf. Es ist eine Schande und eine Blamage, wie er sich in der Öffentlichkeit aufführt. Sollen alte Zustände von Neuem beginnen? Wer hat mit dem Teufelsweib verkehrt? Wenn er es nicht weiß, soll er es sagen! Es muss ihn jemand verleumdet haben! Wenn nichts gewesen ist, muss er sich auch nicht aufregen. Doch sie weiß genau Bescheid, was in dem verruchten Trinkhaus abgelaufen ist. Mit glühender Bereitschaft verfolge ihn die Hexe. Die Wahrheit braucht er nicht zu verstecken.

Genug, sie hat ihn verdrossen und jetzt möchte er gehen. Doch die Eifersüchtige hält ihn am Ärmel zurück. Was hat er mit ihr gehabt? Ist er der Freund dieser lockeren Frau? Manche Zeit hat er bei ihr gesessen, doch er soll nie wieder ihre Schwelle passieren, sonst passiere etwas. Was wird passieren? Er sei nicht bereit, sich von seiner Gemahlin den Weg weisen zu lassen. Wer ist seine süße, schöne Kuma überhaupt, eine Zauberin, eine Teufelin oder eine Hexe? Aber wir haben in unserem Unglück einen Beschützer, es ist unser Vater Superior. Sie wird in das Pechersk-Kloster zu ihm gehen und demütig zu ihm aufschauen. Er ist ein strikter Beobachter von Reinheit und Tugend. Zu Füßen wird sie ihm fallen und viel zu erzählen haben. Die Zauberin wird er sich vornehmen und sich auf ganz andere Weise mit ihr unterhalten, als er es tut. Bannen wird er diesen Teufel. In einem dunklen Gefängnis hinter Klostermauern wird er ihr die Torturen der Hölle schmackhaft machen. Der Vater Superior wird sie dazu bringen, ihre Sünden zu bereuen und in Ketten wird sie anschließend verrotten, seine Kuma.

Das ist es also, was er ihr androhen will. Nun, er wird sich auf seine Möglichkeiten besinnen und ihr eine Kutte überstreifen lassen, so wie die Nonnen sie tragen, um der Demut willen. Hat sie daran nicht gedacht? Sie wird weder eine Kutte noch eine Haube tragen und auch nicht um Vergebung bitten für seine Schwelgerei. Nikita hält es aber für notwendig, dass sie sich in ein Kloster begibt, um ihrer Halsstarrigkeit Opposition zu bieten. Der Gemahl soll sich nicht einbilden, dass sie gehorchen wird. Er wird sie zwingen. Man wird sehen!

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„Stoppt sie, stoppt sie! Greift sie, greift sie, die Häscher des Fürsten! Tötet die Lumpenhunde und macht sie fertig!“ Es sind Leibeigene des Fürsten, denen der Zorn des Opernchors gilt. In blutverschmierter Bekleidung klettern sie über die Einfriedung und rennen weg. Steine fliegen hinterher. Zwei weitere Domestiken in zerrissener Gewandung versuchen, sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen und springen über die Umzäunung, die unter der Belastung zusammenbricht.

Mamirow wird durch den Tumult aufgescheucht, erscheint auf der Bildfläche und will wissen, was los ist. Das Marktvolk aus der Stadt habe ihnen nachgesetzt und versuche, sie zu traktieren, beklagen sich die Verfolgten. In seiner Funktion als Hausmeister beordert Mamirow zu seiner Unterstützung weitere Leibeigene in seine Reichweite. Die aufgebrachte Menge unter der Führung von Kitschiga reißt den Lattenzaun nun völlig nieder und verschafft sich Zugang auf das Privatgelände des Fürsten. Wo hält der Hausverwalter die Diebe versteckt? Was fällt dem Pöbel ein, in des Fürsten Garten einzubrechen?

Kitschiga fordert den Verwalter auf, ruhig zuzuhören. Der Opernchor übernimmt nun die Anklage: Mamirow selbst habe die Leibeigenen ausgesandt und zum Stehlen auf den Markt geschickt. Ohne Umstände nehmen diese Obst, Gemüse und Kleinvieh, um es auf des Fürsten Hof zu bringen. Bezahlt wird nicht! Die Leute haben genug von solchen Übergriffen. Der Überhebliche kann nicht machen, was er will. Der Adel schindet das Volk, aber die Bestohlenen werden sich diese Übergriffe nicht mehr bieten lassen. Mamirow beschimpft die Marktleute als Rebellen und droht mit Haft und Knute. Kitschiga entgegnet, dass er die Räuber klopfen wird wie ein Haferbündel. „Jagt sie fort! Steckt sie ins Gefängnis!“ Die Beteiligten verlassen die verbale Ebene und geraten nun physisch aneinander.

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Zum Glück kommt nun Prinz Juri hinzu, zu dem die Menge Vertrauen hat. Die Eindringlinge bitten ihn, sie vor der Brutalität der Übergriffe zu beschützen. Die Bestohlenen klagen, dass ihre Märkte auf Veranlassung des Hausverwalters geplündert werden und es für sie keine Gerechtigkeit gäbe. Wie Wölfe fallen die Leibeigenen über das Marktvolk her, aber wenn diese sich gegen die Übergriffe zur Wehr setzen, werden sie auch noch getadelt. Die Justiz bleibe untätig. Mamirow setzt dagegen, dass Aufrührer ins Gefängnis gehören. Eindringlich wird Prinz Juri gebeten, ihnen seinen Schutz nicht zu verweigern. Dieser will sich das Vertrauen der Bevölkerung nicht verscherzen und seine allgemeine Beliebtheit nicht aufs Spiel setzen. Seinem Sinn für Gerechtigkeit gehorchend, untersagt er Mamirow weitere Übergriffe und fordert die Marktleute auf, beruhigt nach Hause zu gehen. Er gibt ihnen sein Wort, die Raubüberfälle in Zukunft zu unterbinden.

