Jacques Offenbach (1819-1880):

La Périchole

deutsch Die Straßensängerin

Allgemeine Angaben zur Operette

Entstehungszeit: 1868, rev. 1874
Uraufführung: 6. Oktober 1868 in Paris (Théâtre des Variétés) - Fassung in zwei Akten
25. April 1874 in Paris (Théâtre des Variétés) - Fassung in drei Akten
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Erstdruck: Paris: Brandus, 18xx
Verlag: Paris: Joubert, 1955
New York: Boosey and Hawkes, 1956/57
Riverdale, NY: Classical Vocal Reprints, 2002
Bemerkung: Zweifellos gehört diese Operette zu den Meisterwerken Offenbachs. Der ungewöhnliche Schauplatz fesselt das Publikum genauso wie die spannende Erzählung, die allerdings nur fiktiven Charakter hat. Witz und Ironie werden vortrefflich in Szene gesetzt und die Pauke unterstreicht eindringlich des Volkes Stimmung auf dem Platz vor dem Lokal der drei Cousinen.

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[Details]
La Perichole (CPO, DDD, 2009/2010)
Jacques Offenbach (1819-1880)

MDR Rigaro 09 / 2013: "Musikalisch ein großes Vergnügen an exotischen Klängen und Rhythmen. Ernst Theiss läßt es ordentlich krachen. Er hat das Orchester der Staatsoperette Dresden zu vitalem, ja mitreißendem Spiel animiert."
klassik. com 12 / 2013: "Mit dieser 'La Perichole' gelingt der Staatsoperette Dresden und dem Label cpo ein wahrer Volltreffer. Diese Perichole ist eine wahre Wucht mit Temperament, Charme und mit Stimme. Am Pult des Orchesters steht der Chef persönlich: Ernst Theis. Schon die Ouvertüre hat den nötigen Schmiss, reißt den Hörer ungefragt ins ferne Operetten-Peru mit sich fort. Die großen Finali profitieren von Theis' rhythmischer Prägnanz und großer Durchsichtigkeit, was nicht zuletzt ein Verdienst des hervorragenden Klangbildes ist."

Zur Operette

Art: Opéra-bouffe in drei Akten und vier Szenen
Libretto: Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach einer Vorlage von Prosper Mérimée
Sprache: französisch
Ort: Lima (Peru)
Zeit: 18. Jahrhundert

Personen der Handlung

Don Andrès de Ribeira: Vizekönig von Peru (Bariton)
La Périchole: eine Straßensängerin (Sopran)
Piquillo: ein Straßensänger (Tenor)
Graf Miguel de Panatellas: Oberster Kammerherr (Tenor)
Don Pedro de de Hynoiosas: Gouverneur der Stadt Lima (Bariton)
Marquis de Tarapote: Kanzler (Sprechrolle)
Weitere: die drei Cousinen (Guadalena, Verganella, Mastrilla), vier Hofdamen (Manuelita, Ninetta, Bramdilla, Frasquinnella), der Marquis de Satarem, ein alter Gefangener (Sprechrolle) sowie Volk, Diener, Hofleute und Wachen

Handlung

1. Akt:

So wie vielen königlichen Machthabern zur Absicherung ihrer Regierungszeit daran gelegen ist, die allgemeine Gemütsstimmung der Bevölkerung vor Ort zu erfahren, ergeht es auch Don Andrès de Ribeira, seines Ranges Vizekönig von Peru. Eine gute Gelegenheit, besonders mit den weiblichen Spezies auf Tuchfühlung zu gelangen, bietet sich dem immer zu amourösen Abenteuern aufgelegten Souverän an seinem Namensfest, den die Einwohner von Lima vor dem Gasthaus der „Drei Cousinen“ ausgiebig zu feiern pflegen. „Im Wein liegt Wahrheit!“ An diesem Tag wird diese Tugend ans Licht gezerrt und aus der Staatskasse subventioniert, die danach so ausgeschöpft ist, dass man den Boden der Kassette erkennen kann.

