Jean-Philippe Rameau (1683-1764):

Zoroastre

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1749, rev. 1756
Uraufführung: 5. Dezember 1749 in Paris (Königliche Musik-Akademie)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Bemerkung: Kann man den Zoroastre als die „französische Zauberflöte“ bezeichnen? Ähnlichkeiten sind unverkennbar! Die absolute Trennung von Gut und Böse, das Auferlegen von Prüfungen, die es zu bestehen gilt, ein bösartiges Weib und ein erhabenen Priester, der sich für die Reform der Weltordnung einsetzt, kommen auch in der Zauberflöte vor. Der derbe Humor der Mozart-Oper weicht im Zoroastre mit seinem Monumentalaufgebot an Elementargeistern allerdings eher unfreiwilliger Komik.

Auch Jean-Philippe Rameau hatte das Bedürfnis nach Reformen. Er verzichtete auf einen Prolog, der bisher üblich war, und komponierte für den Zoroastre eine sehr lebhafte Ouvertüre.

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Zoroastre-Suite (Glossa, DDD, 2000/1998)
Jean Philippe Rameau (1683-1764)

FonoForum 4 / 02: "Die vorliegenden Suiten zeigen den Komponisten auf der Höhe seiner Kunst. So bereiten die Live-Mitschnitte größtes Hörvergnügen: Die Musiker zeigen sich mit den Besonderheiten des französichen Stils wohlvertraut, die Besetzung ist groß und insbe- besondere im Bassbereich kräftig, der Klang üppig und dennoch transparent."

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Zoroastre (Opus Arte, 2006)
Jean Philippe Rameau (1683-1764)

FonoForum 01 / 08: "Sie wandeln traumschön auf den Instrumentalpfaden, die ihnen fein ausbalanciert Christophe Rousset mit seinen nur 27 Instrumentalisten bereitet. Jeder ist da ein Solist, schon sparsamste Rezitativbegleitung wird zum musikalisch spannungsvollen Ereignis. Einmal mehr hat man Rameau aus der Ecke des nur Dekorativen geholt und als Musikdramatiker geadelt. So werden barocke Opernträume wahr."

Zur Oper

Art: Lyrische Tragödie in fünf Akten
Libretto: Louis de Cahusac
Sprache: französisch
Ort: im heutigen Afghanistan
Zeit: etwa 1000 v. Chr.

Personen der Handlung

Zoroastre: Lehrmeister der Magie
Amélite: Thronfolgerin von Baktrien, Geliebte des Zoroastre
Erinice: eine Prinzessin aus dem Geblüt der Könige von Baktrien
Abramane: Hoherpriester im Ariman-Tempel, in Opposition zu Zoroastre
Zopire: Priester im Ariman-Tempel
Nabranor: Priester im Ariman-Tempel
Cephie: Hofdame von Amélite
Oromases: König der Genien, auf der Seite von Zoroastre
Weitere: außerirdische Wesen und Personifizierung von Attributen

Handlung

1. Akt:

ERSTER AUFTRITT

Ein schweres Gewitter hat die Gärten der Königin von Baktrien verwüstet. Das Volk ist bedrückt und sehnt sich nach einem kompetenten Führer, der gute Beziehung zum obersten Gott Ariman unterhält, und sich dafür stark macht, dass Naturkatastrophen solchen Ausmaßes zukünftig unterbunden werden. Wer wäre für die Position des Königs besser geeignet als Abramane, der Hohepriester? Die beiden untergeordneten Tempelpriester Zopire und Nabranor machen sich zu seinem Herold und schmeicheln, was das Zeug hält.

Überzeugt beteuert Zopire, dass seinem Vorgesetzten einfach alles gelingt. Das Volk, von den scheußlichen Verheerungen erschrocken, erwartet, dass die Götter den Thron neu vergeben. Abramame steht in den Startlöchern und benötigt eine Königin. Alles spricht dafür, dass Erinice, einer Prinzessin aus der Dynastie, die abgewirtschaftet hat, diese Gunst zuteil wird.