Gott möge dem Prinzen ein langes Leben schenken und ihm Herrlichkeit, Macht und Wohlstand geben. Mamirow reagiert zynisch: So regelt der Prinz einen Disput. Die Aufrührer lässt er in Frieden ziehen. Dafür haben sie dem Prinzen gedankt.

20
Die Fürstin findet es nicht richtig, dass ihr Sohn sich in die Belange des Vaters einmischt. Nenila tut ihre Meinung ebenfalls kund und tönt, dass Vater jetzt bestimmt wütend sein wird. Dem aufdringlichen Klosterbruder ist es gelungen, sich im Gefolge der Fürstin anzusiedeln und fügt als Ergänzung an, dass der Ärger des Fürsten entflammen wird. Mamirow meint, dass nach allem, was geschehen ist, des Fürsten Zorn kein Wunder sein wird. Juri betont, dass man das friedfertige Volk in Ruhe seinen Geschäften nachgehen lassen soll und dass es nicht in Ordnung ist, es zu drangsalieren. Mamirow weiß genau, was das Volk braucht, nämlich Peitsche und Exekution, aber der junge Prinz gab einen Freibrief zu Aufruhr und Gewalttat. Juri gibt Mamirow zu verstehen, dass er mit ihm nicht diskutiert. Er will wissen, wo Vater jetzt sei. Paissi, schwatzhaft wie immer, fragt Mamirow, ob er den Mund aufmachen soll. Er soll es den Sohn wissen lassen! Nun, der Fürst lenkt sein Boot den Oka-Fluss hinunter. Er entschied, das Gasthaus zu besuchen. Die Fürstin regt sich auf. Schon wieder geht er zu ihr! Sie muss selbst zu der Frau gehen und mit ihr reden! Juri wird hellhörig. Wohin will die Mutter gehen und weshalb? Er soll sie gehen lassen. Sie wird es herausfinden und ihre Umarmung aufbrechen. Nun möchte Juri mehr in Erfahrung bringen, doch die Verleumder ziehen sich zurück. Es sei nicht ihre Sache zu untersuchen oder zu verstehen. Hat Vater mit einer Liebschaft wieder Schande über die Familie gebracht? Er wendet sich an Nenila, dass sie ihm alles genau erzählen soll. Nenila erklärt lediglich, dass in dieser Welt viele Dinge geschehen.

Was lähmt die Mutter? Ihre Hände sind eiskalt. Er sei bereit, sein Leben zu geben, um die Ordnung wiederherzustellen. Die teuflische Frau, die Zauberin, sei schuld, der Fürst sei in ihr Netz gefallen. Ein grauenvolles Schicksal stehe der Fürstin bevor, die gezwungen sei, ihr nachzugeben. Jetzt kommt Paissi zum Zuge: Es ist wahr. Der teuflischen Frau, der Zauberin, sei der Fürst ins Netz gefallen, der stolzen Fürstin sei es unmöglich, Kuma entgegenzutreten. Nenila, die sich gern wichtig macht, bestätigt was Paissi sagt.

„Tebe I, Tebe I, moja rodnaja bajatsa babi toi? Ubit jejo, ubit?” So klingt Juris Racheschwur auf russisch.

„Bist du, bist du erschrocken von dieser Frau?
Ich werde sie töten mit meiner eigenen Hand.
Ich werde die Beleidigung mit Blut abwaschen.
Gott selbst wird durch mich sie richten.
Er wird vergeben eines Sohnes Vergeltung.
Ich werde nicht dulden, dass die Ehre der Familie befleckt wird.
Ich werde mein Leben geben, um sie zu richten.
Ich werde diesen Teufel mit dem Schwert bestrafen.
Ich selbst werde mich mit Kuma anlegen.
Ich schwöre es dir auf meinem Schwert.
Ich schwöre es zu dir bei meiner Liebe.
Ich werde die Familie nicht in Scham versinken lassen.
Die Beleidigung werde ich wegwaschen mit meinem Blut.“

„Oh, mein Sohn, mein Blut, meine Hoffnung, mein eigener Beschützer!“ Die Fürstin ist sichtlich erleichtert. Juri wiederholt seinen Schwur. Er wird die Teufelin ins Jenseits befördern. Paissi und Mamirow bringen ihre Zufriedenheit zum Ausdruck: „Kummer ist gekommen zur Hexe. Nun ist Kuma verloren. Der Sturm ist gekommen.“

3. Akt:

21
Fürst Nikita hat Kuma in ihrer Wohnung besucht. Der Souverän hält seine Augen niedergeschlagen und schaut im Ärger still vor sich hin. Offenbar liegt es nicht in der Macht der Umworbenen, ihn weiterhin zu erfreuen. Sie weiß nicht, wie sie ihn aufheitern soll! Kuma verstehe seine Wünsche nicht oder will sie nicht verstehen, behauptet der hohe Gast.

Ohne sie sei die Welt kalt für ihn. Seine Gedanken gehen verschlungene Wege und seine Stimmung sei nicht die beste. Trotz der Macht, die ihre Anziehungskraft für ihn habe, vergaß er Heim und Familie. Sein Gewissen hat ihn im Stich gelassen. Um Himmelswillen, Fürst, das ist doch nicht Kumas Schuld! Wer hat sich wem aufgedrängt? Hört er das Volk nicht reden, dass es vom Vizeregenten nicht korrekt sei, Nastasja den Hof zu machen? Es genüge, wenn sie ihn diesen Zustand beklagen lässt. Natürlich sei es eine große Ehre für sie, wenn der Fürst zu ihr kommt, aber sie muss ehrlich gestehen, dass die Situation künftig ein bisschen schwierig sein wird. Der Teufel gehe gerüchtestreuend umher und eines Tages werden verleumderische Meldungen die Fürstin erreichen.