Als Doktor verkleidet mischt sich der Vizekönig unter das Volk, denn er möchte hauptsächlich Gutes über seine Person und seinen Stil erfahren. Don Panatellas, sein Kammerherr, und Don Pedro, der Gouverneur von Lima, haben durch angeheuerte Beifallspender Vorsorge getroffen, dass Don Andrès angenehm berührt sein muss und vorwiegend Positives an ihn herangetragen wird. Was beglückt einen Herrscher mehr als die spontane Bestätigung, ein goldenes Zeithalter heraufbeschworen und dem Volk Glück und Segen beschert zu haben? Wenn der König sich in Zufriedenheit sonnt, darf der Pöbel sich bis zum Umfallen betrinken. Nun hat Jacques Offenbach der Wahrheit das Mäntelchen der Ironie umgehängt. Die Untertanen lassen es an Spott nicht fehlen, aber bei Don Andrès fehlt die Bereitschaft, diesen als solchen zu erkennen.

Die zwei Straßensänger Piquillo und Périchole sind von außerhalb gekommen und ebenso betrübt wie ausgehungert, denn mit ihren frivolen Liedchen erzielen sie so gut wie keine Resonanz, obwohl „hop la, hop la“ die Theaterbesucher von heute gerade ganz besonders entzücken. Eine kleine Gruppe von Akrobaten stiehlt dem Gesangsduo die Schau. Gern möchten die beiden heiraten, aber die Hochzeit - weil nicht finanzierbar - liegt noch in weiter Ferne. Weder die schmissige „Ballade vom Spanier und der Indianerin“, noch die „Geschichte vom Maultiertreiber und dem kleinen Mädchen“ finden Anklang. Das waffenklirrende Marschlied interessiert schon gar nicht, denn jetzt will man trinken und nicht kämpfen. Zudem ist Périchole müde und der Partner entfernt sich, um separat an anderer Stelle vielleicht doch noch eine kleine Einnahme zu erzielen.

Der Vizekönig kommt zufällig vorbei, sieht die Schlummernde am Wegrand und kann den Blick von solcher Fülle weiblicher Anmut nicht abwenden. Er wählt den kürzesten Weg, um ans Ziel zu kommen und lädt die Schönheit nach gewohnter Manier zum abendlichen Souper ein. Die Kleine hat eigentlich immer Hunger, und warum sollte sie ablehnen, was ihr mit freundlicher Grimasse angeboten wird. Mit blutendem Herzen ist ein Abschiedsbriefchen an Piquillo schnell geschrieben und wird beim Nachbarn hinterlegt. In wohlgesetzten Worten ist in dem Papierchen zu lesen, dass Périchole schwört, ihren Piquillo von ganzem Herzen zu lieben. Wörtlich heißt es: „O mon cher amant, je te jure que te j'aime de tout mon cœur. Mais, vrai, la misère est trop dure. Et nous avons trop de malheur! Tu dois le comprendre toi-même.“ Périchole erläutert, es sei nicht zu übersehen, dass ihr Pech zu groß sei, was er selbst auch festgestellt haben dürfte. So sehr sie ihn auch liebe, sei es besser, einstweilen getrennt zu marschieren. Man kann nicht länger lieb und nett zu einander sein, wenn das tägliche Brot fehlt; die Liebe stürbe schließlich an Auszehrung. Das seien schlimme Dinge, die sie aber sagen muss. Sie wird ihn immer anbeten, und er kann weiterhin auf ihre Liebe zählen. Sobald die Dinge sich zum Vorteil wenden, wird sie wieder zu ihm stoßen, aber im Moment mache der Weg an seiner Seite sie noch verrückt.

Der Vizekönig ist ein Mensch, der schnell zu begeistern ist. Das Mädchen hat Geist und Witz und sieht dazu unverschämt gut aus - alles Eigenschaften, die ausreichen, um sie zur Ehrendame der Vizekönigin zu erklären. Im Moment hat der Verliebte völlig vergessen, dass die Gemahlin kürzlich verstorben ist. In der Krypta der Kathedrale von Lima hat sie ihre letzte Ruhe gefunden, und es ist jedem Einwohner anheim gestellt, zu den Öffnungszeiten Blumengrüße zu deponieren.