Kein Thronwechsel ohne Gegnerschaft! Sein mächtiger Rivale ist Zoroastre, der sich Lehrmeister der Magie nennt, obwohl er keine Schüler hat. In seiner Gefolgschaft befindet sich Amélite, die rechtmäßige Erbin des Thrones von Baktrien. Abramane wurde von ihr verschmäht, was diesen maßlos wütend macht. Er räsoniert, dass er ein gefühlloses Weib, welches ihm mit Hohn begegnet, nicht genug bestrafen kann. Alles Übel, das er von ihr zu erdulden hatte, wird seine Wut ihr heimzahlen - zu groß war ihr Undank. Die Götter und das Volk haben den frechen Sektenführer einer feindlichen Gemeinde - gemeint ist Zoroastre - in Acht und Bann gesteckt. Der König, den die Irrlehren des Ruchlosen betörten, hat in den besten Jahren das Dasein lassen müssen. Sobald er die Tücken der Liebe siegreich überwunden hat, schätzt Zopire die Situation ein, hat Abramane freie Bahn. Der Umschmeichelte gibt zu bedenken, dass der Gegner in die Verbannung geschickt sich zwar auf der Flucht befinde, aber immer noch lebe. Der Herrlichkeit der Götter soll der Hohepriester mit Eifer gedenken - allein aus Dankbarkeit, dass er ihre Altäre geschützt hat, werden sie zu ihm halten.

Abramane muss zugeben, dass der Gegner auch im Exil noch genügend Schauder einflößt. Nabranor setzt auf die Zauberkraft, die Ariman in die Hände des Furchtsamen gelegt hat. Deshalb wird der Gegner seinen Schlägen auf Dauer nicht entrinnen können. Aber Zoroastre kann doch auch zaubern. Was soll’s? Seine glanzvolle Macht rührt ihn im Moment nicht. Wie schmeichelt doch die Lockung des Thrones seiner Seele. Diese prunkvolle Sitzgelegenheit ist das einzige, was seiner Größe noch abgeht. Ohne Unterlass beschäftigen ihn die Wünsche seines Herzens. Wird er sich auf Erinice verlassen können? Zopire soll nachsehen, wo sie bleibt! Wenn es nicht Liebe ist, so soll Ruhmesglanz sie zusammenführen. Opfer ohne Zahl sollen die Götter bewegen, Liebesglück zu bescheren. Erinice verhält sich diplomatisch. Wenn die Gunst der Götter für sie spricht, will sie sich ihm um diesen Preis ergeben. Wenn Abramane sie herrschen lässt, so schwört sie, will sie mit ihm die Krone teilen. Sie bekräftigt: Sobald sie ihren Eid brechen sollte, mögen die schrecklichen Götter in Zorn ausbrechen und einen Blitz auf ihr Haupt hernieder senden und sie zu Staub zermalmen. Abramane zaudert nicht länger, den heiligen Bund zu besiegeln. Er zerbricht einen Zauberring und überreicht ihr die Hälfte.

ZWEITER AUFTRITT

Abramane erklärt der Prinzessin, dass es mit der Tyrannei des Phaeres jetzt vorbei sei. Ein unheilvolles Band verdecke ihm die Augen. Die Götter, die er glaubte stürzen zu können, geben ihm langsames Geleit zur Nacht des Grabes. Er möchte die Völker des Kontinents glücklich sehen, nach nichts anderem trachtet Abramane. Amélite sei königlichen Geblüts, doch Erinice habe gleichfalls Anrecht auf den Thron. Durch seinen Mund werden die Götter ihren Ratschluss verkünden. Erinice möchte gern mit dem Herrschen beginnen und fragt, was es zu tun gibt.

Abramane ist mit der Vergangenheit noch nicht fertig. Aus seinem Herzen muss das Bildnis einer undankbaren Frau gelöscht werden. Der Liebesgott war streng zu ihm und hat es fertiggebracht, den Thron für die schönen Reize Erinices freizuhalten. Die Letztgenannte sieht die Situation kühl und begegnet dem Ehrgeizigen in Augenhöhe. Abramane habe es nicht nötig, sich zu erklären, die Winkelzüge soll er gefälligst bleiben lassen! Sie kenne ihn zur genüge, und sie selbst wird er noch kennen lernen. Vergeblich hegte sie für Zoroastre zartes Fühlen. Damit es für immer erlischt, müssen sie sich in wilder Raserei einig sein, um die Süße einer Vergeltung ohnegleichen voll auszukosten. Ihrer Rache diene es mehr, wenn man sich im Moment nicht unnütz ablenke, sondern sich auf die Wallungen der Liebe besinne. Erinice will das Beben ihrer Rivalin und ihre Zähren fließen sehen.