Genug, sie soll sich mit solchen Gedanken nicht befassen, sondern herkommen und sich neben ihn setzen. Unwillig nimmt Kuma neben ihm platz. Der Fürst zieht sie leidenschaftlich zu sich heran. Ja, näher kommen soll sie, ihr Körper habe eine magische Anziehung auf ihn. Keine Kontrolle habe er mehr über sich und sie soll ihn um etwas bitten. Was immer es auch sei, er werde es nicht verweigern. Möchte sie, dass er sie mit Perlen bedecke oder unzählige Goldmünzen auf sie rieseln lasse? In feine Seide darf sie sich hüllen und in kostbare Pelze wird er sie kleiden. Sie sei mit Schönheit ausgestattet und den Reichtum gibt er dazu. Das Schicksal hat entschieden. Sie wird sein eigen und sie muss ihn lieben! Nikita versucht, sie zu küssen, doch Kuma dreht den Kopf weg und sitzt da wie ein Stein.

22
Sind seine Worte Plage für sie? Er stützt den Kopf in seine Hände. Sie soll sagen, dass sie ihn nicht liebe. Kuma ist erschreckend ehrlich. Sie weiß nicht, was sie mit ihm machen soll. Zuerst nimmt er eine bedrohliche Haltung ein und dann ist er dem Weinen nahe. Sie bemitleide ihn mit ganzer Seele, aber mit Liebe habe das nichts zu tun. Bereits vor ihm habe sie einem anderen ihr Herz geschenkt, doch der liebe Freund sei weit weg. Sehnsüchtig denkt Kuma an den jungen Prinzen. Wo ist der Geliebte? Mit eifersüchtigen Blicken schaut Nikita sie an. Das Wort „Liebling“ hat sie gegurrt. Wer ist es? Wer? Sie soll ihm sofort die Wahrheit sagen! Er sei mächtig genug, andere in Drangsal zu bringen, aber Macht über das Schicksal habe der Fürst nicht. Wen sie liebt, wird er herausfinden! Wahrscheinlich, so dünkt es ihn, hat er noch vor wenigen Stunden die Honiglippen Nastasjas geküsst, aber ihn rühre sie nicht an. Als liebevolle Gewohnheit, um für lustige Stimmung zu sorgen, erzählen die Gäste manchmal blödsinnige Geschichten über Nastasja. Es steckt keine böse Absicht dahinter. Der Fürst soll zur Kenntnis nehmen, dass sie ihn nicht geküsst habe, denn er sei edler als andere und kein unverfrorener Kumpel für sie. Sie lasse sich nicht zur Sünde heranwinken, weil sie sich dann schämen müsse. Sie hoffe auf Schonung, wenn sie mit ihm nicht so frei tut, wie mit anderen, denn er sei der Vizeregent.

23
Nun steigt in Nikita die kalte Wut hoch. Er wird sie zerquetschen wie eine Fliege! Er soll sie ruhig zerstören, bei Tyrannen sei das so üblich, deswegen verüben sie auch nichts Schlimmes. Niederknien wird sie vor seiner Autorität. Sie wird die gewünschte Leistung nicht erbringen! Zerdrücken wird er ihren Eigensinn. Kuma bestreitet die Erfolgsaussicht. Nachdem Nikita erneut versucht, sich an sie heranzudrängen, nimmt sie das Brotmesser vom Tisch und setzt es sich an die Kehle. Sie sei schneller tot, als er es sich vorstellen kann. So, jetzt weiß er es! Der Fürst geht, kündet aber an, dass sie die seine werden wird, denn er sei nicht bereit, abzugeben.

So ist es, wenn man im Überschwang der Gefühle falsche Signale setzt, liebe Nastasja! Sie wird im vierten Akt bitter dafür bezahlen müssen. Den Teufel hat Kuma sich eingekauft. Hasserfüllt drangsaliert er ihre ganze Seele. Wenn der Fürst gewusst hätte, wer der Liebling ist, der ihm vorgezogen wird, wäre die Überraschung perfekt gewesen. Jeder würde lachen zu seines Herzens Zufriedenheit. Soll ihrer Seele Verlangen nach dem Sohn nun verzagen? Es würde ihr Vergnügen bereiten, seine boshafte Pein zu beobachten.

24
Ihre Freundin Polja spricht zur späten Stunde noch bei ihr vor. Sie hat Neuigkeiten, die aber keineswegs angenehm klingen. Schlimmes hat sie herausgefunden. Die Fürstin hat das Gerücht von den Besuchen des Gemahls im Gasthaus an der Oka erreicht und der junge Prinz habe geschworen, den Eindringling in seine Familie zu töten. Kuma ist fassungslos. Foka kann nur bestätigen, was Polja erzählt. Als Hexe wurde sie vor der Fürstin dargestellt, die mit einem Zaubertrank den Gemahl zu sich drehe. Ihren Mann versuche Kuma ihr wegzunehmen. Wieso konnte er solchen Unsinn glauben? Die Fürstin habe ihn angefleht, sie vor der teuflischen Hexe zu beschützen und den Vater vor der verderblichen Macht der Zauberin zu bewachen. Foka und Polja raten dringend, Türen und Fenster für die Nacht zu versperren. Gottes Wille werde sie beschützen, aber sie solle trotzdem sorgfältig Obacht geben. Für beide gibt es zum Abschied Umarmung und Küsschen, aber sie sollen mit niemandem über ihre Mutmaßung reden. Was wird sie tun, wenn der junge Prinz in der Nacht kommt, um sie umzubringen? Sie wird ihn willkommen heißen! Ist sie wahnsinnig geworden? Der Onkel und die Freundin gehen und Kuma setzt sich ans Fenster und versinkt in Gedanken.

