Gioacchino Rossini (1792-1868):

Ciro in Babilonia ossia La caduta di Baldassare

deutsch Cyrus in Babylonien / englisch Cyrus in Babylon, or The Downfall of Belshazzar / französisch Cyrus à Babylone ou la Chute de Balthazar

Allgemeine Angaben zur Oper

Entstehungszeit: 1812
Uraufführung: 14. März 1812 in Ferrara (Teatro Comunale)
Besetzung: Soli, Chor und Orchester
Verlag: Melville, N.Y.: Belwin Mills, 197x
Bemerkung: Wegen des pseudosakralen Inhalts ursprünglich als Oratorium konzipiert, hatte man schnell herausgefunden, dass Ciro in Babylon sich auch szenisch gut darstellen lässt. Verdis Nabucco vorwegnehmend, erfüllte das Werk musikalisch alle Voraussetzungen, die das Publikum erwartete. Rossini war nicht zimperlich, Melodien aus seiner dritten Oper „L'Equivoco stravagante“, die wegen Anzüglichkeit der Zensur zum Opfer gefallen war, erneut auszuwerten. Das Musikdrama ist ein Juwel, nur Wenigen bekannt.

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Ciro in Babilonia (Naxos, DDD, 2004)
Gioacchino Rossini (1792-1868)

Künstler: Riccardo Botta, Anna Rita Gemmabella, Luisa Islam-Ali-Zade, Maria Soulis, Wojtek Gierlach, Giorgio Trucco, Württemberg Philharmonia Orchestra, Antonino Fogliani

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Ciro in Babilonia (Opus Arte, 2012)
Gioacchino Rossini (1792-1868)

,,Will Crutchfield dirigiert Orchester und Chor des Teatro Comunale di Bologna mit Fingerspitzengefühl für fein dosierte Effekte und baut so einen Spannungsbogen auf, der über die ganze knapp drei Stunden lange Oper fast immer aufrechterhalten werden kann." (DAS OPERNGLAS, Januar 2014)

Zur Oper

Art: Drama mit Chor in zwei Akten
Libretto: Francesco Aventi
Sprache: italienisch
Ort: Babylon
Zeit: 539 v. Chr.

Personen der Handlung

Baldassare: König der Assyrier in Babylon (Tenor)
Ciro: König von Persien, zunächst verkleidet als Botschafter (Alt)
Amira: Gemahlin des Ciro und Gefangene Baldassares (Mezzosopran)
Argene: ihre Vertraute (Mezzosopran)
Zambri: ein Babylonischer Prinz (Bass)
Arbace: Anführer der Leibwache Baldassares (Tenor)
Daniele: ein Prophet (Bass)
Cambyse: Persischer Thronfolger im Kindesalter (stumme Rolle)

Handlung

1. Akt:

Obwohl der Sieger noch gar nicht feststeht, feiert man im Königspalast zu Babylon den Triumph über die Perser, deren Heer vor den Mauern der Stadt lagert, um den geeigneten Zeitpunkt abzupassen, die Stadt einzunehmen. Bei einem Überfall auf das feindliche Lager ist es den Assyrern allerdings gelungen, die Gemahlin des Ciro und den kleinen Thronfolger Cambyse zu entführen. Amira und ihre Vertraute Argene werden dem Herrscher vorgeführt, der ihnen freundlich gesonnen ist. Baldassare ist sich bewusst, welche kostbare Geisel er mit der gefangenen Königin in Händen hält und versucht alles, Amira für sich, seine Ziele und sein Herz zu gewinnen. Der Platz der Königin von Babylon ist vakant und nichts würde seinem politischen Ehrgeiz mehr schmeicheln, als die Gattin des Ciro auf dem Platz an seiner Seite zu wissen. Das Angebot, Königin von Babylon zu werden, findet die Angesprochene jedoch allzu bescheiden, denn sie sei bereits Königin eines mächtigen Reiches und hat ihrem Gemahl einen Thronfolger geschenkt. Optisch gesehen könne er sich mit dem strahlenden Ciro nicht vergleichen. Sein Königstitel sei angemaßt, Baldassare sei lediglich Anwärter auf den Thron seines verstorbenen Vaters Nabonid. Babylonier sei er auch nicht, sondern er komme aus dem öden Norden und sei als Assyrer ein Eindringling. Baldassare führt sie auf den Boden der Realität zurück. Als seine Gefangene könne er von seiner Verfügungsgewalt auf recht unliebsame Weise Gebrauch machen. Sie solle den Thron von Babylon nicht gering einschätzen, in dessen Rückenlehne seien weitaus hochkarätigere Juwelen eingelassen, als der Thron von Pasagarde aufweisen kann. Wenn es ohnehin keine Wahl gibt, sei es töricht, ein wohlmeinendes Angebot abzulehnen, nach welchem seine Kebsweiber gern die Finger ausstrecken würden. Aber nur die Königin des Iran sei das einzige Juwel, welches sich auf dem Prunkstuhl an seiner Seite harmonisch ausmachen würde. Amira bleibt kalt und stolz und behauptet kühn, dass sie lieber sterben wolle, als die Liebe ihres Gemahls verraten. Amira kann sich die stolze Haltung durchaus leisten, denn Ciro wird alles tun, um Frau und Kind aus der Gewalt des Feindes zu befreien. Baldassare wird es nicht wagen, dem Objekt seines glühenden Interesses ein Leid zuzufügen. Das hat er auch nicht vor. Allerdings verspürt er keine Lust, sich die Vorzüge seines ärgsten Feindes unablässig vorführen zu lassen. Er denkt, dass Amira sich schon noch besinnen wird und es im Moment lediglich darum geht, Allüren zu ignorieren. Er befiehlt Prinz Zambri, die Hochzeit zu rüsten.