Das abendliche Diner mit dem Vizekönig hat Périchole gut getan: „Ah quel diner je viens de faire! Ah quel vin extraordinaire! J'en au tant bu... mais tant et tant.“ Sie bestätigt, dass sie gut gegessen und der edle Wein es ihr angetan hat. Sie hat davon getrunken, noch und noch.

Eine Hürde ist jedoch noch zu überwinden. Eine Ehrendame der Königin hat aus moralischen Erwägungen verheiratet zu sein. Es gibt ein geschriebenes und ungeschriebenes Gesetz, dass die formelle Geliebte des Königs einen toleranten Ehemann vorzeigen muss. Die öffentliche Meinung will es so und ihr hat der Herrscher sich zu beugen. Also muss das Objekt der königlichen Begierde auf das Schnellste verheiratet werden.

Piquillo ist an den Ort zurückgekehrt, an dem er die liebe Gefährtin zurückgelassen hat. Der bedrückende Abschiedsbrief beschleunigt seinen Entschluss, sich aufzuhängen. Doch eine solche Verzweiflungstat lassen die Feiernden nicht zu und schneiden den nach Atem ringenden sofort wieder vom Ast. Die drei Cousinen bemühen sich, mit Küssen und Schnaps die Lebensgeister wieder munter zu machen, was auch gelingt, doch das Bewusstsein bleibt im Moment noch eingenebelt. Schnell sind drei Advokaten - auch nicht mehr ganz nüchtern - herbeigerufen, welche die Trauung von Piquillo und Périchole an Ort und Stelle unter der Aufsicht von Don Miguel vornehmen. Zunächst wollte Périchole die Zustimmung verweigern, doch als sie sieht, dass der neue Ehemann ihr Wunschkandidat ist, machte ihr Herz einen Luftsprung. Unverhofft ist sie ans Ziel ihrer Wünsche gelangt, und noch preiswert dazu. Das Schicksal meint es gut mit ihr. Piquillo stimmt das Duetto du mariage an: „Je dois vous prevenir, Madame, en bon époux, que j'aime fort une autre femme.“ Im Scherz warnt er seine Frau, dass er als guter Ehemann intensiv eine andere liebe. Bis jetzt hat Piquillo noch keine Ahnung, wen er tatsächlich geheiratet hat, denn die Braut war tief verschleiert. Letzteres ist ihm auch egal, die Abfindung war jedenfalls üppig. Don Andrès hat ebenfalls keine Ahnung, dass das frisch gebackene Paar bereits in Liebe miteinander verbunden war.

2. Akt:

Nachdem am folgenden Morgen die Hofdamen und der oberste Kammerherr ihren Rausch ausgeschlafen haben, werden sie sich bewusst, was sie in der Nacht durch Unvernunft angerichtet haben. Ein Straßenmädchen bekleidet nun das Hofamt der königlichen Mätresse und ist gleichzeitig ihre Herrin.

Erschrocken und ratlos laden sie ihren Spott auf Piquillo ab, der sich zunächst erst einmal zusammenreimen muss, was während seiner geistigen Abwesenheit abgelaufen ist. Man begegnet dem vornehm Eingekleideten mit einer Mischung aus Arroganz und Unterwürfigkeit und versucht, sich einzuschmeicheln. Die neue Umgebung ist dem Entertainer suspekt und er beschließt, das Terrain sofort wieder zu verlassen, sobald er seine frisch Angetraute dem Vizekönig formell vorgestellt hat. Piquillo hat nicht die geringste Ahnung, dass die Verschleierte Périchole ist, die er dem Mächtigeren abtreten soll. Maßlos wütend beschuldigt er sie der Treulosigkeit, als er mit den unbequemen Tatsachen konfrontiert wird. Ihr gelingt es nicht, den Rasenden zu besänftigen. Der Betrogene randaliert und aufgrund seines Widerstands gegen die Staatsgewalt wird er ins Gefängnis geworfen und landet in der Zelle für „widerspenstige Gatten“.