DRITTER BIS SECHSTER AUFTRITT

Die zartfühlende Amélite soll schauen, wie die Freundinnen sie umtanzen und ihren Spielen zuschauen. Der Kummer, der sie betrübe, weiche neuer Hoffnung ganzer Süße. Ihre Freundin Cephie fordert sie auf, ihren Tränen Einhalt zu gebieten, denn der Himmel kann vor der Tugend nicht unerbittlich sein. Der teure Gebieter möge zurückkommen, um über die ergebenen Völker Baktriens und über das treue Herz Amélites zu herrschen. Der frevelhaften Wut der Barbaren möge Zoroastre die Stirn bieten und nicht länger zögern, aktiv zu werden. Cephie vertritt die Auffassung, dass der Liebesgott für ein flehendes Herz keine Härten kennt, die ewig währt. Wenn Aurora Tränen vergießt, sprießen bald die schönsten Blüten. Amélite ängstigt sich. Wird das teure Herz des geliebten Zoroastre an sie denken oder sehnt es sich nach einer anderen Frau? Das wäre schlimm, weil sie ihm ihr Leben geweiht hat. Nein, keine flüchtige Flamme vermag ihr den Geliebten zu rauben. Ihre Herzen folgen ihrer Neigung und haben sich zu gegenseitigem Geschenk auserkoren. Der holde Gleichklang ist den goldenen Pfeilen des Liebesgottes zu verdanken.

Amélite glaubt Erinice auf ihrer Seite, sorgt sich um sie und sieht die Prinzessin in Gefahr. Sie fürchtet für ihr Leben mehr, als für sich selbst, sagt sie. Die Angeredete sieht die Sache völlig anders und verkündet, dass die Zeit der Heuchelei jetzt vorbei sei. Jetzt wird Amélite ihren Hass und ihre Macht zu spüren bekommen. Sie soll sich schon einmal auf Qualen, die bitterer sind als der Tod, einstellen und zittern. Amélite kann sich nicht erklären, woher die bittere Regung kommt. Erinice ruft die Geister der Grausamkeit herbei, die ihren Befehlen ergeben sind. Von dem bösartigen Abramane hat sie sich die Viecher ausgeliehen, und sie sollen jetzt wüten und Schrecken und Hoffnungslosigkeit hinterlassen. Amélite fleht zu den gerechten Göttern, sie zu beschützen oder ihr geeignete Waffen in die Hand geben. Doch der Unschuld Schrei verhallt. Erinice befiehlt, ihren Schritten zu folgen und zu zittern, denn der Höllenfürst wird sich jetzt ihrer annehmen. Die Geister der Grausamkeit ergreifen die sich Sträubende und zerren sie mit sich fort. Der Vorhang fällt und lässt den Opernbesucher im Unklaren, was aus der zartfühlenden Amélite nun wird.

2. Akt:

ERSTER UND ZWEITER AUFTRITT

Zoroastre hat im Exil eine angemessene Unterkunft gefunden. Er ist zu Gast im Palast von Oromases, dem König der Genien, was der Position eines Elfenkönigs gleichkommt. Ihm dienen alle guten Geister, während Abramane über die bösen verfügt. Die Grenzen von Gut und Böse sind fließend. Besonders die Geister der Elemente sind sich oft nicht schlüssig, wer nun wirklich ihr Gebieter ist. Es herrscht Verwirrung, mal dienen sie dem einen und mal dem anderen. Im Reich des frohen Sinns mit schönen Spielen und glanzvollen Verlockungen fühlt Zoroastre sich nicht wohl, denn nichts kann seinen Gram besänftigen. Inmitten dieses Hafens von Frieden ist sein Herz voller Sehnsucht und Kummer. Wenn der würdige Gegenstand zärtlicher Liebe nicht wäre, würde er nicht mehr leben. Seine Seele ist ständig bei ihr. Den tausendfachen tödlichen Verdruss, der ihn befällt, kann das Vergnügen um ihn herum nicht neutralisieren. Den Opernbesucher mag es in Erstaunen versetzen, dass ein Religionsstifter, von dem man wähnt, dass er ausschließlich spirituellen Neigungen nachgeht und sich um die Verbreitung seiner Lehre kümmert, sinnlichen Verlockungen in solchem Umfang ausgeliefert ist.

Oromases ist der gleichen Ansicht. In seinem Hause hat der Gast Tage der Untätigkeit verbracht, während der Erdkreis klagt, dass ein Scheusal ohne Erbarmen die Menschen mit eiserner Gewalt in Angst und Bangen versetzt. Auf einen schweren Schicksalsschlag soll der Befreundete sich gefasst machen. Es geht nun darum, Amélites Ketten zu sprengen. Steht das Mädchen etwa in der Gewalt von Barbaren, während der Lüfte unermessliche Weiten ihn von einem solch kostbaren Gegenstand fernhalten? Der Schicksalsschläge Last und der Lüste Lockung hat sie bis jetzt siegreich überstanden. Der Himmel prüft sie, um ihm Gelegenheit zu bieten, seine Trägheit zu überwinden. Außerdem wird es langsam Zeit, das Universum zu befreien. Will Oromases seinen Dauergast etwa loswerden? Für seinen Kampf gegen die Mächte der Finsternis bietet ihm Oromases Unterstützung an. Die Geister des Feuers, der Luft, der Erde und der Wogen sollen im Flug oder herbeigezogen kommen. Es sind Aufgaben zu bewältigen!