Argene versucht, Amira Trost zu spenden und Mut zu machen. Der Zufall kommt ihr zur Hilfe. Der Anführer der Leibwache des Königs ist ein übergelaufener Perser namens Arbace. Es stellt sich heraus, dass er der frühere Geliebte von Argene ist. Das unerwartete Wiedersehen löst Freudentränen aus. Der Vertrauten der Königin gelingt es, des Landsmanns alte Anhänglichkeit zu mobilisieren und sie erzählt ihm, dass Baldassare Schändliches mit seiner Gefangenen vorhat. Arbace schließt sich der Empörung an und verspricht, über wirksame Hilfe nachzudenken.

SZENENWECHSEL

Im Feldlager der Perser vor den Mauern Babylons ist die Stimmung niedergedrückt. Ciro beklagt sein bitteres Schicksal und ist zu Tode betrübt, weil Königin und Thronfolger sich in Feindeshand befinden. Er verspürt Handlungsbedarf und erwägt, den Sturm auf die Stadt am nächsten Morgen zu beginnen. Triumph oder Tod, eine andere Alternative gibt es für ihn nicht! Hilfe kommt unverhofft. Ein Mann in persischer Kleidung, vermutlich ein Spion aus der Stadt, bittet vorgelassen zu werden. Es ist Arbace, der Geliebte Argenes, der dem König Auskunft über das Befinden seiner Familie geben will und der Gefahr, in welcher die persische Königin sich befindet. Ein unmittelbarer militärischer Schlag würde die Gefahr für die Geiseln noch vergrößern, und der Wohlgesonnene rät Ciro zur List. Er versichert dem Perserkönig durch Gefolgschaft und verdeckte Mitarbeit, seine Unternehmungen zu stützen.

SZENENWECHSEL

Von Angesicht zu Angesicht kennen sich Baldassare und Ciro nach Vorstellung des Librettisten nicht und sind sich auf diplomatischem Parkett nie begegnet. Deshalb kann Ciro es sich leisten, sich von Arbace in den Palast eingeschleust und mit den Vollmachten eines ordentlichen Botschafters ausgestattet beim König vorzustellen. Wider Erwarten gibt sich der Assyrer verhandlungsbereit und gutwillig, denn das Heer der Feinde vor den Mauern der Stadt verschafft ihm Unbehagen. Sobald Ciro seine Truppen zurückziehe, werde er ihm die Kriegsgefangenen und den kleinen Cambyse übergeben, die Königin jedoch verbleibe als Friedenspfand in seinen Händen. Ciro bekommt einen Wutanfall, so dass Baldassare den Botschafter auffordern muss, sich zu mäßigen und Gepflogenheit zu wahren. Unannehmbar für die persische Seite sei der Vorschlag, aber ist es dem Botschafter erlaubt, die Königin wenigstens zu sprechen? Amira ist sprachlos und so verwirrt, den Gemahl unvermutet zu sehen, so dass Ciro Zeit hat, sich als Gesandten der Krone vorzustellen, um dem König Kunde von Frau und Sohn zu überbringen. Amira klagt bitter, dass sie ihren Mann und ihn umarmen möchte und gibt ihrer Emotion in perlenden Koloraturen Ausdruck; es ist die Arie „Vorrei veder lo sposo“. Der begleitende Opernchor sieht sich genötigt, die Überschwängliche zur Vorsicht zu mahnen, damit sie sich nicht verrate. Es gelingt, die Verzweifelte zu beruhigen. Auch Baldassare hat ein Herz und lässt den kleinen Cambyse holen, um den Botschafter von seinem Wohlbefinden zu überzeugen. Zum Schein trägt der Verkleidete vor, dass der König der Perser seiner Frau befehle, zwecks Friedenssicherung den assyrischen Herrscher zu heiraten. Amira erschrickt über die unerwartet abrupte Ablehnung des Gemahls und fällt in Ohnmacht. Das Übermaß an Emotion, welches ein Botschafter seiner Königin entgegenbringt, macht Baldassare misstrauisch. Er lässt die beiden zwar allein, postiert aber in einiger Entfernung einen staatlich geprüften Lippenleser, der dem König den Dialog meldet, den der Eindringling mit seiner Frau – aus vorübergehender Bewusstlosigkeit erwacht - führte.