3. Akt:

Périchole lässt ihren lieben Mann nicht im Stich und besucht ihn im Gefängnis. Sie erklärt ihm ihre Liebe und beteuert, ihn niemals betrogen zu haben. Sein Gemüt ist besänftigt und die Geschmähte ist noch einmal ohne Prügelstrafe davongekommen. Périchole versucht, den Gefängniswärter zu bestechen, gerät aber an den Falschen. Es ist nämlich niemand anderes, als Don Andrès, der sich einen falschen Bart angeklebt hat, um seinem geliebten Volke unerkannt ganz nahe sein zu können. Jetzt wird die Verdächtigte auch noch angekettet, erhält aber die Option wieder freigelassen zu werden, wenn sie Reue zeigt und Besserung verspricht und die Erkennungsmelodie trällert.

Doch Glück und Zufall helfen den beiden aus ihrer verzweifelten Lage. Ein anderer „widerspenstiger Gatte“ war vor zwölf Jahren ebenfalls eingesperrt worden und hat sich mit dem Taschenmesser einen Gang gegraben, der zufällig genau zur Zelle der beiden Liebenden führt. Der „Graf von Monte Cristo“ wie er sich nennt, befreit sie von ihren Fesseln. Périchole singt die „Erkennungsmelodie“, die den Vizekönig erwartungsvoll herbeilockt. Ihn in gemeinsamer Anstrengung zu überwältigen ist kein Problem. Die Gefangenen nehmen ihm die Schlüssel ab und sperren ihn ein. Der Überraschte hat nun eine ganz neue Seite seiner lieben Untertanen kennengelernt.

VERWANDLUNG

Das Musikantenpaar ist nun wieder frei und unschlüssig, wohin es sich wenden soll. Es landet wieder vor der „Schenke der drei Cousinen“. Die Polizei ist unter der Führung Don Pedros und des Grafen Panatellas zu ungeschickt, die Gesetzesbrecher zu ergreifen, bis diese sich reumütig selbst stellen. Der Vizekönig ist wütend und - vom Fagott des Grafen von Monte Cristo begleitet - singen die beiden Ausreißer nun die Ballade „Von der Milde des Augustus“. Die Umstehenden zollen Beifall und die Huldigung kommt an der gewählten Adresse gut an. Mit einem Großen der Antike ist Don Andrès de Ribeira noch nie in einem Atemzug genannt worden. Sein Herz ist auf Gnade eingestimmt und im Einklang mit seinem großen Vorbild folgt er dem edlen Augustus und stellt seine eigene Milde zur Schau. Périchole darf ihren Schmuck behalten und bekommt dazu noch ein Abschiedsgeschenk. Piquillo geht nicht leer aus. Der spanische Edelmut soll leben!

Hintergrundinformation

Selbstverständlich kehrt die kleine Straßensängerin an den Ort, an dem sie mit Wohltaten überhäuft wurde, zurück und lebt in intimer Beziehung aber auch in ständiger Konfrontation mit dem Vizekönig von Peru. Aus Bosheit belegt dieser sie erst jetzt (Offenbach war ein bisschen voreilig) mit dem wenig schmeichelhaften Beinamen „La Périchole“, unter dem sie zu Theater-Ruhm gelangen wird.

Thornton Wilder hat später die Lebensgeschichte der Schauspielerin als Episode in einem schmalen Roman-Bändchen mit dem Titel „Die Brücke von San Luis Rey“ ausgewalzt. „La Périchole“ ist für Peru eine Ikone und als gefeierte Schauspielerin in die Theater-Geschichte des Landes eingegangen.


Letzte Änderung am 17.8.2009
Beitrag von Engelbert Hellen