DRITTER AUFTRITT

Geister und Dämonen sind für rationelles durchdachtes Arbeiten wenig zu gebrauchen und müssen ständig angefeuert werden. Entweder haben sie zu wenig Hirn oder gar keins. Was sie tatsächlich lieben, ist der Tanz. Die guten Geister tanzen diszipliniert fromme Reigen, während die Furien die ausgelassene und bisweilen unzüchtige Sarabande bevorzugen. Die Elemente gehören zu den schwer kontrollierbaren Kräftebündeln, haben kein Hirn und richten zuweilen furchtbaren Schaden an. Zoroastre muss den Klang seiner Stimme forcieren, damit das Himmelstor sich öffnet und der Herr der Welt geneigt ist, sich seine frommen Wünsche anzuhören. Des Schicksals und der Zeiten tiefes Dunkel sollen vor seinem Ruf in nichts zergehen – eine Auskunft mit welcher der Magier wenig anfangen kann. Er stolpert über eine Wolke, die Geister der Elemente helfen ihm wieder auf die Beine und bilden einen Zauberkreis um ihn. Der Opernchor macht Mut. Zoroastre soll seinem Ruhm entgegenfliegen und den Höllenmächten Ketten anlegen, damit es im Universum heller wird. Oromases sieht dagegen schwarz! Mit Beharrlichkeit soll er sich wappnen, denn es gehe um sein Leben. Ein Augenblick der Schwäche kann ihn ins Verderben stürzen. Zoroastre ist frohen Mutes. Soll er tatsächlich den Tyrannen fürchten, dem er immer trotzte? Alles Unglück hat seine Grenzen, muss seinen Lauf aber vollbringen. Unter ihrer Ketten Last liegt die zartfühlende Amélite und stößt Klageseufzer aus. Der Tross macht sich auf den Weg, um zu versuchen sie aus ihrer trostlosen Lage zu befreien. Bei dem enormen Aufwand an Helfern sollte es eigentlich funktionieren. Zum Abschied schenkt Oromases dem Scheidenden als Reiselektüre das Buch Zend.

VIERTER UND FÜNFTER AUFTRITT

In den unterirdischen Gewölben der Festung von Baktrien wird die zartfühlende Amélite gefangen gehalten und von zynischen Dämonen bewacht. Die Viecher behaupten, der Höllenfürst plane, ihr nachzustellen, und selbst nach dem Tode werde er ihr noch Rache zollen. Lästig sind die Quälgeister und folgen der Prinzessin auf Schritt und Tritt. Erinice frohlockt und fordert die Gefangene auf, dem Thron zu entsagen. Stolz spottet diese der Gewalt und zeigt keine Ansätze zur Nachgiebigkeit. Mit dem Dolch in der Hand stürzt Erinice sich auf ihr Opfer, doch für den Todesstoß ist es zu spät. Zoroastres Zauber hat die Eisentür zerbrochen, ist zur Stelle und kann den Stahl zur Seite biegen. Amélite ist glücklich, den teuren Geliebten wiederzusehen. Hätte der Liebesgott ihn nicht geleitet, würde sie sich niemals mehr des Himmelslichts freuen können. Was empfindet Erinice? Ihr Arm hat ihren Hass im Stich gelassen. Für ihren Befreier wird die zartfühlende Amélite nun leben. Am Übermaß ihres Wütens sollte er zumindest theoretisch ihr Übermaß an Liebe respektieren. Die Dämonen kommen sich überflüssig vor und verschwinden, die Gefängnismauern auch.

SECHSTER UND SIEBTER AUFTRITT

Zoroastre eilt, die Schande ihrer Ketten durch den Glanz höchster Würden auszulöschen. Sie ist die Wonne seiner Sinne und das Entzücken seiner Seele. Endlich wird seinem tiefen Sehnen Lohn zuteil, und Amélite folgt dem Hang grenzenloser Zärtlichkeit. Alles hat sie wiedergefunden, was sie liebt. Die Völkerschaften Baktriens huldigen dem wiedervereinten Paar. Die Rückkehr von Zoroastre und Amélites Befreiung werden gefeiert. Das Gejauchze findet kein Ende; das Ballett ist gefordert. Die Unglückszeiten sind vorbei, und süße Freuden werden wieder auferstehen, nachdem Zoroastre zurück ist.