Erkannt und verraten lässt Prinz Zambri den Gegner festnehmen und in Ketten legen. Baldassare hat sich in den Kopf gesetzt, entweder Hochzeit mit Amira zu halten oder einen schmachvollen Tod für die königliche Familie anzuordnen. Der Opernchor zeigt sich bestürzt und sieht im Moment keinen Ausweg. Der Bühnenvorhang senkt sich und gewährt den Handlungsträgern Zeit zum Nachdenken.

2. Akt:

In den unterirdischen Gewölben des Palastes harren Ciro und die persischen Gefangenen ihres Schicksals. Ciro ist verzweifelt, und der Sieger in vielen Schlachten und der Bezwinger des großen Krösus fragt sich, welcher Verkettung von Umständen ihn in diese unangemessene Lage gebracht hat. Der Chor vertritt die Auffassung, dass einzig Amira imstande wäre, dem Unglücklichen Trost zu spenden. Er besinnt sich auf den Gott der Hebräer, denen er wohlgesonnen ist, und fleht zu diesem, ihn aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Ciro gelobt, im Falle eines Sieges über die verhassten Assyrer das Volk Israel frei zu lassen. Jahwe gibt ein positives Zeichen und sendet Amira zu ihm. Doch Baldassare mit seinen Fackelträgern folgt ihr auf dem Fuße und droht mit dem Tod, wenn Amira sich nicht endlich seinen Wünschen fügen würde. Doch die Ehepartner haben sich entschlossen, lieber zu sterben, als unehrenhaft zu leben.

SZENENWECHSEL

Der König hat zum festlichen Bankett geladen. Die Prinzen und Nebenfrauen erscheinen, die Wesire und Würdenträger des Reiches sind geladen und viele ausländische Ehrengäste. Der Bankettsaal, ein Kleinod der Innenarchitektur mit schönen Wandfriesen und Darstellungen von Personen und mythologischen Wesen aus glasierten Ziegeln bilden ein vortreffliches Ambiente. Verzierte Weihrauchkessel sorgen für angenehmen Duft, und die Fackelträger schaffen eine stimmungsvolle Beleuchtung. Selbstverständlich bekommen die Königin von Persien und ihre Vertraute Argene einen Liegeplatz in der Nähe des Herrschers. Dieser eröffnet das Fest mit der traditionellen Huldigung an den Hausgott Baal. Die Gäste besingen die Wohlgerüche Arabiens und stimmen einen Toast auf die Freuden von Lust und Liebe an.

Um das Volk der Hebräer zu provozieren, lässt Baldassare die heiligen Gefäße aus dem Tempel von Jerusalem holen, die seine Vorgänger dort geraubt haben. Er lässt sich die Herkunft nochmals ausdrücklich bestätigen und schickt sich an, einen mit Edelsteinen besonders schön dekorierten Kelch als Trinkgefäß für Alkoholisches zu benutzen. Doch der beleidige Gott der Hebräer nimmt es übel und lässt sich die Schmähung nicht gefallen. Die Überlieferung berichtet, dass unter Blitz und Donner in diesem Augenblick eine Hand erscheint und in Flammenschrift die Worte „Mene mene tekel upharsin“ an die Wand schreibt. Die allgemeine Bestürzung ist groß. Man kann die Worte zwar lesen, kennt aber ihre Auslegung nicht. Man denkt zunächst an den Ulk eines Studenten des „Technischen Instituts für angewandte Wissenschaften in Babylon“. Übersetzt heißen die Worte: „gezählt, gewogen, geteilt“. Gemeint sein könnte, dass die Haremsdamen zuerst gezählt und dann unter ärztlicher Aufsicht gewogen werden müssen. Geteilt ist die Meinung, ob das Volumen an Naschwerk und süßem Kuchen zu verringern oder verdoppeln ist. Doch mit dieser profanen Auslegung gibt Baldassare sich nicht zufrieden und lässt die Gelehrten des Reiches aus ihren Betten holen, denn der Ernst der Situation soll nicht von Spaßvögeln heruntergespielt werden. Unter den Weisen befindet sich auch Daniel, ein prominenter Hebräer, ausgestattet mit der Gabe des Hellsehens. Dieser trifft eine Deutung aus der Sichtweise des Auserwählten Volkes und stellt fest, dass sein Gott beleidigt sei, weil wiederholt gegen ihn gefrevelt wurde.