25
So verhält es sich also! Er selbst hat geschworen, sie zu ermorden. Er folgt den Wünschen seiner Mutter und ist hergekommen, sie zu zerschlagen. O Gott, ihr Schicksal ist furchtbar! Kuma hat Geräusche gehört. In Alarmbereitschaft richtet sie sich auf. Unweit ihres Fensters nimmt sie zwei Schatten wahr, die leise miteinander sprechen. Sie wollen zunächst kontrollieren, ob sie allein im Haus sei, dann überraschend angreifen und sie im Schlaf fertigmachen. Ihre Überreste sollen ins Wasser geworfen werden. Die Bedrohte bläst die Kerze aus, damit die beiden Eindringlinge denken, dass sie schläft. Das Mondlicht scheint durchs Fenster. Die Männer wenden sich jetzt der Veranda zu und sind dabei, das Schloss aufzubrechen. Der Versuch, unbemerkt zu entfliehen, dürfte fehlschlagen. Kuma legt sich ins Bett und zieht die Vorhänge zu. Nur jetzt nicht kopflos werden! Gott möge sie erretten! Juri kommt herein, dicht gefolgt von Shuran, der eine Laterne hält und leuchtet. Wo hält sie sich versteckt? Wo immer auch die Schlange herumkrabbelt, er wird sie finden und ihr für immer ein Ende bereiten. Den Dolch hält er in der erhobenen Hand. Shuran erwägt, ob sie vielleicht im Steinraum auf dem Hof zuerst nachsehen sollten. Ach was, sie liegt bestimmt im Bett? Shuran soll hineinleuchten!

26
„Guten Abend mein süßer Prinz!“ Zu so später Stunde kommt er sie besuchen? Kuma hat sich auf den Ellenbogen gestützt und nestelt an ihrer Halskette. Überwältigt von so viel Schönheit auf einem Fleck spielen in Juri angestammte Instinkte verrückt. Mit der Klinge bedeckt er seine Augen und will sich rückwärts zur Tür davonschleichen. Blitzschnell nutzt Kuma seine Verwirrung, springt mutig auf und hält ihn am Ärmel fest. Wohin will er gehen? Ist er erschrocken vor der Zauberin oder vor sich selbst? Oder bereut er seinen Schwur? Sie sei nicht ohne Schutz. Das Volk würde auf ihrer Seite stehen und aus dem Geisterreich würden man auf Anforderung unverzüglich Dienerschaft herbeirufen, um Gefahr von sich abzuwenden, führt die Beherzte aus.

Juri stellt klar, dass er sich nicht herangeschlichen habe, sondern ungeniert in ihr Haus gekommen sei. Jeden, der ihm im Wege gestanden wäre, hätte er sofort niedergestreckt. Er tat einen Schwur und er sei genötigt, diesen zu halten. War sie es nicht, die Zwietracht und Kummer in ihre Familie gebracht hat? War sie es nicht, die sich zwischen Vater und seine Mutter gestellt hat? Ihre Seele habe sie auf Streit eingestellt. Kuma bemängelt, dass er nur halb informiert sei. Dem Vizeregenten habe sie einen Zaubertrank eingeschenkt, der ihn ihren Wünschen gefügig machen soll. Mit teuflischer Hexenmacht habe sie seinen Willen außer Kraft gesetzt. Ein ironisches Lächeln begleitet Kumas Ausführungen. Die Verführerin soll nicht spotten, damit der Ärger in seiner Brust sich nicht aufrichte. Er kam her, eine Hexe zu bestrafen. Dann soll er aber doch zuerst einmal zuhören, was die Hexe zur Sache zu sagen hat und nicht blind unsinnigen Lügengeschichten Glauben schenken.
Shuran merkt, dass er überflüssig geworden ist und entfernt sich taktvoll.

27
Juri sei nicht der einzige, der sie bedrohe und sie bedaure es zutiefst, dass er hohlen Verleumdungen geglaubt habe, ohne sie vorher anzuhören. Für ihn sei es schwer anzunehmen, dass Vater ihr aus freien Stücken nachstelle, um sie ins Verderben zu stürzen. Nun, in letzter Zeit war er fast jeden Tag hier, versuchte sie zur Sünde zu verleiten und drohte mit Sanktionen, falls sie nicht nachgebe. Zuerst flehte er, aber ihre Antwort war immer „njet, njet, njet.“ Er war von ihrem Eigensinn dermaßen erbost, dass er einen Tobsuchtsanfall bekam. Darauf ergriff sie das Messer und würde es sich ins Herz gestoßen haben, um seinen Wünschen nicht folgen zu müssen. Schöne Feen-Geschichten erzählt sie da! Gern würde er sich beschwichtigen lassen, aber er kann ihr nicht glauben, weil ihr Report zu phantastisch klinge. Alles ist wahr, Gott ist ihre Weisheit und sie hat ihm Leib und Seele anvertraut. Ein einsamer Mensch sei sie. Ein Leben lang sah sie sich genötigt, Angst und Tortur zu widerstehen. Tödlich erschrocken war sie von seiner Absicht gewesen und jetzt soll er ihr die Hand geben. Diese ergreift sie, um sie mit Küssen zu bedecken.

Der Opernbesucher beobachtet, dass Kuma nun in die Offensive geht. Der Prinz versucht, seine Hand zu befreien und sieht, dass die Bedauernswerte weint. Genug, sie soll damit aufhören! Er glaube ihr! Während Kuma sich erhebt, sieht sie Juris Dolch auf dem Boden liegen. Schnell hebt sie ihn auf und gibt ihm die Mordwaffe. „Hier ist der Dolch, mein Prinz, mein fatales Los!“ Was denkt die Verängstigte von ihm? Die Waffe hielt er nur zu seiner Verteidigung dabei und er nimmt sie nun wieder an sich.

28
Kuma setzt sich zu ihm. Sie habe ihm noch nicht alles erzählt. Sie fühle sich schuldig, aber ausschließlich an ihm. Ihre Sünde sei zwar nicht furchtbar, aber groß. O wie soll sie es ihm nur erzählen? Die Worte wollen ihren Mund nicht verlassen. Juri fordert sie auf, ihn ihr Geheimnis wissen zu lassen. Er möchte alles erfahren. Sie habe nicht mehr die Kraft es zu verstecken und wird ihm einiges aufdecken. Er möge zuhören. Ohne Anzeichen von Spannung, ihr Geheimnis nun zu erfahren, wird er trotzdem unruhig. Sie ist erschrocken, dass ihre Worte sein Herz nicht erreichen. Ist er geneigt, ihre Seele zu fesseln, ist er willens, ein glühendes Herz zu bannen? Kuma streift ihn mit einem langen Blick voller Liebe und greift erneut nach seiner Hand. Schon seit einiger Zeit hat sie auf ihren Falken heimlich einen Blick geworfen. Es weiß niemand, denn vor jedem hat sie ihre Gefühle versteckt. Ihr Auge konnte sie nicht von ihm abwenden und den Atem hat sie angehalten vor Bewunderung.