3. Akt:

ERSTER BIS DRITTER AUFTRITT

Erinice hat sich zu Abramane begeben. Ihre schrankenlose Raserei soll sie mäßigen und die Schläge abwarten, die er selbst dem Feind zufügen wird. Wenn sein eigener Hass waltet, reicht das vollkommen aus. Ihre Emotionen dienen lediglich dazu, ihn zu nerven. Erinice betont, dass es ihre Sache sei, den Missetäter zu bestrafen. Eine Hochzeit steht bevor, und die Hochzeitsgäste sind im Anmarsch. Der wetterkundige Abramane ruft ein Gewitter herbei, um das Volk zu zerstreuen. Erinice erkennt, dass die Maßnahme nicht ausreicht und befürchtet, dass die Rivalin ihrer Wut entrinnt und den Sieg davonträgt. Ihre Hassgefühle hält Abramane für die Schreie einer enttäuschten Liebe. Sich damit auseinander zu setzen hält er für Zeitverschwendung. Der Zauberkundige lässt ein Wolkentaxi kommen, welches die Zeternde einhüllt und mit ihr verschwindet.

Große Missetaten will Abramane mit Wagemut vollbringen, damit ihm ruhmvoller Lohn winke. Der Tod umlauert den Gegner, denn unter seinen Schritten wird seine Rache tausend Schlünde öffnen. Die wankelmütigen Völker, die sich unterstehen, seine Macht zu verkennen, müssen eines besseren belehrt werden. Systematisch geführte Schläge werden sie zur Besinnung bringen.

VIERTER UND FÜNFTER AUFTRITT

Feuergoldene Morgenröte zeigt sich am Himmel, und die lieben Vöglein künden den Tag mit Singen an. Zum schönen Feste ruft sie des Liebesgottes Stimme. Die Liebesflammen, die er entzündet hat, sollen Zoroastre Anreiz bieten, immer treu zu sein. Amélite will die schönsten Bande knüpfen, damit den Windungen der Liebe das Glück nachfolgt. Für den Geliebten wollte sie einst sterben, jetzt wird sie für ihn leben. Der Glanz unzähliger Strahlen verschönert die Lüfte. Es wird Frühling, das zarte Grün duftet, und schon bald wird es frisches Obst geben. Die Völker Baktriens, die am Flussufer wohnen, halten Einzug. Zum Vermählungsfest von Zoroastre mit seiner zartfühlenden Amélite wird gesungen und getanzt.

SECHSTER BIS ACHTER AUFTRITT

Andere junge Paare aus dem Gebirge empfinden das zärtliche Bedürfnis, sich ebenfalls zu vermählen. Der Liebesgott soll seinen Bogen nehmen und die Pfeile durch die Lüfte surren lassen. Plötzlich gibt es ein furchtbares Unwetter. Theaterdonner ertönt und Feuerstrahlen stürzen herab. Amélite spürt wie die Erde bebt, und Zoroastre stellt fest, dass das Licht des Tages schwindet. Abramane hat sich in die Lüfte begeben und kontrolliert das Chaos von oben. Feuerströme sollen hernieder stürzen, um seinen Schimpf zu rächen. Die stolzen Stürme aus dem Norden werden beauftragt, im Lande Schrecken und Verheerung zu verbreiten. Amélite ist auf einen Baumstamm gefallen und sieht ihr Leben entschwinden. Die Völkerschaften fordern sich gegenseitig auf zu fliehen. Zoroastre sieht, wie das Leben aus Amélite entgleitet – sie fragt bereits: Wo bin ich? Der Opernbesucher sorgt sich um den Librettisten, weil dieser keine Möglichkeit aufzeigt, dem Guten zum Sieg zu verhelfen. Zoroastre hat auch keine Idee – geistige Trägheit hat ihn befallen. Schließlich besinnt er sich darauf, alle guten Geister zur Hilfe zu rufen. Zunächst sollen sie Amélite, um die er sich im Moment nicht kümmern kann, aus der Gefahrenzone schaffen. Zu weiteren Aktivitäten reicht die Kraft und die Zeit nicht, denn der fallende Vorhang kündet das Ende des dritten Aktes.