Die Konsequenz ist furchtbar. Es seien die Tage der Fremdherrschaft gezählt und die Inaktivität, dem hebräische Volk wieder die Freiheit zu geben, sei der Kritik anheim gefallen. Das Reich werden Meder und Perser unter sich aufteilen. Unter den Schwertern der Feinde werden die Menschen dem Tod überantwortet und Mauern und Türme geschleift werden. Die Zerstörung wird vollkommen sein, und die Ruinen sollen Schlangen und Gewürm als Unterkunft dienen. Von der Herrlichkeit Babylons wird nichts übrig bleiben. Nichts wird mehr an die sündige Stadt erinnern, weil der Wind die Menschen wie Staub in alle Welt zerstreut.

Von der Deutung des Hebräers ist Baldassare zutiefst erschrocken. Nun möchte er aber auch noch die babylonischen Schriftgelehrten anhören, die zu einem ganz anderen Resultat kommen. Diese hüten sich, dem Herrscher Weisheiten zu verkünden, die dieser missbilligen könnte. Siegreich und glücklich wird er sein und ein hohes Lebensalter erreichen. Richtig sei allerdings, dass die Götter zürnen. Es werden zu wenig Blutopfer gebracht. Baldassare lasse die lokalen Götter verdursten. Die prominenten Gefangenen Amira und Ciro würden wohlgefällige Gaben sein und die Götter wieder versöhnen. Baldassare ist durchaus geneigt, Ciro und den kleinen Cambyse zu opfern, doch er zaudert, auch Amira dem Beil des Henkers zu überantworten. Die Schrift erlischt an der Wand.

Amira ist bereit, sich freiwillig zu opfern, wenn Ciro und Cambyse ihr Leben behalten dürfen. Sie fleht zu den Göttern, ihr diese Gunst zu gewähren. Argene, ihrem Nachahmungstrieb gehorchend, weint mit.

SZENENWECHSEL

Die königliche Familie wird im Morgengrauen zur Hinrichtungsstätte geleitet. Argene folgt ihnen in tiefer Trauer. Um sein eigenes Leben hat Ciro keine Angst, ihn quält das jammervolle Schicksal von Frau und Kind. Er umarmt noch einmal seinen Sohn. Da er keine weiteren Machtmittel besitzt, droht er den Henkern mit der Strafe des Himmels. Im Elysium wird man sich wiedersehen, wenn das Schicksal sich nicht im letzten Augenblick noch wendet.

Doch das Schicksal hat ein Einsehen. Baldassare ist im Zustand der Volltrunkenheit noch in der Nacht ermordet worden. Im persischen Heerlager bereitete die allzu lange Abwesenheit des Führers Sorge, und man organisierte den Angriff. Der Sturm auf die Mauern war von Erfolg gekrönt und die Stadt konnte eingenommen werden. Möglicherweise war Verrat im Spiel. Prinz Zambri berichtet selbst, dass er mit der Verteidigung der Stadt überfordert war. Ein kleines Blutbad musste angerichtet werden, um zu den Gefangenen vorzudringen. Von ihren Ketten erlöst, danken sie dem Himmel. Die Ketten werden nun Zambri angelegt, der jedoch auf Milde hofft. Militärische Aufgaben sind seine Stärke nicht, er möchte lieber die Siegesfeier für Ciro organisieren. Der Jubel des Volkes ist grenzenlos und überträgt sich auf den Opernbesucher, denn Rossini hat – wie es bei ihm später zur Gewohnheit wird – ein prächtiges Finale komponiert.


Letzte Änderung am 14.9.2012
Veröffentlichung mit Zustimmung von musirony