29
Gut, wenn es weiter nichts ist! Es ist jetzt Zeit für ihn, nach Hause zu gehen. Er soll nicht gehen, er habe geflucht, ihr das Herz mit dem Dolch herauszureißen. Nun will sie ihm ihre ganze Seele geben. Nastasja erklärt ihm ihre Liebe. Es sei richtig, dass er schwor, die Zauberin zu töten, weil er falschen Gerüchten nachging. Nun weiß er, dass ihre Seele klar ist wie ein prächtiger Frühlingstag. Er sei nun ihr Beschützer vor allen Feinden. Juri zieht die Hand weg, nachdem sie erneut versucht, diese zu küssen. Verschämt faltet sie die Hände über ihrer Brust. Von den brennenden Tränen der Einsamkeit soll er sie erlösen. Juri gibt vor, er fühle Trauer mit seiner ganz Seele, aber jetzt müsse er sie verlassen. Kuma ist hartnäckig, sie hat nicht begriffen, dass sie einen Korb bekommen hat. Warum will er sie verlassen? Seine Gegenfrage lautet, warum sie eine derart befremdliche Konversation starte. Der Falke soll doch verstehen, sie habe so viel gelitten und stand bereits am Rande ihres Grabes. Der Falke schaut mitleidig zu ihr herab.

Die Seele hat sie ihm aufgedeckt, ihr Herz konnte sie nicht länger zurückhalten. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, er hätte sie mit dem Messer niedergestreckt und seinen Schwur gehalten. Grausam hat er ihre Erwartungen enttäuscht. Er soll wohl leben und Gott möge ihn beschützen. In Unehre lässt er Nastasja zurück. Er soll jetzt abhauen.

30
Juri behauptet, dass er Mitleid mit ihr empfinde. Das sei nicht nötig. Es würde sie nur unnötig quälen. Nun fängt sie herzzerreißend an zu schluchzen. Die Zauberin zieht wirklich alle Register. Es sei jetzt genug. Die Taube soll ihre Augen nicht durch Tränen verfinstern. Es sei nicht nur Mitleid was ihn gebannt hält. Was ist es noch? Der geliebte Prinz soll es ihr schnell erzählen! Sie bändigte den Ärger in ihm mit dem wärmenden Glanz ihrer Augen in der schweren Stunde ihres Schicksals. Eine unerwartete Hitze spürte er in seinem Blut. Er wünschte mit ihr davonzurennen, weit weg vom bösen Volk. Liebe hat nach seiner Seele gegriffen wie eine stürmische Woge. Kuma hält das Paradies in ihren Armen. Zusammen werden sie alles vergessen. „Golubka! Rodnaja“ - meine Taube, mein Liebling! Durch fortwährende Wiederholung der immer gleichen Phrasen gelingt es den beiden, ihren spärlichen Wortschatz zum Liebesduett auszuweiten. Das Opernpublikum ist ein wenig befremdet und dankbar, dass der Vorhang zum dritten Akt fällt, mit berechtigter Besorgnis schaut es dem vierten entgegen.

4. Akt:

31
Ein wilder Forst in der Nähe des Oka-Flusses bildet das Ambiente für das tragische Geschehen des letzten Aktes. Ein wunderlicher Einsiedler hat hier seine Behausung. Kudma hält die Hand ans Ohr. Hat er soeben nicht ein Jagdhorn vernommen? Wen lockt es her zu seinem Sumpf? Er hört das wilde Geschrei von Jägersleuten. Welche Teufel haben sich diesen Platz ausgesucht? Verflucht sollen die Störenfriede sein, die Fersen mögen ihnen wegrutschen und kopfüber sollen sie in den Abgrund stürzen. Der Griesgram macht eine drohende Gebärde und geht dann ängstlich in seine Wohnhöhle, um sich vor unwillkommenen Blicken unsichtbar zu halten.

Shuran tritt mit seinen Gefährten auf. Es sind Fallensteller und Jäger, die einen Moment verweilen, um auf den jungen Prinzen zu warten. Mit seinen Hunden ist er bald zur Stelle. Juri bedankt sich bei seinem Gefährten, dass er ihn logistisch unterstützt, die Geliebte in Sicherheit zu bringen. Er fand weitere verlässliche Leute, die Kuma mit dem Boot hierher bringen werden. Der Sinn dieser Maßnahme erschließt sich dem Opernbesucher, wenn er erfährt, dass der Fürst Kumas Anwesen in Brand stecken ließ. Des Prinzen Begründung ist seine große Liebe zu Kuma, die Schutzlose dieser Strapaze auszusetzen. Dem Freund wird er seinen Service nicht vergessen und Shuran ist glücklich, dem Prinzen gefällig sein zu können. Trotzdem macht er ihm den Vorschlag, sein Vorhaben zu vergessen, weil es undurchführbar sei, mit der Geliebten wegzurennen.

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Seine Taube soll er verlassen? Welchen Gedanken hat Iwan da soeben geäußert? Er liebt sie mehr als alles andere auf der Erde. Die Küsse ihrer heißen Lippen bringen sein Gesicht zum Glühen. Leidenschaftliches Liebesgeflüster hätscheln seine Ohren und hallen in seiner Seele wider. Sie hat ihn aufgefordert, mit ihr zum Altar zu schreiten. Weitere Unannehmlichkeiten aller Art würden über sie hereinbrechen, wenn er sie nicht verstecken würde – dorthin, wo sie niemand findet. Sie ist ihm lieber, als alles andere auf der Erde. Juri hat jeden Bezug zur Realität verloren. Ein Jäger kündet, dass ein Bär in die Falle gegangen sei. Alle Anwesenden verschwinden, um den Bären in Besitz zu nehmen. Die Szene wird jetzt für den Auftritt der Fürstin benötigt.