4. Akt:

ERSTER BIS DRITTER AUFTRITT

Der geheime Tempel des Ariman befindet sich in der Unterwelt, weil das Böse in den Keller gehört. Abramane meditiert! Die nagenden Gewissensbisse sollen ihn vor weiterem Schauder bewahren. Die grausamen Tyrannen, die sein Herz beherrschen, der unbarmherzige Hass und die schonungslose Rache sollen ihrem eigenen Ungestüm erliegen. Um Grunde seiner Seele herrscht das gewaltige Verlangen, seine Taten positiv beurteilt zu sehen. Nun sieht er den Abgrund, der sich vor ihm auftut, und erkennt seine Tiefe. Das Geschrei der Unschuldigen erschüttert ihn und macht ihm Angst. Tiefer Kummer und Schrecken ohne Unterlass breiten sich in seiner Seele aus, und er erkennt, dass seine Macht nur Schaden anrichtet. Er fragt die Rachegötter selbst, welche Gewalt ihrer Raserei Einhalt gebieten könnte. Seltsame Töne sind es, die Abramane von sich gibt. Der Opernbesucher denkt nach: Nach dieser Theorie birgt das Böse den Keim der Zerstörung in sich selbst und müsste durch das Gute nicht mehr bekämpft werden. Die Folge wäre eine Welt der Inaktivität, verbunden mit einer gigantischen Grauzone. Die darstellende Kunst müsste dafür büßen, denn ohne Mord und Eifersucht in der Welt gäbe es keine Oper mehr. Deshalb wäre es besser die Notwendigkeit des Bösen als Bestandteil der Weltordnung zu akzeptieren.

Zopire spricht davon, dass Zoroastre der äußersten Bedrängnis entronnen sei, welche die Höllengeister seinem Mut entgegengestellt haben. Was im einzelnen abgelaufen ist, erklärt der Librettist nicht und verrät nur so viel, dass eine Stimme aus den Lüften erschallte, welches die Streiter des Bösen veranlasste, die Klingen gegen sich selbst zu richten. Kurz formuliert, eine Meuterei in den eigenen Reihen hat die Wende bewirkt und die Schuldgefühle Abramanes eingeleitet. Nabranor macht ihm Vorhaltungen, dass es mit den Gräueltaten seiner Höllenkünste nun zu Ende geht. Die Winde liegen an der Kette, und Grün und Blüten führen den Frühling auf die öde gewordenen Felder neu zurück.

VIERTER AUFTRTT

Erinice ist stocksauer und beschimpft Abramane als Verräter. Es besteht keine Hoffnung, und der Ruhm, sich gerächt zu haben, wird ausbleiben. Seinen Verbrechen, die kein Resultat erbrachten, ist sie mit Widerwillen auf ewig verbunden. Abramane bietet schwachen Trost. Ein Rückschlag, der vorübergeht, soll Erinice nicht ins Wanken bringen. Weshalb hegt sie Befürchtungen, obwohl sie seine Macht kennt? Sie soll Mut fassen, denn schimpfliches Verzagen geziemt nur dem Elenden, der ohne Gewalt auskommt. Was soll die Gemaßregelte erhoffen? Amélite lebt weiter, und der Geliebte liegt in Anbetung vor ihr. Hat er eine Vorstellung, welche Qual es ihr bedeutet, diesen Anblick zu ertragen? Sieht er nicht, wie viel Seligkeit die beiden genießen?