33
Eupraxia hat sich als einfache Reisende gekleidet und befindet sich in der Begleitung von Paissi. Das macht ihren Auftritt in der Wildnis zwar nicht glaubwürdig, aber doch ein bisschen erklärbar. Hier finde sie den Zauberer Kudma, in der Magie wohl bewandert. Er kann ihr alle Arten von Getränken anbieten, auf den Zweck abgestimmt und unterschiedlich dosiert.

Da ist der Wundertäter! Gerade kommt er aus der Höhle, um ein bisschen in die Sonne zu blinzeln. Paissi möchte nicht gesehen werden und versteckt sich ängstlich hinter der Fürstin. Diese gibt vor, nach einem Zaubertrank kein Verlangen zu haben. Sie möchte Kudma, den er ihr als besonders kompetent beschrieben habe, auffordern, mittels Zauberkraft den Teufel Kuma zu bannen und von ihrem Sohn wegzubewegen. O, wäre Paissi doch nicht mitgekommen. Er zittert am ganzen Körper und rennt weg.

34
Die Fürstin geht vom Hügel hinunter auf Kudma zu, der sich auf seine Krücke gelehnt vor seine Höhle begeben hat und wartet. Weswegen ist sie gekommen? Wegen eines Giftes! Ohne Umschweife kommt man zum Geschäft. Ein grauenvolles Gift kann die listenreiche Frau hier finden, denn dieser Wunsch sei in ihr. Wer lockt und verführt die Seele? Wer taucht in den Abgrund von Leidenschaften? Wer sät das Böse in die Welt? Es sind immer die Frauen!

Sie sei nicht gekommen, um das Knurren eines alten Hundes zu hören. Wer ist er schon in seiner absurden Bösartigkeit im Vergleich zu ihr. Ein Funke des Feuers, welches ihre Seele verschlingt, würde ihn zu Splittern zermalmen wie der Blitzschlag eine alte Eiche. Gierig sei er und böse und bereit, alles mit seinem Gift zu überfluten. Allein die Gier nach Schätzen sei das Motiv, andere zu verderben. Diese Wesensart der Fürstin erkennt der Opernbesucher nicht wieder. Kudma ist jedoch nicht in Verlegenheit zu bringen. „Ich werde dich in einen Wolf verwandeln“, erklärt er lakonisch. „Schwachsinn, kein anderer wird ihm soviel Gold bringen.“ Sie lässt ihn einen Blick in ihre Handtasche werfen. Missmutig und gefräßig schaut Kudma auf die Münzen. Schon seit langer Zeit ist ihm der Anblick des Goldes entschwunden und er hat vergessen, wie es klingt. Tatsächlich glimmt es wie die Sonne. Hat sie noch mehr davon? Seine Augen, die im Laufe der Zeit dämmrig geworden sind, erblicken nur die Gestalt von Moor und schnuppern den Qualm des Feuers. Ach, weshalb ist sie eigentlich hergekommen, er hat es vergessen. „Wegen des Giftes!“ „Welche Beschaffenheit und welche Qualität steht an?“ Sie benötige ein Gift, welches die Adern wie kochendes Zinn durchläuft. Es soll bis zu den Knochen vordringen und in feurigen Torturen den weißen Körper schwarz machen. Nachdem der Balg geborsten ist, sollen die Augäpfel aus den Höhlen treten. Gibt es bei ihm ein solches Gift zu kaufen? „Takoje jest“ Ja, es steht zur Verfügung. „Ha ha ha!” Mit heftigem Feuer wird es wie ein Haufen Schlangen zischen. Es wird kochen, brennen und das Gebein durchnagen. Von der Wirkung des Giftes besessen, stimmen Fürstin und Magier ein Duett an, welches in immer neuen Varianten ihre Vorfreude auf den zu erwartenden Genuss kundtut. Es wird zischen, es wird brennen und die Frau stirbt in grausamen Qualen... Es kann losgehen. Die Fürstin soll ein bisschen warten. Er geht jetzt in sein Labor, um die Mixtur zusammenzustellen. Darf er das Gold noch einmal sehen? Sie soll es keinem zeigen, um beim anwesenden Volk keine Verlockung zu wecken. Die Fürstin denkt nicht daran zu warten, sondern folgt Kudma in die Höhle.

35
Ein Boot hat am Ufer der Oka angelegt. Es ist Kuma mit ihrer Belegschaft aus ihrem Gasthaus. Die Ausreißerin entsteigt mit einem Bündel an der Hand der Barkasse. Die übrigen sind mit dem Entladen des kleinen Schleppers beschäftigt, gehen mit den verschiedenen Dingen die Schlucht entlang und platzieren alles auf dem Hügel. In Erstaunen versetzt stellt das Opernpublikum fest, dass es sich bei dem Transportgut um Kumas Umzug handelt. Sie bedankt sich bei ihren Leuten für die Hilfe. Lukasch ist traurig, weil es wahrscheinlich das letzte Mal ist, dass sie die Herrin bedienen darf. Ohne Kuma werden ihre Leute sich wie Waisenkinder fühlen. Sie kennen ihr bedauernswertes Schicksal und sollen dazu nichts mehr sagen! Sie wollen noch in der Nähe bleiben, bis Juri die Frau seines Herzens in Empfang genommen hat. Kumas Herz quillt vor Sehnsucht über. „Gde sche ti, moi schelanni? - wo bist du mein einzig geliebter Juri? Sie sei hier und jetzt soll er schnell kommen! Ihr Liebeslied schallt über den Fluss und das Echo hört man im Wald. Das Licht ihrer Seele, ihre Schönheit, und die Freude ihrer Augen sei er. Sie brenne vor Ungeduld, ihn zu sehen und ihn an ihr feuriges Herz zu pressen. Ohne ihn sei ihre Seele ermattet vor Kummer. „Komm, komm schnell, und zusammen werden wir entfliehen!“ Weit weg von hier wollen sie sich niederlassen und Ungemach und alles Schlimmere vergessen. Ihr Falke soll kommen, denn er ist Schönheit pur und die Freude und das Licht ihrer Seele. Sie brenne vor Ungeduld, ihn zu sehen.

36
Nicht Juri, sondern die Fürstin hat ihre Stimme gehört und kommt aus der Höhle. Mit Eifersucht ist sie geschlagen beim Anblick der Nebenbuhlerin. Das Schicksal selbst hat sie in ihre Hände gespielt. Zu früherer Zeit hat sie die Zauberin einmal gesehen und nun sofort wiedererkannt. Sie geht zu Kuma: „Guten Tag! Wohin geht das liebe Kind und wie ist es allein in den dunklen Wald gekommen?“ „Das Gehölz lag zufällig an ihrem Weg.“ „Und woher kommt die Fragenstellerin?“ „Von einem entfernten Platz machte sie ihren Weg. Zum Pechersk-Kloster führen sie ihre Schritte.“ Kuma erklärt, dass ihre Freunde bald kommen werden. Der Tag war schwer für die Jäger. Sie selbst warte darauf, dass sie abgeholt werde. Sie habe Sachen dabei. Plane sie etwa wegzulaufen? Mit solch einer Schönheit wie sie es sei, würde sogar ein Prinz mit ihr flüchten wollen. Nun, dann wollen wir hier gemeinsam auf unseren geliebten Prinzen warten.

37
Kuma erklärt, dass sie von einem harten Schicksalsschlag getroffen wurde. Die Gesprächspartnerin hat sich schon gleich gedacht, dass mit ihr etwas nicht stimmen würde. Sie sei blass vor Müdigkeit und zittere am ganzen Körper. Sie habe tatsächlich Stress. Falls sie einen Becher oder eine Schöpfkelle dabei hat, solle sie ihr die Gegenstände geben. In der Nähe habe die Aufmerksame eine Quelle gesehen. Sie werde hingehen und frisches Trinkwasser schöpfen. Kuma kramt in ihrem Handgepäck. Ist das Mädchen aber wohlhabend! Der Becher ist aus purem Silber. Hat sie etwa einen reichen Verehrer? Die Quelle in der Nähe soll eine Wunderquelle sein und habe schon vielen geholfen. Das Wasser schmecke ein bisschen herb und salzig, aber es zerschmettere alle Sorgen und bringe unverhofftes Glück.

Die Hilfsbereite nimmt den Becher, geht zur Quelle und schöpft Wasser. Mit dem Rücken steht sie zu Kuma, die deshalb nicht bemerkt, dass dem Trinkwasser Gift beigemengt wird. Das Täubchen soll einen kräftigen Schluck nehmen, er werde sie von der Angst befreien und sie aller Sorgen entheben. Die Arglose trinkt den Becher in einem Zug leer. Kudma hat vom Eingang seiner Höhle den Vorfall beobachtet. Ein teuflisches Lachen erklingt und er verschwindet sofort wieder in seinem Loch. Welches schaurige Gelächter hat Kuma eben gehört? Sie lässt den Becher fallen. Bestimmt war es eine Adlereule, die gelacht hat. Es gibt viele Schrecken hier in diesem düsteren Morast.

Jagdhörner erschallen, Jäger streifen umher. Die Fremde erklärt, dass sie jetzt lieber gehen möchte, denn durch die Jagdhunde möchte sie nicht in Bedrängnis geraten. „Lebewohl, mein Kind, du wirst dich noch an mich erinnern.“ Die Fürstin steigt auf den Hügel und schaut in stiller Erwartung böse auf Kuma herab, die ihr aber keine weitere Aufmerksamkeit zollt.

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Endlich erscheint Juri. In tiefer Angst hat er sich nach ihr gesehnt. Die ganze Zeit habe sie auf ihn gewartet. Unter dem furchtbaren Schlag, den der Vater ihr zugefügt hat, war er tief beunruhigt, und ist nun froh, dass die Flucht geglückt ist. Ihr Häuschen wurde abgefackelt, aber jetzt sind sie zusammen und werden alles hinter sich lassen, was ihre Seele peinigte. Zusammen werden sie in die Freiheit entfliehen.

Die Fürstin ist anderer Ansicht. Hinter einem Baum hält sie sich versteckt. Heftige Schmerzen wird das Kind haben, die Zeit zu sterben sei gekommen. Der Höhlenmensch klinkt sich in die Betrachtungen der Fürstin ein. Die Stimmen der beiden Bösewichte vereinigen sich zu böser Häme. Die Zeit wird für die junge Frau kommen, um unter furchtbaren Schmerzen zu sterben. Sobald das Gift zu wirken beginnt, zernagt es ihr die Knochen. Noch ahnen Nastasja und Juri nicht, welch furchtbarer Schlag auf sie wartet. Hoffnungsvoll bekunden sie, dass sie sich vor Bosheit, Tyrannei, Heimtücke und Intrige absetzen wollen. Torturen und Tränen gehören der Vergangenheit an.

Was ist mit Kuma? Ihr Gesicht ist plötzlich aschfahl und sie sinkt in sich zusammen. In ihrem Innern schneidet und brennt es, dann ist ihr wieder kalt, sagt sie. Der Glanz ihrer Augen ist erloschen. Kudma lässt sich aus seiner Höhle vernehmen, um das Publikum über seine Emotionen nicht im Unklaren zu lassen. „Das Gift wird sie aussaugen wie eine grimmige Schlange“. Juri ist verzagt und weiß sich keinen Rat. Welche Summe an Unglück erreicht sie zur gleichen Zeit. Was kann es nur für eine schlimme Krankheit sein, die ihr zu schaffen macht? Gab ihr jemand Gift? Juri fragt es in tiefer Besorgnis. Kuma weiß es nicht. Eine Frau gab ihr aus einer Quelle Wasser zu trinken, welches bitter schmeckte. Nun schmerzen auch die Knie. Kuma fällt hin. Juri will wissen, von welchem Wanderer sie spricht. Die Fürstin kommt aus ihrem Versteck hervor und erklärt ihrem Sohn, dass sie gemeint sein könnte. Juri ist überrascht, an diesem Ort plötzlich seiner Mutter zu begegnen und Kuma begreift blitzartig die Zusammenhänge. Hochmütig legt die Fürstin ein Geständnis ab und setzt ihre Beweggründe auseinander. O Nastasja! Sie stirbt in Juris Armen. Was hat die Mutter getan? Er bettet Kuma auf seinen Knien. Solch seltene Gäste haben sich vor Kudmas Höhle noch nie versammelt. Der Alte schüttelt den Kopf und findet kein Ende, sich zu wundern.

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Inzwischen ist auch der Opernchor auf die Vorgänge am Ufer aufmerksam geworden. Der junge Prinz ist verzweifelt. Was ist mit Kuma passiert? Irgend etwas stimmt nicht. Shuran nähert sich und steht seinem Freund tröstend zur Seite. Er drängt ihn von Kumas leblosem und entstelltem Körper weg und führt ihn zur Seite. Stumm nähern sich die Gefährten, einer nach dem andern, um ihr Beileid zu bekunden. Für den Schmerz des Sohnes hat die Fürstin keine Gefühlsregung und beklagt sich, dass er sie ungerechtfertigt anbelle. Sie selbst habe die Untat nicht begangen. Der Himmel habe ihre rechte Hand geführt, um die bösartige Hexe zu bestrafen. Sie stand zwischen ihr und seinem Vater und spielte den einen gegen den anderen aus. Juri weiß nun, dass Nastasja unschuldig ist. Er wird die ruchlose Tat der Mutter heimzahlen. Ihr eigenes Gift kehrt von seinem Herzen zu ihr zurück. Shuran legt seinen Arm um seine Schulter und führt ihn weg. Die Fürstin nutzt seine Abwesenheit, den Jägern zu befehlen, den leblosen Körper Kumas in den Fluss zu werfen, an der Stelle, wo er am Dunkelsten ist. Juri sieht es nicht. Shuran spricht tröstend auf ihn ein und versucht, ihm einen Suizid auszureden. Er kann den furchtbaren Schmerz nicht ertragen. Als er zurückkommt und Nastasja nicht mehr vorfindet, erklärt ihm die Mutter, dass sie in der Oka ihr ewiges Grab gefunden habe. Juri eilt zum Ufer, um Abschied von der Geliebten zu nehmen. Er ringt die Hände in Verzweiflung. Sie töteten sie, sie zerschlugen sie! Nun ist er allein. Das Licht seiner Seele ist erloschen, das Glück hat ihn verlassen. Nirgends wir er es wiederfinden, nirgendwo findet er ein Nest. Der Chor kommentiert: Der Teufel hat gewirtschaftet, der Himmel möge die Schuldigen ermitteln und richten.

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Paissi dürfte dem Fürsten verraten haben, an welchem Platz er die Fürstin zurückgelassen hat. Seine Barkasse kommt herangeschaukelt. Ein Teil der Leute steigt mit ihm ans Ufer, andere bleiben im Fahrzeug zurück. Das ist also der Platz, an dem der Sohn seine liebe kleine Freundin unter Verschluss hält! Der Fürst greife zu spät in das Gefecht ein, Kuma weile nicht mehr unter ihnen, denn sie wurde getötet. Nicht mehr unter den Lebenden? Eine schlaue Antwort, aber das Bürschchen hat er nun auf frischer Tat ertappt. Er weiß, dass er sie für sich gedacht hat, deshalb wollte er auch mit ihr wegrennen. Aber er folgte ihm hart auf den Fersen und nun hat er ihn erreicht. Also, wo ist Kuma? Er soll ihm eine Antwort geben, sonst wird es ihm schlecht ergehen. Seinem Befehl soll er Folge leisten und ihm Kuma aushändigen. Juri antwortet mit Bitterkeit. Der Grausame könne über den Tod ruhig spotten, so wie er sich über das Leben auch lustig macht. In böser Freude kann er die Gewalttätigkeit genießen, die er der Dahingeschiedenen angedeihen ließ. Der Fürst zittert vor Wut, er solle das Maul halten. Er kann nicht still sein, entgegnet der Angeschriene, der Vater sei der eigentliche Mörder Kumas. Im Jähzorn schwingt der Erzürnte den schweren Stab, den er als Zeichen seines fürstlichen Ranges auf Reisen bei sich trägt und zertrümmert mit der harten Metallspitze dem Sohn den Schädel. Juris letzte Worte sind ein Dankeschön, dass er ihn mit der Geliebten auf ewig vereint hat. Die Menschen stehen vor Schreck stumm oder laufen konfus am Ufer auf und ab.

Wenn das menschliche Fassungsvermögen nicht ausreicht, ein Unrecht einzugrenzen, greift oftmals die Natur ein. Ein schweres Gewitter zieht auf, während sich die Fürstin in Verzweiflung über den Leichnam ihres Sohnes wirft. Der Fürst realisiert, was er getan hat und stellt Überlegungen an, wie er das Blut seines Sohnes von seiner Seele waschen kann. Er beging in der Tat eine unverzeihliche Sünde. Der Geruch frischen Blutes steigt ihm in die fürstliche Nase. Der Irritierte spitzt seine Ohren, denn durch Blitz und Donner hört er höhnisches Gelächter. Sein Geist verwirrt sich. Hört er durch das Heulen des Sturmes die Waldgeister oder haben die Pforten der Hölle sich bereits geöffnet? Die dämonisch hässliche Fratze Kudmas beugt sich über ihn und bestätigt seine letzte Mutmaßung.


Letzte Änderung am 26.12.2016
Beitrag von Engelbert Hellen