FÜNFTER BIS ACHTER AUFTRITT

Eine eherne Doppeltür schützt den Zugang zum Heiligtum gegen Unbefugte. Doch Erinice ist es erlaubt mit seelenruhigem Gesicht den verborgenen Mysterien eines Kultes zuzuschauen, der Furcht erregt. Dem allerhöchsten Spender allen Übels, gemeint ist Ariman, drohen düstere Unglückszeiten, wenn dieser keine Anstrengungen unternimmt, seinen Ruf als unumschränkter Herrscher der Welt energisch entgegenzutreten. Sein Ruhm ist angegriffen, und er soll nicht zögern, Blitze durch die Lüfte zucken zu lassen. Nur seinem Schrecken dankt er es, dass die Völker ihm überhaupt noch Weihrauch spenden. Seine Raserei, die recht und billig ist, soll er in Sturzbächen von Blut nähren. Ein Opfer wird gerade auf dem blutigen Altarstein geschlachtet, damit Ariman nicht verdurstet. Dazu werden Sühnetänze geboten, die Jean Philippe Rameau eigens für den Tempel der Schrecken komponiert hat. Es sind die zahlreich erschienenen Geister des Hasses und der Verzweiflung, die sich in besonderem Maße angesprochen fühlen. Die Personifizierung der Rache spricht Erinice sogar persönlich an. Sie soll ihrem Leid ein Ende setzen, denn unerhörte Schmähung wurde ihr angetan. Hass findet Gefallen am Genuss, und es bringt keinen Spaß, wenn er nur langsam kriecht und schleicht. Doch wenn der rechte Augenblick gekommen ist, muss man die Gelegenheit beim Schopf fassen. Erinice ist begeistert: In ihrer Vorstellung sieht sie die verhasste Rivalin bereits in ihrem Blute schwimmen. Allerschlimmste Schläge sollen Zoroastre kampfunfähig machen. Ein spitzer Dolch soll ihn durchbohren. Der Hass, der feinfühligen Herzen innewohnt, ist so grenzenlos wie die heiß brennende Liebe. Die Erzürnte reicht Abramane eine Keule, er soll nur auf seine Wut hören und mit unheilvollen Heldentaten seinen Mut zeigen. Die Raserei soll ihm den Arm führen und Brandschatzung und Verheerung sollen auf seinem Weg die Vorhut und die Nachhut bilden. Wenn es sein muss, soll er scheußlichem Tod keck die Stirn bieten. Wichtig sei nur, dass der Schimpf, der beiden angetan wurde, gerächt wird. Beginnen soll nun des Feindes Folterqual. Wie reich ist die Rache doch an süßen Gaben. Die Geister des Hasses und der Verzweiflung und viele Teufelchen, in den Händen Äxte, Schlangen und Fackeln haltend, führen einen diabolischen Tanz auf. Eine Stimme aus der Unterwelt feuert die Tänzer an. Die Tugend sollen sie erbeben und den Mut erblassen lassen. Die Hölle hat das Wort und erwartet, dass der Opernbesucher ihr aufmerksam zuhört.

5. Akt:

ERSTER BIS DRITTER AUFTRITT

Erinice irrt in der freien Natur umher und wird von Liebesschmerzen geschüttelt. Wohin hat Zoroastre seine Schritte gelenkt? Nirgendwo findet sie eine Spur von ihm! Der grausame Liebesgott lässt sie zwischen Hass und Liebe hin und her pendeln. Welch ein Zufall? Zoroastre kreuzt plötzlich ihren Weg. Er soll gefälligst seine Abscheu vor ihr verbergen und ihre Seelenpein respektieren. Die Raserin muss er nicht mehr fürchten, ihr Hass sei verstummt. Was bildet Erinice sich eigentlich ein? Zoroastre fühlt sich nicht genötigt zu beben, wenn Erinice rast. Wer den Tod fürchtet, hat ihn auf der Stelle verdient. Wenn der Undankbare sie selbst nicht fürchtet, soll er der Wut der Priester Arimans gedenken. Ihre Wildheit, ihre Schreie und ihre widerwärtigen Ränke peinigen ohne Unterlass ihr verstörtes Herz. Der Gefährdete soll keine Zeit verlieren und fliehen, denn Abramane hat sich mit den Höllenmächten verbunden, um sein Vernichtungswerk zu vollenden. Der Gewarnte dagegen will den barbarischen Göttern trotzen. Ihre frevlerischen Priester hasst er, und auf ihren zertrümmerten blutigen Altären wird er sich seinen Triumph bereiten. Unheilvolle Zauberkunst erkennt Erinice auf beiden Seiten. Das Wüten der Hölle sei in ihr Herz gedrungen. Sie schaudert vor Grauen, weil sie fühlt, zermalmt zu werden. Aber ihr Schicksal möge dem Undankbaren egal sein, wichtig sei einzig, dass er die furchtbaren Schrecknisse, die sich in Vorbereitung befinden, übersteht. Sein glückliches Überleben sei der einzige Lohn, den ihre Liebe noch erheischt. Allerdings sei die zartfühlende Amélite in ihre wohlmeinenden Wünsche nicht eingeschlossen. Ein unglückliches Geschick will es, dass beide Frauen sich hassen. Geeignete Schmähungen hat sie im Moment nicht zur Hand, weil das Herz sich nicht mehr zwingen lässt, zu gehorchen. Zoro trifft die Feststellung, dass Erinice von Abgrund zu Abgrund taumelt, um den Frieden zu suchen, vor dem sie flüchtet. Doch das gerechte Los für böse Missetaten sieht vor, dass die Schande der Verwirrung auf dem Fuß folgt. Erinice soll jetzt verschwinden, weil Amélite gleich kommt, um als neue Königin die Huldigung der Völkerschaften entgegenzunehmen. Aus der Ferne hört man bereits den Opernchor Triumphgesänge anstimmen. Weiß Erinice eigentlich nicht, dass sie sich auf dem Feld Zerdoust befindet, wo die Könige von Baktrien gekrönt werden?

VIERTER AUFTRITT

Nun wird es richtig spannend. Cephie, die sich längere Zeit im Verborgenen gehalten hat, lässt vor Zoroatre ihre Tränen kullern. Schreckliches hat sie zu berichten, und der Opernchor bestätigt ihren Report. Zum Entzücken aller Herzen befand sich Amélite auf blumenübersäten Weg mit Kurs auf den Thron. Plötzlich geriet die Luft in Bewegung, ein Wirbelsturm entstand und Feuerflammen stürzten hernieder und rissen das Königskind aus ihrer Mitte. Bewaffnete Priester erscheinen im Hintergrund und verkünden, dass jetzt die stolze Erinice regieren wird. Unermessliche Gewalt ist über Zoroastre hereingebrochen. Ohne Amélite kann er nicht leben. O schändliche Verzweiflung! Welch bitteres Missgeschick ist Zoroastre widerfahren.

FÜNFTER BIS ACHTER AUFTRITT

Unter der Führung von Abramane tritt die gesamte Clique aus der Unterwelt auf. Zoroastre soll beben, zumindest wanken. Die Götter haben eine andere Wahl getroffen, Zoroastre soll sie akzeptieren. Doch auch in höchster Not lässt das Mundwerk den Meister aller Klassen nicht im Stich. Schon zu lange wartet der Verräter auf sein Ende! Wenn Zoroastres widerwärtige Gewalt nur aus Worten besteht, reicht das nicht aus, um Abramane zu erschrecken. Amélite befinde sich in seiner Gewalt, seiner Willkür ist sie überlassen und vor seinen Augen wird Abramane sie schlachten!

Zoroastre fühlt, dass er diesem schauderhaften Schicksalsschlag erliegt. Notfalls wird er zu sterben wissen. Weshalb zögern die Mächte des Himmels, ihm beizustehen? Haben alle guten Geister ihn verlassen? Beschwörend hebt Zoroastre die Hände zum Himmel und fleht, dass seine Widersacher hinabstürzen mögen in die tiefsten Höllenschlünde. Es klappt! Man muss ganz fest an eine Sache glauben, dann schenkt der Himmel auch Gehör. Der Schoß der Erde tut sich auf und verschlingt alle Wesen, die Zoroastre für böse hält und seiner Sendung im Wege stehen. Erinice ist auch bei den Verlierern.

Die Szene wandelt sich, und es erscheint ein prächtiger Tempel, ein Meisterwerk der Bühnenarchitektur. Elementargeister schauen aus den Fenstern oder stehen auf dem Balkon. Glücksgüter, Künste und Tugenden haben ihr eigenes Appartement. An Ausstattung fehlt nichts, was einem Tempel des Lichts gut ansteht. Wer hat das Wunder vollbracht? Oromases, der König der Genien, hat ihn sich ausgedacht. Er selbst fährt in einem leuchtenden Wolkenschlitten vor. Auch die zartfühlende Amélite, die von den Genien gerade von ihren Ketten befreit wird, geht freudestrahlend auf ihren Zoroastre zu.

Oromases hält eine kleine Ansprache. Die himmlischen Götter haben Zoroastres Tugend noch einmal auf die Probe stellen wollen. Kleiner Scherz von oben! Die erforderliche Punktzahl für Weisheit und Geschick, für Mut und Ausdauer wurde erreicht. Zoroastres Aufgabe besteht nun darin, den Prachtbau instand zu halten und sorgfältig zu bewachen. Oromases verkündet, dass Frieden nur entstehen kann, wenn ein gutes Einvernehmen zwischen Herrscher und Untertanen besteht. Der Wohltäter wünscht glückliche Zeiten, und alle schauen hinterher, wie er auf seiner rosigen Wolke entschwindet.

Nach der Fülle der Ereignisse gibt es zur Entspannung erst einmal Ballett. Zoroastre und Amélite werden gekrönt und mit Blumengirlanden umwunden. Die Liebe wird nun in beider Seelen ohne Unterlass brennen. Nun wendet sich das Herrscherpaar dem neuen Palast zu, um die Prunkräume zu besichtigen und die Privatgemächer zu reservieren. Einige lärmende Elementargeister, die sich unangemessen breit machen und sich nicht anpassen können, wird der Schlosseigentümer wohl des Weges schicken müssen, ohnehin ist die Wohnstatt hoffnungslos übervölkert.


Letzte Änderung am 24.3.2012
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony